Zeit 28.05.2026
15:15 Uhr

Energiekrise in Kuba: »Ohne eine Einigung mit den USA gibt es keinen Ausweg«


Der Ökonom Ricardo Torres hat gerade seine Eltern in Havanna besucht. Er sieht Kubas Wirtschaft im freien Fall – und erklärt, warum das letzte Öl aus den USA kommt.

Energiekrise in Kuba: »Ohne eine Einigung mit den USA gibt es keinen Ausweg«
US-Präsident Donald Trump droht in diesen Tagen schon wieder mit einem Angriff auf Kuba – obwohl es sich in dem krisengeschüttelten Land auch so schon anfühlt wie in einem Krieg: stundenlange Stromausfälle, kaputte Infrastruktur, eine humanitäre Krise etwa in den Krankenhäusern. Seit die USA den Druck auf Kubas Energielieferanten Anfang 2026 massiv verschärft haben, geht der Insel der Treibstoff aus . Ricardo Torres, Ökonom an der American University in Washington, D. C., war gerade bei seinen Eltern in Havanna zu Besuch. Im Interview mit der ZEIT erklärt der 44-Jährige, warum er für Kuba keinen Ausweg mehr sieht ohne ein Abkommen mit den USA. DIE ZEIT: Sie sind gerade aus Havanna zurückgekehrt. Wie haben Sie die Stadt erlebt? Ricardo Torres: Havanna scheint mir jetzt auf demselben Stand zu sein wie der Rest des Landes. Lange war die Hauptstadt vom Schlimmsten verschont, aber jetzt sind zwölf, fünfzehn, sechzehn Stunden Stromausfall am Tag die Norm. Und man sieht kaum noch Fahrzeuge auf den Straßen. In drei Tagen habe ich einen einzigen Bus gesehen. Der öffentliche Nahverkehr war in Kuba nie gut – jetzt aber fehlt er fast völlig. Havanna ist dicht besiedelt, man kann vieles zu Fuß erreichen. Doch ich frage mich wirklich, wie Menschen zurechtkommen, die weiter entfernt von Schulen und Geschäften leben . Ricardo Torres ist ein kubanischer Ökonom. Er hat an der Universität von Havanna promoviert und war dort bis 2021 Professor. Seitdem lehrt und forscht er an der American University in Washington, D. C. Seine Schwerpunkte sind Wirtschaftsreformen in Planwirtschaften und die US-kubanischen Wirtschaftsbeziehungen. Seiner Familie hat Torres bereits 2025 große Batteriespeicher und ein Solarpanel gekauft, zudem aufladbare Ventilatoren und Lampen sowie kleine Power Banks. Er sagt: So kämen Menschen zurecht, die es sich leisten können oder denen jemand aus dem Ausland hilft. Die meisten Familien säßen im Dunklen, wenn der Strom ausfällt, und könnten oft nicht einmal kochen. ZEIT: Warum hat sich die Lage jetzt so dramatisch zugespitzt? Torres: Das hat sich über Jahre angebahnt. Die kubanische Energieversorgung war zuletzt extrem von Venezuela abhängig. Nicht nur, weil von dort das Öl kam, sondern weil die venezolanische Regierung besonders günstige Bedingungen bot: Kuba zahlte nicht in Devisen, sondern mit Dienstleistungen. Es entsandte Ärzte, Lehrer, Sicherheitspersonal. Dieses Arrangement war eine Art Schutzschild für die kubanische Wirtschaft. ZEIT: Bis die USA dort Anfang des Jahres den Präsidenten Nicolás Maduro entführt haben. Seither liefert Venezuela kein Öl mehr nach Kuba. Torres: Wobei es schon vorher, wegen seiner eigenen Krise, die Lieferungen erheblich gedrosselt hatte. Das hat die kubanische Wirtschaft über Jahre unter Druck gesetzt, die Stromausfälle haben stetig zugenommen. Aber ja, die neue venezolanische Führung hat im Januar als eine der ersten Konzessionen an die USA die Öllieferungen nach Kuba eingestellt. ZEIT: Und dann hat Donald Trump per Dekret noch allen Ländern Zölle angedroht, die Kuba mit Öl beliefern. Seitdem kommt etwa auch vom zweitgrößten Lieferanten Mexiko nichts mehr. Welche Energiequellen hat Kuba noch? Torres: Russland hat im März einen letzten Tanker durchgebracht, mit etwa 100.000 Tonnen Rohöl. Das ist längst aufgebraucht. Kuba fördert zwar eigenes Öl, kann es aber im Augenblick kaum noch raffinieren. Das kubanische Öl ist sehr schwer, vor der Verarbeitung muss leichteres Öl zugesetzt werden, das die Kubaner aber eben importieren müssten. Außerdem produziert Kuba Erdgas, das der Staat vor allem zur Stromerzeugung nutzt und über Leitungen in Teilen Havannas verteilt. Minimale staatliche Reserven dürften noch vorhanden sein, wahrscheinlich nur noch für offizielle Zwecke. Und dann gibt es die Ölimporte aus den Vereinigten Staaten. ZEIT: Moment, aus den Vereinigten Staaten? Trotz Embargo? Torres: Ja, das sind Privatimporte: In Kuba dominiert zwar der Staatssektor, es gibt aber auch etwa 10.000 private Unternehmen, und einige Hundert von denen haben Verträge mit den USA und importieren Öl – vor allem Diesel. Solche Importe sind nach US-Recht vom Embargo ausgenommen, wenn die Unternehmen sie für ihren eigenen Betrieb nutzen. Aber die Mengen sind winzig. Dieses Öl kommt nicht per Tanker, sondern in kleineren sogenannten Isotanks auf Containerschiffen. Im gesamten ersten Quartal 2026 waren es um die 30.000 Barrel, das entspricht etwa anderthalb Tagen des kubanischen Verbrauchs in normalen Zeiten. ZEIT: Verwenden die Unternehmen dieses Öl wirklich selbst? Torres: Allem Anschein nach bringen manche mehr ins Land, als sie brauchen, und verkaufen den Rest. Auf dem Schwarzmarkt war Benzin zuletzt für rund zehn US-Dollar pro Liter zu haben. Das staatliche Ölunternehmen CUPET hat darauf reagiert und erklärt: Was immer ihr zu verkaufen habt, kaufen wir und geben es zum Marktpreis an die Bevölkerung weiter. Der kubanische Staat hat das Vorgehen so in gewisser Weise legalisiert. ZEIT: Ist der Schwarzmarkt nicht profitabler? Torres: Vermutlich schon. Aber wer dabei erwischt wird, verliert seine Lizenz – und damit womöglich das ganze Geschäft. ZEIT: In Kuba wird schon länger über eine Abkehr vom Öl und eine Hinwendung zu erneuerbarer Energie gesprochen – das war sogar ein Lieblingsthema Fidel Castros, als er noch lebte. Könnten Sonnenkraft, Windräder und Biogas nicht helfen? Torres: Langfristig ja. Ende 2024 hat die Regierung mit chinesischen Anbietern ein Abkommen geschlossen. Seitdem werden im ganzen Land Solarparks gebaut – bisher 1.300 Megawatt neue Kapazität, und das in etwa anderthalb Jahren. Doch der Energieminister hat schon eingeräumt, dass derzeit nur die Hälfte davon genutzt werden kann, weil die nötigen Speicher gerade erst fertiggestellt werden. Das andere Problem: Die Solarkapazität muss ja in die Leitungen eingespeist werden, aber das Stromnetz wird seit Jahrzehnten unzureichend gewartet und ist sehr instabil. Und die konventionellen Kraftwerke produzieren weit unter der vorgesehenen Leistung und fallen immer wieder aus . Die Erneuerbaren sind in der aktuellen Krise noch keine Lösung. ZEIT: Was wäre die kurzfristige Lösung? Torres: Mehr Treibstoff, mehr Kraftwerke. Kuba hatte vor einigen Jahren mehrere schwimmende Kraftwerke von einer türkischen Firma geleast. Solange sie Treibstoff hatten, erzeugten sie erhebliche Mengen Strom. Mittlerweile hat Kuba bei dem Unternehmen Schulden und die meisten Anlagen sind wieder abgezogen worden. Solche Lösungen gäbe es also, aber Kuba fehlt das Geld. ZEIT: Also braucht es eine externe Finanzierung? Torres: Genau, einen internationalen Fonds, Hilfsgeldzahlungen, irgendetwas in der Art. Zumindest in der ersten Phase, bis die Wirtschaft wieder anspringt. Und damit sind wir bei der Rolle der USA. Ich sehe heute keinen Ausweg für Kuba ohne ernsthafte Verhandlungen und letztlich eine Einigung mit den USA. ZEIT: Danach sieht es nun so gar nicht aus. Torres: Über solche geheimen Verhandlungen zu spekulieren, ist immer heikel. Aber klar zu sein scheint, dass die USA einen Regimewechsel wollen – und es sieht nicht so aus, als sei das für die kubanische Regierung akzeptabel. Doch angesichts des Zustands der Wirtschaft und des Energiesystems gibt es keine Lösung ohne die USA. Keine. ZEIT: Könnte sich die kubanische Wirtschaft denn berappeln, wenn es den Druck und das Embargo aus den USA nicht gäbe? Torres: Ich denke nicht. Die kubanische Regierung hatte jahrzehntelang jede Gelegenheit, die Wirtschaft zu reformieren – unter weit günstigeren Bedingungen als heute, mit Unterstützung von Verbündeten, der EU, zeitweise der US-Obama-Regierung. Sie hat es nicht getan. Das ist Teil des Problems. ZEIT: Wie sehen die Kubaner das selbst? Torres: Ich kann nicht mit Auswertungen von Meinungsumfragen dienen. Aber eine Einschätzung höre ich bei meinen Gesprächen immer wieder: Die Chance auf Wandel von innen ist null. Die Regierung hat Angst davor. Deshalb sagen viele Menschen: Wenn unsere einzige Möglichkeit ist, dass die USA Wandel von außen erzwingen – dann ist es eben so. Das ist keine Begeisterung für die USA, sondern erschöpfter Pragmatismus, weil keine Alternativen bleiben. ZEIT: Funktioniert wirtschaftlich in Kuba überhaupt noch irgendetwas? Torres: Wenig – ich sehe da eine Wirtschaft im freien Fall. Die letzten Möglichkeiten, noch irgendwelche Devisen zu bekommen, schwinden gerade: In den ersten vier Monaten dieses Jahres sind 56 Prozent weniger Touristen nach Kuba gekommen als im Vorjahr. Das kanadische Unternehmen, das die größte Nickel- und Kobaltmine des Landes betrieb, will sich zurückziehen – gezwungen durch die US-Sanktionen . Von den Exportindustrien scheint nur noch die Zigarrenbranche zu laufen, aber davon hält man ja kein Land am Leben. ZEIT: Haben Sie eine Prognose, wie es jetzt weitergeht? Torres: Nein, wer kann das im Moment schon vorhersagen? Ich kann nur sagen: Der Druck auf Kuba wächst. Und die Menschen leiden. Die derzeitige Situation ist untragbar und ihnen gegenüber unfair.