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05.02.2026
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit einem Kommentar zu Obdachlosigkeit und der Frage, warum die Ermittlung zum mutmaßlichen Mord in Wandsbek eingestellt werden könnten.

Liebe Leserin, lieber Leser, am Dienstagabend war ich beim Landesparteitag der CDU. Es war ein entspannter, ruhiger Parteitag, ganz anders als in Wahlkampfzeiten. Mit der Hamburger CDU geht es mir so, dass ich sie mag, obwohl ich aus sachlichen Gründen oft nicht mit ihr einverstanden bin. Wie sie seit Jahren unverdrossen gegen die rot-grüne Dominanz anrennt, wie sie ohne Aussicht auf Erfolg Vorschlag um Vorschlag unterbreitet, wie sie ihren Betrieb am Laufen hält, obwohl er wenig Macht und Posten zu verteilen hat – all das finde ich liebens- und bewundernswert. Hier möchte ich aber von einer anderen Beobachtung erzählen. Als ich nach einer halben Stunde Fahrt auf überwiegend eisfreien Wegen bei der Medienberufsschule in Dulsberg eintraf, in der die Christdemokraten tagten, schloss ich mein Rad an einem großen Fahrradständer am Rand des Parkplatzes an. Rundum drängten sich Autos, Taxis setzten ihre Passagiere ab. Mein Rad aber stand vollkommen allein im Schnee zwischen den vielen Abstellbügeln, die tagsüber den Berufsschülerinnen und -schülern zur Verfügung stehen. Vorher hatte ich mir überlegt, draußen am Fahrradständer einen konservativen Radfahrer anzusprechen und nach seinen Erfahrungen in dieser autodominierten Partei zu fragen. Daraus wurde nichts. Ein Parteitag ist eine familiäre Angelegenheit, Parteien formen Freundeskreise und Urlaubsgemeinschaften. Gut möglich, dachte ich drinnen in der gemütlich warmen Aula, dass niemand in dieser Partei seine täglichen Wege mit dem Rad erledigt oder auch nur Menschen kennt, die es tun. Natürlich ist das nicht erforderlich, um gute Verkehrspolitik zu machen. Ich glaube ja auch nicht, dass man im Rollstuhl sitzen muss, um barrierefreie Bahnhöfe zu planen. Aber vielleicht ist die Fähigkeit hilfreich, sich manchmal in die Lage anderer zu versetzen. Und womöglich halten die Hamburger Christdemokraten brauchbare und auch bei Eis und Schnee halbwegs passierbare Radwege einfach darum für einen Luxus, den sich grüne Ideologen ausdenken, um Autofahrer zu schikanieren, weil sie sich nicht vorstellen können, selbst auf solche Wege angewiesen zu sein. Es war dann, wie gesagt, ein sehr netter Parteitag, eine Augenblicksgemeinschaft aus Politik und politischer Berichterstattung, die sich am Ausgang schlagartig auflöste. Dann tauchten wir in unsere unterschiedlichen Welten ein, die Autofahrer und Autofahrerinnen fuhren ihrer Wege, ich der meinen. Haben Sie einen schönen Tag! Ihr Frank Drieschner Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Am 31. Mai können Hamburgerinnen und Hamburger in einem Referendum über eine Olympia- und Paralympics-Bewerbung der Stadt abstimmen. Laut einer repräsentativen Trend-Research-Umfrage im Auftrag von Radio Hamburg würden aktuell 50 Prozent für die Olympia-Bewerbung stimmen, 41 Prozent dagegen; 9 Prozent sind unentschlossen. Besonders hoch ist demnach die Zustimmung bei 16- bis 39-Jährigen (rund zwei Drittel), bei über 60-Jährigen liegt sie bei 34 Prozent. Der Luxus-Immobilienmarkt hat 2025 in Hamburg angezogen: Eine Auswertung des Immobilienentwicklers Dahler zeigt, dass 312 Eigentumswohnungen im Luxussegment verkauft wurden (ab 10.000 Euro/qm) und damit knapp 12 Prozent mehr als im Vorjahr. Außerdem gingen 356 Häuser – 7 Prozent mehr – für über eine Million Euro an neue Käufer. Die teuerste Immobilie war demnach eine Wohnung in Harvestehude, für die 13,5 Millionen Euro gezahlt wurde. Am Bahnhof Dammtor ist ein 49-jähriger Bahnmitarbeiter von einem Mann angegriffen und verletzt worden und kam mit Kopf- und Oberkörperverletzungen ins Krankenhaus. Der Vorfall passiert einen Tag nach dem Angriff in Rheinland-Pfalz, bei dem ein Zugbegleiter nach einer Ticketkontrolle starb. Nachricht des Tages Eine Woche nach dem mutmaßlichen Mord an der 18 Jahre alten Fatemeh Z. im U-Bahnhof Wandsbek Markt will die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellen. Da auch der Verdächtige Ariop A. verstorben ist, gebe es keine rechtliche Grundlage für weitere Nachforschungen, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft der ZEIT. Wie aus Videoaufnahmen vom Bahnsteig hervorgehen soll, hatte der 25-jährige Ariop A. das Opfer plötzlich gepackt und mit sich vor einen einfahrenden Zug gerissen. Zunächst hatte die Polizei noch Zeugen befragt und auch eine Auswertung von technischen Daten, etwa des Handys von Ariop A., geprüft. Alle Ermittlungsmaßnahmen sollten nun "kurzfristig" eingestellt werden. Ob somit etwa noch Blutuntersuchungen abgeschlossen werden, ist unklar. Ariop A. soll regelmäßig Alkohol und möglicherweise auch Drogen konsumiert haben. Offenbar hatte er Fatemeh Z. noch nie zuvor gesehen, es gibt kein naheliegendes Motiv für einen Mord. Der Vorsitzende der SPD-Regierungsfraktion in der Bürgerschaft, Dirk Kienscherf, sprach sich dafür aus, die Ermittlungen fortzusetzen. "Es besteht ein berechtigtes öffentliches Interesse daran, dass die Hintergründe der Tat weiter intensiv aufgeklärt werden", sagte Kienscherf. So sei es etwa nach dem Amoklauf in einer Gemeinde der Zeugen Jehovas im März 2023 geschehen. Anders als damals allerdings konnte bereits ausgeschlossen werden, dass es andere Mitverantwortliche für die Tat gibt. Der aktuelle Fall hat eine Debatte um den Umgang mit gewalttätigen Menschen mit einer Fluchtgeschichte ausgelöst. Ariop A. kam als sogenannter Resettlement-Flüchtling nach Hamburg. Eine Rekonstruktion seiner Vorgeschichte lesen Sie hier (Z+) . Von Christoph Heinemann und Tom Kroll In aller Kürze • Ab sofort bietet der Telefonische HamburgService ein Servicetelefon für Fragen zu Grundsicherung und Sozialhilfe an . Das Angebot startet in den Pilotbezirken Altona und Hamburg‑Nord und soll in den kommenden Monaten auf alle Bezirke ausgeweitet werden. Die Sachbearbeitenden in den Fachämtern sollen dadurch entlastet werden und die Anrufenden von besserer Erreichbarkeit und kürzeren Wartezeiten profitieren • Vattenfall-Kunden in der Hamburger Grundversorgung können zum 1. April mit sinkenden Stromkosten rechnen , weil Beschaffungskosten und Netzentgelte zurückgehen. Allerdings können Haushalte außerhalb der Grundversorgung weiterhin deutlich günstiger wegkommen THEMA DES TAGES Nicht der Frost ist Schuld, sondern die Struktur Seit Jahresbeginn sind in Hamburg 15 Obdachlose gestorben. Das macht deutlich, wo das Winternotprogramm an Grenzen stößt – und wie die Stadt strukturell versagt. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Kommentar von ZEIT:Hamburg-Redakteurin Annika Lasarzik. Fünfzehn. 15 Obdachlose sind dieses Jahr in Hamburg gestorben. In einem Jahr, das erst einen Monat alt ist. Keiner der Toten wurde obduziert, woran genau sie starben, ist daher nicht geklärt. Unter den 13 bisher identifizierten Menschen sind fünf Deutsche, sieben Osteuropäer und ein Syrer. Drei von ihnen starben draußen im Freien – darunter ein 59-Jähriger, der Mitte Januar tot in einem verschneiten Zelt an der Alster lag. Zwei starben in Wohnungen und jeweils vier in Notunterkünften und Krankenhäusern – so wie der 48-Jährige, der kurz nach Neujahr bewusstlos im Freien aufgefunden und in die Uniklinik eingeliefert worden war. 15 Tote. Diese Zahl ist selbst für Hamburger Verhältnisse alarmierend hoch. 44 Obdachlose starben 2025 auf der Straße, aber im ganzen Jahr. Auch wenn es bisher keine offizielle Bestätigung gibt: Es liegt nahe, dass einige von ihnen Opfer der Kältewelle zum Jahresbeginn wurden. Nun ist es nicht so, dass Obdachlose in Hamburg einfach sich selbst überlassen würden. Die Stadt öffnet in jedem Winter zwei zusätzliche Notunterkünfte, über 1.000 Schlafplätze umfasst dieses Hilfskonzept mit dem klangvollen Namen "Winternotprogramm". Dazu gibt es diverse Tagesaufenthaltsstätten mit insgesamt etwa 500 Plätzen, spezielle Angebote für Frauen, für Teenager, für Suchtkranke oder Menschen mit psychischen Leiden, dazu viele ehrenamtlich organisierte Hilfen. Das Problem ist nur: Es reicht nicht. Das macht die Entwicklung in diesem Winter mehr als deutlich. Beginnen wir beim Winternotprogramm: Wer dort unterkommt, wird morgens um halb zehn wieder nach draußen geschickt und darf um halb sechs am Abend wiederkommen. Nur für sehr kranke Obdachlose mit Attest gibt es Ausnahmen. Warum die Einrichtungen nicht ganztägig geöffnet haben und inwiefern die Stadt mehr tun könnte, lesen Sie weiter im ungekürzen Kommentar auf zeit.de . DER SATZ "Hier entsteht der Schnappschuss eines historischen Augenblicks, das Selbstporträt einer Generation." Heute Abend performt erneut die Schulklasse der Heinrich-Hertz-Schule, die im vergangenen Jahr über Stunden TikTok-Videos abgeschrieben hat, diesmal öffentlich in den Deichtorhallen. ZEIT-Redakteur Oskar Piegsa war beim ersten Mal im Ernst-Deutsch-Theater dabei; lesen Sie hier seinen Text von damals . DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Die Kunstmäzenin Ida Dehmel gründete 1926 in Hamburg die Gedok: "Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen". Heute ist das Netzwerk mit 23 Regionalgruppen in etlichen Städten vertreten. In der Jubiläumsausstellung "…da blüht uns was" zeigen 70 Künstlerinnen ihre Arbeiten. 100 Jahre Gedok bietet ein umfangreiches Begleitprogramm mit Konzerten und Lesungen, unter anderem im Museum für Kunst und Gewerbe. bis 28.2.; Kunstforum der Gedok, Koppel 66/Lange Reihe 75; Mi–Fr 13–18 Uhr; Sa+So 13–16 Uhr MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Auf dem Winterhuder Marktplatz steht eine Käuferschlange am Fischstand. Eine Kundin zückt ihr Handy und fotografiert die Auslagen. Der Verkäufer sieht sie staunend an. Sie: "Das sieht alles appetitlich und farblich harmonisch aus." Er freut sich und meint: "Eigenlob stinkt zwar, aber ich dekoriere gern. Ich male mit Fischen!" Gehört von Petra Quaas Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .