Zeit 23.01.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Was braucht Kunstförderung? Ausdauer, Geld – und ganz viel Vertrauen


Die Elbvertiefung am Freitag – mit Roger Willemsen, den Clubawards, dem Derby, einem Feuerwehr-Einsatz im S-Bahn-Tunnel, dem Nordseegipfel und der Oberhafenkantine

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg:  Was braucht Kunstförderung? Ausdauer, Geld – und ganz viel Vertrauen
Liebe Leserin, lieber Leser, vor einiger Zeit saß ich in einer Wohnküche in Rotherbaum und staunte. Der Raum, eher ein Saal, war rappelvoll mit Menschen auf Klappstühlen. Distinguierte Damen und Herren saßen Schulter an Schulter – Mäzeninnen, Galeristen, Kunstkritiker – und lauschten, wie irgendwo, fast hinterm Horizont, junge Leute von ihren Reiseplänen sprachen. Das war ein Treffen des Vereins Neue Kunst in Hamburg. Dieser Verein finanziert Recherchereisen für Künstlerinnen und Künstler. Bewerben kann man sich mit einem Portfolio und einer Idee. Eine Künstlerin erzählte, dass sie ins Grenzgebiet zwischen Bulgarien und Nordmazedonien fahren wolle, um dort dem Kult um eine Hellseherin nachzuspüren, die während des Kalten Krieges derart berühmt geworden sei, dass selbst die sozialistischen Machthaber sich mit ihr verbündeten (dabei waren diese offiziell gegen Hokuspokus). Ein anderer sagte, er arbeite zu Trauer und Exil, deshalb werde er die Bestattungsriten kenianischer Auswanderer in den USA erforschen. Eine Dritte interessierte sich dafür, wie menschlicher Lärm maritime Ökosysteme beeinflusst. Ich hörte an diesem Abend von Themen, über die ich noch nie nachgedacht hatte. Doch eines erfuhr ich nicht: um welche Kunst es den Stipendiatinnen und Stipendiaten ging. Würden sie malen, schnitzen, Gedichte schreiben? Es schien, als wüssten sie es selbst noch nicht so genau. Als ich einige der anwesenden Vereinsmitglieder darauf ansprach, reagierten sie vergnügt. Sie alle spendeten mindestens 400 Euro pro Jahr, um die Reisen zu finanzieren – und hatten ein offenbar unerschütterliches Vertrauen, dass dabei schon etwas Sehenswertes entstehen würde. "Bei uns gibt es keine umständlichen Förderanträge und Projektskizzen", sagte etwa Katharina Bittel, die Gastgeberin: "Dafür ist Neue Kunst in Hamburg bekannt!" Seit diesem Treffen in Rotherbaum ist etwas mehr als ein Jahr vergangen, die Stipendiatinnen und Stipendiaten sind inzwischen von ihren Reisen zurück und stellen ihre Arbeiten ab heute Abend im Kunstverein am Klosterwall aus . Zu sehen sind: Meditative Videoaufnahmen aus der Tiefe des Meeres, bedrückende Fotogramme, kinetische Skulpturen, Collagen aus Fotografie und Malerei und mehr als zehntausend Zuckerwürfel (eine Hommage an die bulgarische Hellseherin, aber schauen Sie sich das selbst an). Außerdem feiert der Verein Neue Kunst in Hamburg sein inzwischen 40-jähriges Bestehen, deshalb zeigt eine zweite Ausstellung Arbeiten aus vergangenen Jahrzehnten. Etwa von dem Bildhauer Stephan Balkenhol, der 1987 gefördert, und von Sung Tieu, die im selben Jahr geboren wurde. Balkenhol ist heute bekannt für seine Männer auf Bojen und langbeinigen Gestalten vor den Bücherhallen. Und von Sung Tieu werden wir noch einiges hören, denn sie vertritt Deutschland ab Mai bei der Biennale in Venedig, also bei der – etwas flapsig formuliert – Weltmeisterschaft der Kunst. Karimah Ashadu, die bei der letzten Biennale mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, war übrigens ebenfalls Stipendiatin von Neue Kunst in Hamburg. Sind das Geld und das Vertrauen der Vereinsmitglieder also gut investiert? Zweifellos! Beide Ausstellungen laufen bis 1. Februar, der Eintritt ist frei. Heute Abend gibt es Getränke zum Anstoßen und pünktlich um 19 Uhr ein Grußwort von Kultursenator Carsten Brosda. Morgen folgt eine Podiumsdiskussion zur Kunstförderung, mehr Infos hier . Ich wünsche Ihnen ein inspirierendes Wochenende! Ihr Oskar Piegsa PS: "Große Pläne, alle verworfen? Was aus dem Umbau des Hauptbahnhofs wird" – so lautet der Titel der neuesten Folge unseres Podcasts, der so heißt wie dieser Newsletter: "Elbvertiefung". Florian Zinnecker und Christoph Heinemann sprechen darin über die größten Baustellen in der Stadt – vor allem jene, die noch gar nicht begonnen wurden. Die Folge können Sie heute ab 17 Uhr hier hören . WAS HEUTE WICHTIG IST Der FC St. Pauli und der Hamburger SV treffen heute um 20.30 Uhr zum insgesamt 113. Stadtderby aufeinander. Für die beiden Fußball-Bundesligisten geht es sportlich um viel: Während der HSV auf Tabellenplatz 14 etwas besser dasteht, kämpft der FC St. Pauli auf dem letzten Tabellenplatz gegen den Abstieg. Brandgeruch und leichter Rauch haben am frühen Abend für einen größeren Feuerwehr-Einsatz in einem S-Bahn-Tunnel in Altona gesorgt. Nach eineinhalb Stunden gab die Feuerwehr Entwarnung: Ursache war ein verkohltes Papier an einem Stromleiter. Erstmals kommen am Montag die Nordsee-Anrainerstaaten in Hamburg zu einem Gipfel zusammen. Rund um das Rathaus werde eine Sicherheitszone eingerichtet, in den angrenzenden Straßenzügen und beim ÖPNV komme es zu Behinderungen, teilte die Polizei mit. Ausgerichtet wird das Treffen von der Bundesregierung. Eingeladen sind die Staats- und Regierungschefs sowie Energieministerinnen und Energieminister aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen und Island sowie Vertreter der Europäischen Kommission und der Nato. Nachricht des Tages Das Hafenklang war der große Abräumer bei den Clubawards, die am Donnerstagabend in der Fabrik in Altona verliehen wurden. Der Club, der sich vor knapp zwei Jahren per Crowdfunding gerade so vor der Pleite retten konnte, wurde gleich doppelt ausgezeichnet – als Bester Club 2025 und für seine Nachwuchsförderung . Die Expertenjurys vergaben neun weitere Preise. Zum besten neuen Club der Stadt wurde das Turtur gekrönt, ein Mix aus Technoclub, Pizzeria und Bar am Wilhelmsburger Veringkanal. In der Kategorie Bestes Festival setzte sich das Aalfest am Aalhaus durch. Für eine Überraschung sorgte diesmal das Ergebnis des Onlinevotings: Hier setzte sich keiner der großen Namen durch, sondern der kleine Metal-Underground-Club Bambi Galore aus Billstedt – ein Laden mit rund 180 Plätzen, der seit 2004 Konzerte abseits der üblichen Hotspots veranstaltet. Der Ehrenpreis ging an die Musikjournalistin Birgit Reuther für ihr langjähriges Engagement für die Popkultur. Über 600 Gäste aus Kultur, Politik und Medien kamen zur 15. Vergabe der Clubawards zusammen. Clubkombinat-Vorsitzende Anna Lafrentz verwies dabei auf die schwierige Lage der Branche: Dass in diesem Jahr überhaupt ein Preis in der Kategorie Bester neuer Club vergeben werden konnte, sei keine Selbstverständlichkeit. So machte dieser Abend vor allem eines deutlich: Hamburgs Clubszene lebt von kleinen Läden, großen Ideen – und einer Menge Durchhaltevermögen. In aller Kürze • Anlässlich der geplanten Bewerbung Hamburgs für Olympische Spiele vergibt die Alexander-Otto-Sportstiftung eine Million Euro für Sportförderprojekte in Schulen und Vereinen. Anmeldeschluss sei der Tag des Olympia-Referendums am 31. Mai, heißt es in einer Mitteilung • Ein Unbekannter soll eine 30-Jährige in Hamburg-Langenhorn angegriffen und ihr mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Eine Sofortfahndung nach dem 30 bis 50 Jahre alten Täter blieb ergebnislos • In einem Prozess um den Schmuggel von 4,6 Tonnen Kokain hat das Landgericht Hamburg zehn Angeklagte zu langen Haftstrafen verurteilt THEMA DES TAGES Der Unterhalter Der Tod von Roger Willemsen jährt sich am 7. Februar zum zehnten Mal. Für das Feuilleton der ZEIT hat der Schriftsteller und Kolumnist Maxim Biller eine kleine Hymne auf Willemsen verfasst. Lesen Sie hier einen Auszug aus seiner Kolumne. Auf dem Foto, das meine Mutter Anfang der Neunziger in meinem alten Kinderzimmer in Hamburg aufgehängt hatte, saß mein Vater in einem Fernsehstudio und guckte so ernst und charmant in die Kamera, wie er zu Hause fast nie war. Neben seinem Namen stand das umständliche Wort "Russland-Experte", hinter ihm sah man ganz groß die Zahl 0137. Das war der Name einer Talkshow, die damals fünfmal in der Woche bei Premiere lief, einem heute vergessenen Kabelprogramm. Über der Fotografie meines Vaters hing noch ein zweites Bild, im gleichen billigen Fertigrahmen von Karstadt Eppendorf. Darauf sah man Roger, auch er vor der großen 0137-Schrift, leicht vorgebeugt, hängende Schultern, wie immer ein bisschen feminin mit seiner ovalen Isemarkt-Brille und den vielen wie toupierten Haaren auf dem großen Denkerkopf. Es war der Roger, dessen wundersamer Aufstieg als Moderator und platonisches BRD-Fernsehgesicht genau hier, im 0137-Studio, begonnen hatte, ein medialer Betriebsunfall eigentlich, denn kurz vorher saß er noch in dunklen, seelenlosen Seminarräumen der LMU in München und brachte phlegmatischen Germanistikstudenten bei, wie man Musil und Joseph Roth liest. In dieser Zeit hatte ich ihn kennengelernt, im Sommer, auf der Georgenstraße, und obwohl ich gerade erst angefangen hatte zu schreiben, wollte er mich sofort in eine kleine philologische Rauferei über die Frage verwickeln, ob Kafka ein jüdischer oder ein guter Schriftsteller war oder nichts davon. Ich lag damals oft auf meinem alten Kinderbett, wenn ich wegen der Arbeit nach Hamburg kam, und betrachtete lange beide Fotografien. Bald hörte ich nur noch Rogers hohe, aufgeregte, immer sehr freundliche Stimme, ich hörte, wie er meinen strengen Vater auf eine so intelligente und furchtlose Art über Glasnost, Perestroika und die ewig böse russische Seele befragte, die ich aus dem deutschen Fernsehen nicht kannte. Die Worte, die aus seinem Mund kamen, waren wie die Kugeln eines perfekten Schützen, der absichtlich an seinem Gegenüber knapp vorbeizielt, um es dazu zu bewegen, etwas außerordentlich Existenzielles zu gestehen. Wie sich Maxim Biller an seine intellektuellen Raufereien mit Roger Willemsen erinnert , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Ich bin rechts neben der Straße bäuchlings gelandet, irgendwie auf dem Arm, der war gebrochen. Ich konnte mich nicht bewegen, ich wollte zu Vicky und irgendwas machen – aber ich hab's nicht geschafft." Auf einer Landstraße bei Trittau erfasst ein Auto eine Motorradfahrerin, die 29-Jährige verstirbt. Am vergangenen Dienstag wurde vor dem Amtsgericht Ahrensburg über den Vorwurf der fahrlässigen Tötung und der Fahrerflucht verhandelt ; ZEIT-Autor Alexander Rupflin war dabei . MAHLZEIT – Die Gastrokritik Über die Oberhafenkantine gibt es viele Geschichten. Die wenigsten handeln vom Essen. Was schade ist, denn man isst gut in dem windschiefen Häuschen am Rand der HafenCity. Die Küche ist unverkrampft norddeutsch; im Pulled-Duck-Burger mit Orangen-Mayonnaise und Rotkohl etwa erkennt man den Weihnachtsklassiker nur von ferne wieder. Imposant ist, wie der unvermeidliche Grünkohl durchgespielt wird: altmodisch mit Kohlwurst und viel Räucherspeck, mehrheitstauglich in einer Quiche und superfoodesk als rohe Blätter im Salat. Der Labskaus hier ist recht weit auf der sauren Seite, dafür angenehm unpampig im Mundgefühl. Beim Fisch schwächelt die Küche ein wenig, dafür überraschen die Beilagen oft angenehm, etwa beim ausdrucksvollen, bissfesten Kartoffelsalat. Wer möglichst viel probieren möchte, ist mit dem "Abendbrot" gut beraten. Für 35 Euro gibt es eine gewaltige Platte mit den meisten Speisen auf der Karte (auch in einer vegetarischen Variante). Wer das schafft, sagt der Kellner, bekommt einen Schnaps; wer es nicht schafft, hilft nachher beim Spülen. Die Oberhafenkantine ist auch nach hundert Jahren keine Touristenfalle, sondern ein uriges, gut geführtes Lokal. Dass die nicht lotrechten Tische und Bänke einen etwas seekrank machen, trägt zum Lokalkolorit bei. Michael Allmaier Oberhafenkantine , Stockmeyerstraße 39, Oberhafen, Tel. 32 80 99 84 DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN In der Hauptkirche St. Nikolai findet am Montagabend der nächste Termin der Gesprächsreihe "Terjung trifft" statt. Gesprächspartner ist diesmal Michael Thumann, langjähriger außenpolitischer Korrespondent der ZEIT mit Schwerpunkt Russland, Osteuropa und internationale Politik. Im Zentrum stehen die aktuellen Konfliktlinien: Wie soll Europa mit Russland umgehen? Welche Konsequenzen hat die neue geopolitische Teilung? Und wie blickt Russland selbst auf Donald Trump und den Westen? Thumann ordnet ein – mit Eindrücken aus Moskau und anderen russischen Regionen. "Terjung trifft – Michael Thumann" , Hauptkirche St. Nikolai, Harvestehuder Weg 118, Montag, 26. Januar, 19 bis 21 Uhr MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Im Postshop am Klosterstern. Eine Kundin, top gestylt und so Anfang 20, kaut ihr Kaugummi, hat Stöpsel im Ohr und telefoniert gut hörbar. Ihre Freundin Michelle braucht offensichtlich und dringend eine intime Lebensberatung. Als sie draußen ist, sage ich zum Shop-Inhaber: "Nun wissen wir wirklich ALLES über Michelle." Er: "Ja, der geht es schlecht im Moment." Gehört von Susanne Mersmann Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .