Zeit 19.01.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Und wieder war die Gefahr bekannt


Die Elbvertiefung am Montag – mit Trauer um eine 19-Jährige nach einem Zugunglück, mit Protesten gegen das iranische Regime und einem Besuch bei Kunsthändler Mathias Hans

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Und wieder war die Gefahr bekannt
Liebe Leserin, lieber Leser, wir müssen diese Woche mit den Folgen eines schweren Unglücks beginnen. Gegen 15.40 Uhr am Freitagnachmittag rammte eine Rangierlok der Hafenbahn am Bahnübergang an der Nippoldstraße in Wilhelmsburg einen Bus der Hochbahn. Eine junge Frau verstarb noch am Unfallort, sie war erst 19 Jahre alt. Sechs weitere Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer, darunter der Fahrer des HVV-Busses. Die Polizei brachte einen 3D-Scanner zum Tatort. Damit wird die Unfallstelle genau vermessen. Bis man mehr zum Unfallhergang sagen könne, werde es mindestens einige Tage dauern. Was über die Sicherung des Bahnübergangs bekannt ist, klingt allerdings bitter vertraut. Dort gibt es bislang keine Schranken. Der Bahnübergang ist nicht einmal bei Google Maps verzeichnet. Auch war es offenbar bereits das dritte Mal, dass es an der Stelle krachte. Erst im Juli 2025 war dort zuletzt ein Zug mit einem Lastwagen zusammengeprallt, es gab zwei Verletzte. Eine ähnliche Vorgeschichte hatte der Zusammenstoß eines ICE mit einem Sattelschlepper im Februar 2025 (Z+) am Stadtrand bei Rönneburg, bei dem der bekannte Historiker Thomas Großbölting (Z+) starb. Oder ein illegales Autorennen auf dem Schiffbeker Weg in Billstedt im August 2024, das ein zweijähriges Kind das Leben kostete (Z+) . Oder tödliche Fahrradunfälle an Stellen, an denen andere Menschen bereits verunglückt waren (Z+) . Immer hieß es: Die Gefahr sei doch bekannt gewesen. Immer stellte sich die Frage: Hätte mehr passieren müssen, bevor es Tote gibt? Hamburg verfolgt die "Vision Zero", das bedeutet, eines Tages soll niemand mehr im Verkehr der Stadt sterben. Mit einigen der Menschen, die daran arbeiten, konnte ich in der Vergangenheit sprechen, vom Verkehrspolizisten bis zum Senator. Es ist wichtig, im Lichte von Tragödien nicht zu vergessen, wie viel Kraft sie für das Ziel geben. Ob aber in Wilhelmsburg nach den vorherigen Kollisionen überhaupt erwogen wurde, den Übergang besser zu sichern, konnte mir in der Verwaltung gestern noch niemand beantworten. Da müsse man erst einmal klären, wer zuständig sei, die Polizei, die Verkehrsbehörde, oder die Hafenbehörde Hamburg Port Authority. Nicht jeder Unfall lässt sich verhindern. Die "Vision Zero" wird aber ein vager Traum bleiben, solange die Stadt die brenzligen Stellen nicht spätestens beim ersten schwereren Unfall überprüft – und eingreift, bevor es noch schlimmer kommt. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Ihr Christoph Heinemann Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Obwohl die Fluggesellschaft Ryanair im Sommer sechs weitere Flugverbindungen streichen will, sieht die Wirtschaftsbehörde keinen Grund zur Sorge um den Flughafen. Die Kürzungen seien nicht von größerer Relevanz, der Flughafen werde im Sommer von etwa 55 Airlines angeflogen. Es gehe Ryanair demnach nur um Verhandlungen über die angeblich zu hohen Gebühren in Hamburg. Die Gegner des iranischen Regimes in Hamburg gehen verstärkt für einen Machtwechsel in Teheran auf die Straße. Am Wochenende nahmen mehrere Tausend Menschen in der Innenstadt an einer Demonstration teil. Auf einem Plakat hieß es: "Dies ist die letzte Schlacht, Pahlavi, der Schah von Iran, kommt". Die Organisatoren sind Unterstützer von Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Shahs im Iran, der sich als Führungsfigur der Opposition präsentiert. Die Zahl der abgeschleppten Autos in Hamburg steigt. Während 2024 noch 30.540 falsch geparkte Fahrzeuge auf einen Abschleppwagen gehoben wurden, waren es im vergangenen Jahr 33.525 Fahrzeuge. 62,8 Prozent davon wurden auf einen Verwahrplatz gebracht, die restlichen 37,2 Prozent umgesetzt. Für den CDU-Politiker Richard Seelmaecker, der die Zahlen beim Senat erfragt hatte, ist die Statistik ein Beleg für die Vernichtung von Parkplätzen in Hamburg. In aller Kürze • Nach einer Auseinandersetzung am Jungfernstieg sind zwei Männer mit Stichverletzungen in ein Krankenhaus gebracht worden. Die Hintergründe der Tat sind noch unklar • Die Fälle von neu begonnenem Kirchenasyl in der Nordkirche haben im vergangenen Jahr abgenommen. In Hamburg waren es nach Angaben der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland 26 Fälle nach 46 Fällen im Jahr 2024 • Vor dem Stadtderby in der Ersten Fußballbundesliga der Herren am Freitag sind beide Hamburger Klubs sieglos geblieben. Der HSV spielte 0:0 gegen Borussia Mönchengladbach, der FC St. Pauli verlor mit 2:3 bei Borussia Dortmund AUS DER HAMBURG-AUSGABE Jäger und Sammler In seinem Büro hängt ein echter Caspar David Friedrich, und auch viele andere Bilder behält er lieber, als sie zu verkaufen: Die ZEIT-Autorin Miriam Amro hat den Hamburger Kunsthändler Mathias Hans getroffen. Lesen Sie hier einen Auszug aus ihrem Porträt. Eine Kamera hat den Raffael im Blick, hinten in der Galerie. Eine späht auf den Michelangelo, eine auf den Rembrandt. Eine filmt, vorn im Büro, Caspar David Friedrichs Zwei Männer in Betrachtung des Mondes – sein Lieblingsbild, sagt Mathias Hans später mit einer Beiläufigkeit, als sei es selbstverständlich, einen Friedrich im Büro hängen zu haben. Er empfängt mit prüfendem Blick und warmem Händedruck; längst hat er den Gast gesehen, denn natürlich überwacht er auch den Eingang am Jungfernstieg 34, bei all der Kunst. Er müsse ja wissen, wer ihn besucht, sagt er, nimmt den Mantel entgegen, die Assistentin soll doch bitte Kaffee bringen. Von seinem Büro aus sieht man die Binnenalster in der Sonne glitzern, aber der Blick nach draußen verblasst bei dem, was man jetzt vor sich hat: Neben dem Schreibtisch steht eine Skulptur von Giovanni da Bologna, dem größten Bildhauer nach Michelangelo. Dann zeigt er auf ein Werk von Victor Pasmore, dem britischen Reliefkünstler. "Pasmore, kennen Sie den? Wahnsinnskerl!" Mathias Hans lässt sich in seinen Lederstuhl fallen. "Rauchen Sie?", fragt er. Vier Stunden werden wir in seinem Büro sitzen. Er wird Hegel zitieren und Shakespeare und Franz von Assisi, mit dieser einnehmenden Art, und von seinen Schätzen und Geheimnissen erzählen, wie ein Kind, das eine geheime Höhle im Wald gebaut hat. Zwischen dem Füssli – "Kennen Sie?" – und dem Friedrich. Das Büro wird sich mit jeder Stunde dichter in Rauch hüllen; zum Glück sind die Gemälde hinter Glas. Der Rauch wird die Zeit dehnen, bis man ganz im Qualm verschwunden ist und man nicht mehr weiß, ob man mit ihm durch ein Geschichtsbuch läuft oder längst in ein Märchen geraten ist. Fragt man in seinem Umfeld, wird er als einer der letzten uomini universali bezeichnet, als Universalgenie, das besser im 17. als im 21. Jahrhundert aufgehoben wäre. Einer, der Bildkompositionen liest wie andere Bücher. Der sich nicht nur in der Kunst, sondern in Literatur, Musik und Geschichte mit beeindruckender Sicherheit bewegt. Man könne ihm jedes Bild geben, sagen sie. Aus jeder Epoche. Er nennt den Künstler, das Sujet, die Zeit und den Kontext seiner Entstehung, er kenne vermutlich auch das Museum, in dem es gerade hängt. Aber Mathias Hans wird nicht nur bewundert. Er hat auch Kritiker. Sein Leben ist längst selbst wie ein Bild, voller Details und Unschärfen. Wer ist dieser Mann, der Kunstwerke erkennt, bevor andere ihren Wert begreifen? Welches Bild sich von Mathias Hans im Laufe des Besuchs abzeichnet , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Es besteht ja auch mehr Druck, eine zu kleine Wohnung zu verlassen als eine zu große. Anders gesagt: Ein Kinderzimmer ohne Kind ist kein Problem, ein Kind ohne Kinderzimmer schon." Einerseits hat der Durchschnittsdeutsche mehr Platz denn je, andererseits herrscht ein dramatischer Wohnungsmangel mit langen Schlangen von Interessenten bei Besichtigungsterminen? ZEIT-Redakteur Marcus Rohwetter versucht dieser seltsamen Gleichzeitigkeit auf den Grund zu gehen und schaut, ob die sich auch in Zukunft noch hält . DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN Die Hamburger Autorin Nefeli Kavouras stellt im Literaturhaus ihren Debütroman Gelb, auch ein schöner Gedanke vor. Sie schreibt über eine Mutter-Tochter-Beziehung in einer Ausnahmesituation: Der Ehemann und Vater stirbt und das über einen langen Zeitraum. Diese Situation wird von beiden sehr unterschiedlich er- und gelebt, und die Geschichte der drei in dieser Ausnahmesituation nimmt eine überraschende Wendung. Die Buchpremiere moderiert der Journalist Tobias Rüther. Nefeli Kavouras: "Gelb, auch ein schöner Gedanke"; 10.2., 19.30 Uhr; Literaturhaus, Schwanenwik 38; Tickets, auch für den Livestream, bekommen Sie hier MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Morgens im Nachtzug von München nach Hamburg kurz vor Ankunft am Hauptbahnhof. Reisende unterhalten sich über deutsche Großstädte: "Seien wir ehrlich, Berlin ist die einzige Weltstadt, die wir haben. Hamburg? Versucht es. München? Wäre es gern." Gehört von Julia Droop Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .