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02.02.2026
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Montag – mit Streik im Nahverkehr, einer irreparablen Brücke und einem Konzert, bei dem das Auge mithört.

Liebe Leserin, lieber Leser, es gibt einen Verlust zu beklagen, eventuell haben Sie es schon gelesen: Wormland ist pleite. Jener Herrenausstatter, der – neben Berlin, München, Hannover und Dortmund – eine seiner größten Filialen in der Hamburger Innenstadt hatte, auf drei Etagen der Europapassage. Schon seit Längerem lief es nicht gut, in den letzten Jahren war Wormland wiederholt insolvent, seit vergangener Woche sind die Türen endgültig zu. An mir lag es nicht, kann ich dazu nur sagen; ich habe getan, was ich konnte. Wormland war ein Laden für Leute, die gern Anzug tragen und dazu weiße Sneaker, obwohl sie aus dem Alter eigentlich raus sind. In anderen Worten: Ich war gern und häufig dort. Für die Angestellten ist die Pleite natürlich ein Drama; es ist immer bitter, wenn sich das, was man seit Jahren Tag für Tag für sinnvolle Arbeit gehalten hat, als problemlos verzichtbar erweist. Mich als Kunden stellt die Insolvenz vor existenzielle Fragen ganz anderer Art – es ist nämlich nicht meine erste Pleite, und allmählich erkenne ich ein Muster. Es gibt nicht viele Läden, in denen ich fündig werde; wenn ich aber einen gefunden habe, der sich für mich als ergiebig erweist, scheine ich ihn dadurch, dass ich regelmäßig dort Geld ausgebe, in den Ruin zu treiben. Das zieht sich durch meine Biografie: Fast jeder Laden, in dem ich Klamotten finde, macht bald dicht, ich habe auf diese Weise schon mehrere große Filialisten ausgelöscht. Was sagt das über meinen Stil und über mich, als Mann und Mensch? Und wer wird der Nächste sein? Wenn Sie also Herrenmode verkaufen und mich in der Nähe Ihrer Anprobekabinen entdecken: Geben Sie acht. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Florian Zinnecker Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Wegen des für heute angekündigten Warnstreiks bei Hochbahn und VHH rechnen beide Unternehmen damit, weder Bus- noch U-Bahn-Betrieb aufnehmen zu können; auch Nachtbusse sind betroffen, S-Bahnen und Hadag-Fähren fahren. An Schulen findet regulärer Präsenzunterricht statt; Eltern dürfen Kinder lediglich abmelden, wenn der Schulweg unzumutbar oder die Schule nicht erreichbar ist. Nach der Schiffskollision Ende Oktober wird die Freihafenelbbrücke nicht vollständig repariert werden können. Laut Wirtschaftsbehörde seien tragende Teile des etwa 100-jährigen Bauwerks zu beschädigt, und die Standsicherheit sei gefährdet. Mindestens der Mittelteil werde aus Sicherheitsgründen noch in diesem Jahr abgetragen. Die Behörden prüfen nun ein provisorisches Behelfsbauwerk. Die Brücke hätte ohnehin in den kommenden Jahren ersetzt werden sollen. Der HSV zieht in Erwägung, das Volksparkstadion auszubauen und die Kapazität von rund 57.000 auf etwas über 60.000 Zuschauer zu erhöhen. Finanzvorstand Eric Huwer sagte, neuer Platz könnte etwa durch optimierte Aufgänge gewonnen werden und indem weitere Plätze am Spielfeldrand installiert werden. Huwer sprach von Kosten im sieben- bis achtstelligen Bereich, eine Machbarkeitsstudie sei bereits in Auftrag gegeben. Nachricht des Tages Der 25-jährige Ariop A., der am Donnerstagabend mutmaßlich eine 18-jährige Frau am U-Bahnhof Wandsbek Markt mit sich vor einen einfahrenden Zug gerissen hat (Z+) , war bereits mehrfach mit Gewaltdelikten aufgefallen . Wie in Ermittlungskreisen zu hören ist, randalierte er im Januar in seiner Wohnunterkunft in Wandsbek und griff mindestens einen anderen Bewohner an. Am vergangenen Dienstag, zwei Tage vor dem tödlichen Vorfall, soll er zudem zwei Polizisten auf St. Pauli attackiert haben. Darüber berichtete zuerst die Bild -Zeitung. Nach Informationen der ZEIT hatte Ariop A. die Nacht von Montag auf Dienstag in einem Bordell an der Reeperbahn verbracht. Als gegen fünf Uhr der Betrieb schloss, soll er sich geweigert haben, die Räumlichkeiten zu verlassen. Offenbar warf er dabei mit Mobiliar um sich. Als Polizisten der nahen Davidwache eintrafen, schlug er einen der Beamten mit einem Telefon und wurde festgenommen. Ariop A. soll alkoholisiert gewesen sein, möglicherweise auch Drogen konsumiert haben. Ob dies auch am Donnerstagabend gegen 22.05 Uhr der Fall war, wird noch von den Ermittlern der Mordkommission untersucht. Ariop A. stammt aus dem Südsudan und hatte einen gültigen Aufenthaltstitel als sogenannter Resettlement-Flüchtling. Am Sonntagnachmittag gedachten Angehörige und Bekannte der verstorbenen 18-Jährigen im und am U-Bahnhof Wandsbek. Von Christoph Heinemann In aller Kürze • Der Zehnjährige, der drei Tage lang in Wilhelmsburg gesucht wurde, ist wohlauf und selbstständig in seine Betreuungseinrichtung zurückgekehrt. Hinweise auf eine Straftat gibt es nicht • Das Popmusical "& Julia" hatte gestern seine finale Vorstellung im Stage-Operettenhaus . Seit der Deutschlandpremiere im Oktober 2024 sahen es rund eine halbe Million Zuschauer THEMA DES TAGES Er kann wirklich zaubern Christian Thielemann dirigiert in der Elbphilharmonie Brahms ’ Requiem – und kommt dabei mit bloßen Händen gegen das Chaos an. Am Ende sind alle ganz aufgeräumt. Florian Zinnecker saß mit im Saal. Lesen Sie hier einen Ausschnitt seines Artikels. Es beginnt wie einer dieser schlimmen Träume. Christian Thielemann tritt ans Pult, um das Deutsche Requiem von Brahms zu dirigieren, aber da ist gar kein Pult. Vor ihm: keine Partitur. Und in seiner Rechten: kein Taktstock. Vor Thielemann sitzen erwartungsvoll die Musiker der Berliner Staatskapelle, dahinter reiht sich der Staatsopernchor. Es ist still, der ausverkaufte Große Saal der Hamburger Elbphilharmonie voller Erwartung. Wäre dies ein Traum, würde Thielemann genau jetzt schweißgebadet aufwachen. Doch dieser Moment ist nicht das Ende eines Traums, sondern der Beginn eines anderthalbstündigen Konzertabends, an dem deutlich wird, warum der von vielen bewunderte, von anderen aber auch argwöhnisch beäugte Thielemann, 66 Jahre alt, der Dirigent der Stunde ist. Thielemann steht da, hellwach, kerzengerade, und wartet. Vier Sekunden lang. Fünf. Sechs. Sieben. Dann hebt er langsam, vorsichtig die Hände – ergibt er sich? Nein, er gibt dem ersten Ton einen kleinen Schubs. Und dem zweiten. Und dem dritten. Er setzt das Werk aus eigener Kraft in Bewegung. Natürlich, jeder Dirigent macht das, für die anderen aber ist der erste Einsatz Mittel zum Zweck und keine Aussage für sich. Hier ist es eine. Hier schiebt der Chef noch selbst. Und so macht Christian Thielemann schon vor Ende des allerersten Taktes klar, worin das Besondere an diesem Abend besteht. Es ist, klar, auch die Musik. Vor allem aber ist es der Gestus, mit dem Thielemann zu Werke geht – ein überwölbendes "Macht euch keine Sorgen, ich bin ja da". Christian Thielemann ist einer der renommiertesten Dirigenten der Klassikwelt, gefeiert für seine Interpretationen vor allem der deutschen Spätromantik. Manche halten ihn für den künstlerischen Erben Wilhelm Furtwänglers, und es ist gut möglich, dass das nicht ganz falsch ist. Seine Jahre als ungestümer Wunderknabe hat er hinter sich, Jahre, in denen er keiner Machtprobe aus dem Weg ging, davon viele gewann und einige spektakulär verlor. Was Thielemann als Dirigenten so herausragend macht und wieso in der Elbphilharmonie auch das Auge mithörte, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ " Während der Kälteperiode Anfang Januar lag die Auslastung der städtischen Übernachtungsstätten bei rund 90 Prozent, voll belegt waren sie also nicht. " Die nächsten Tage werden in Hamburg bitterkalt, mit Temperaturen durchgängig unter null Grad Celsius. Wie geht es in diesen Tagen den Obdachlosen in der Stadt? Sind sie ausreichend geschützt? ZEIT-Autorin Helene Altgelt hat die wichtigsten Fragen und Antworten . DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Morgen Abend hat im Abaton der Dokumentarfilm "Architektur des Glücks" Premiere. Der Hamburger Regisseur Anton von Bredow zeichnet darin den Absturz des Dorfes Campione d’Italia nach: Jahrzehntelang lebte die italienische Enklave am Luganer See von der damals größten Spielbank Europas. Mit dem Konkurs 2018 ging auch das Dorf pleite; Arbeitslosigkeit und Tristesse hielten Einzug. Der Film zeigt Abhängigkeiten, Verlust und neue Routinen in dem Ort. Bei dem Premierenabend wird der Regisseur anwesend sein. "Architektur des Glücks" , 3.2., 20.15 Uhr; Abaton, Allende-Platz 3 MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Kundin kommt in den Friseursalon. "Was dürfen wir für Sie tun?" – "Ich hätte gerne eine komfortable Mützenfrisur bitte." Gehört von Monika Schleith Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .