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03.02.2026
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Dienstag – mit Theatermacher Lilienthal, der Präsidenten-Gattin Melania Trump und einer neuen Ausstellung zu jüdischer Geschichte in Hamburg

Liebe Leserin, lieber Leser, vor ein paar Wochen war ich zum Kaffee in Uhlenhorst eingeladen. Es gab Marzipan-Tee, fantastische Törtchen, und draußen lagen noch die Reste des Hamburger Winterstürmchens. Es war so gemütlich, dass wir uns völlig verquatschten – über die Arbeitswelt, Sport, Wohnungssuche, Dating – bis ich irgendwann erschrocken feststellte, dass ich schon über eine Stunde zu spät zu meinem Anschlusstermin war. Zu Gast war ich bei Gisela und ihrer Mitbewohnerin Hannah. Eine Wohngemeinschaft, die in dieser Stadt wohl eher selten ist: Zwischen den beiden liegen fast sechzig Jahre Altersunterschied. Gisela ist 83, Hannah 27. Gisela wohnt seit vielen Jahrzehnten in einer prächtigen Altbauwohnung. Als ihr Sohn ausgezogen und ihr Partner gestorben war, wurde die Wohnung zu groß, doch ihr Herz hing zu sehr an dem Zuhause, um wegzuziehen. Also suchte sie sich Mitbewohnerinnen: früher über Anzeigenblätter, heute online auf WG-Gesucht. Ich fand diese Wohnform in vielfacher Hinsicht ermutigend: Gisela braucht so viel Platz nicht, viele junge Menschen suchen aber dringend Zimmer in Hamburg. Und so kann Hannah in einer herrschaftlichen Wohnung mit zwei Balkonen in zweiter Reihe zur Alster wohnen. Und Gisela ist nicht allein. Ich habe Gisela vor fast drei Jahren zu diesem Konzept interviewt (Z+) . Damals erzählte sie mir, dass sie sich mit fast allen ihrer deutlich jüngeren Mitbewohnerinnen gut verstanden habe: "Es ist ein Glück, dass es Menschen gibt, die mich so sehr mögen." Giselas Verhältnis zu Hannah ist besonders. Sie waren zusammen im Theater, auf der Reeperbahn, kochten gemeinsam. Hannah bastelte Gisela einen Adventskalender, und Gisela stand bei Hannahs Sportevents Hyrox (Z+) im Publikum und rief Durchhalteparolen. Gisela hat Hannah nicht einfach nur ein Zimmer vermietet, sondern ein Zuhause. Gestern ist Hannah aus Hamburg weggezogen. Bei dem Gedanken, Gisela zu verlassen, sind ihr schon Tage vorher die Tränen gekommen: "Wenn ich an Hamburg denke, werde ich immer an Gisela denken", sagte sie. Ich würde gern mehr über ungewöhnliche Wohnkonzepte lesen. Vielleicht ja über Ihres? Vielleicht leben Sie in einer 20er‑WG? Oder auf einem selbst gebauten Hausboot im Hamburger Umland? Vielleicht wohnen Sie mit Ihrer Familie oder Ihren vier Hunden im höchsten Stockwerk der Mundsburg-Towers oder in einer umgebauten Fabrikhalle oder Tür an Tür mit Ihrem Chef? Schreiben Sie uns an hamburg@zeit.de . Einen schönen Tag und bis morgen, Ihre Viola Diem Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Die Zahl der Hamburger Erstklässler bleibt hoch: Für 2026/27 sind bislang 16.833 Kinder an Grundschulen angemeldet, nur 35 weniger als im Vorjahr, teilte die Schulbehörde mit. Die Vorschulanmeldungen stiegen auf 11.189. Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) nennt die Zahlen weiter herausfordernd; ab kommendem Jahr werden leichte Rückgänge erwartet. Trotz bundesweit zunehmenden Lehrkräftemangels verzeichnet Hamburg besonders großen Andrang auf die Lehramtsausbildung: Laut Schulbehörde gab es für 1.350 Studienplätze mehr als doppelt so viele Bewerbungen. Auf 393 Referendariatsplätze bewarben sich 938 Nachwuchskräfte. Am begehrtesten sind Stellen in Stadtteilschulen und Gymnasien. Bei Razzien gegen mutmaßliche Waffenhändler hat die Polizei in Hamburg sowie in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Wohnungen, Warenlager und einen Kulturverein durchsucht. Dabei wurden Waffen und Munition sowie auch Drogen und mutmaßliche Hehlerware sichergestell t . Zwei Männer wurden festgenommen. Nachricht des Tages Braucht Hamburg ein jüdisches Museum? Kultursenator Carsten Brosda (SPD) hat sich vor zwei Jahren dafür ausgesprochen (Z+) , seitdem läuft die Diskussion. Mehrere wissenschaftliche Einrichtungen gehen jetzt gemeinsam einen weiteren Schritt und eröffnen die Ausstellung Wegmarken jüdischer Geschichte im Altonaer Museum. Vor mehr als 400 Jahren, am 31. Mai 1611, erwarben Kaufleute ein Grundstück in Hamburgs damaliger Nachbarstadt Altona, um einen jüdischen Friedhof anzulegen. In Hamburg, wo sie lebten, war ihnen das nicht erlaubt worden. Von 14 solcher historischen "Wegmarken" bis in die Gegenwart erzählt die kleine, bunte und faktenreiche Ausstellung. Sie soll ein Vorschlag sein, eine erste Skizze, wie ein jüdisches Museum aussehen könnte. Dabei wird auch eine Herausforderung auf dem Weg dorthin deutlich: Da die Stadt bisher kaum zur jüdischen Geschichte gesammelt hat, besitzt sie nur wenige Objekte – und das wenige, was es gibt, ist oft NS-Raubgut. Hinter den "Wegmarken" stehen neben dem Altonaer Museum auch das Institut für die Geschichte der deutschen Juden, die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte sowie die Gedenkstätte Israelitische Töchterschule (Z+) . Die Ausstellung ist ab morgen zu sehen. Wer jünger als 18 Jahre ist, bekommt freien Eintritt, für Schulklassen können zudem kostenlose Führungen gebucht werden. Die Laufzeit sei "zunächst unbefristet", sagt ein Sprecher des Altonaer Museums. In dieser Formulierung ist wohl der Wunsch verborgen, dass sie in nicht zu ferner Zukunft durch ein jüdisches Museum ersetzt wird. Von Oskar Piegsa In aller Kürze • Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut hat eine Studie zur wirtschaftlichen Wirkung des Sports in Hamburg vorgelegt . Demnach hängen rund 15.000 Arbeitsplätze in der Stadt direkt oder indirekt am Sport, die Wertschöpfung liegt bei 5,3 Mrd. Euro • Tchibo erhöht Mitte Februar die Kaffeepreise ; je Pfund sollen Bohnen um bis zu einen Euro teurer werden. Begründet wird das mit einem weiterhin angespannten Markt THEMA DES TAGES "Ich bin kein Trottel, der nur Polit-Kack macht" Wie kann man sich vorbereiten auf eine Machtübernahme der Rechten? Das fragt sich der Theatermacher Matthias Lilienthal, der erstmals die Lessingtage in Hamburg leitet. ZEIT-Autor Christoph Twickel hat ihn zum Gespräch getroffen. Matthias Lilienthal, ehemaliger Intendant des HAU in Berlin, der Kammerspiele in München und zukünftiger Leiter der Volksbühne in Berlin, betritt die Kantine des Hamburger Thalia Theaters in T-Shirt und Trainingsjacke, mit wirrem Haar, Dreitagebart und wuchernden Koteletten. Der Schlabberlook ist das Markenzeichen des 66-Jährigen, der nun erstmals die Lessingtage leitet und dafür 17 Tage lang das Thalia Theater bespielt. Im Gespräch verrät er, was die deutsche Kulturszene dabei von Polen lernen kann, warum im Theater ein AfD-Verbot verhandelt werden muss – und warum er während des Festivals im Theaterfoyer übernachten wird. DIE ZEIT: Herr Lilienthal, Sie leiten erstmals die Lessingtage am Thalia Theater in Hamburg, die am Wochenende beginnen werden. Als roten Faden haben Sie das Thema "Postpopulismus" aufgerufen. Was ist Postpopulismus? Matthias Lilienthal: Ich habe große Angst, dass die AfD die Regierung in Deutschland übernehmen wird. Wenn man im Parteiprogramm aus Sachsen-Anhalt liest, dass sie dort so etwas wie das amerikanische ICE einrichten wollen, dann kriege ich es mit der Angst zu tun. Wir holen uns bei Menschen Rat, die den Mist schon einmal haben über sich ergehen lassen müssen: In Polen gibt es nach der Herrschaft der rechten PiS-Partei nun eine Regierung der liberalen Kräfte. Wir haben Inszenierungen aus Polen eingeladen und machen ein Symposium unter dem Titel Postpopulismus – Von Polen lernen. ZEIT: Sie gehen also von einer Machtübernahme durch rechte Populisten aus und überlegen sich jetzt schon, was man danach macht? Lilienthal: Nein, es geht auch darum, sich vorzubereiten. Wie sichert man zum Beispiel Kunst- und Kulturinstitutionen gegen Eingriffe? Wie macht man künstlerische Leitungen autonom? Die AfD hat ja den Kulturbetrieb als ein wesentliches Ziel ihrer gesellschaftlichen Umstrukturierung genannt. Was auf den Lessingtagen zu erwarten ist, die noch bis zum 15. Februar in Thalia Theater stattfinden, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ " Ein Paar, Anfang 40, wartet auf einer Bank auf den Vorstellungsbeginn. Haben sie eine Karte für Melania gekauft? ›Nein!‹, ruft die Frau erschreckt. ›Wir gehen in Zoomania 2. ‹ Es scheint ein Affront zu sein, Menschen zu unterstellen, sie wollten den Film über die US-Präsidentengattin sehen." Auch in Hamburg zeigen Kinos die Dokumentation "Melania" über die First Lady der USA. Aber wer schaut sich den Film an? ZEIT-Autor Christoph Twickel hat sich für Sie in eine Vorstellung gesetzt . DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Das Phoxxi zeigt mit "American Cycles" erstmals eine Einzelausstellung mit Fotos des preisgekrönten mexikanisch-amerikanischen Fotografen Philip Montgomery. Er ist mit seinen Schwarz-weiß-Bildern ein Kommentator der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA. In den über 100 gezeigten Arbeiten von 2014 bis heute verdeutlicht er die Realitäten des amerikanischen Lebens und politischen Aufruhrs, der Wiederkehr sozialer und ethnischer Konflikte – und die dennoch existierende Solidarität. Bis 10. 5.; Deichtorhallen, Phoxxi, Di–So 11–18 Uhr, Führungen finden Mi, Sa, So um 15 Uhr und am ersten Donnerstag des Monats um 18 Uhr statt MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK In der Edeka-Filiale am Eppendorfer Baum. Eine etwa Mitte 30-jährige, durchgestylte Kundin sucht an der Selbstbedienungskasse verzweifelt nach der Anzeige für "Karotten". Die Mitarbeiterin, die die Aufsicht bei diesen Kassen innehat, schaut sich das eine Weile an und ruft dann durch den halben Laden: "Möhren! Sie müssen MÖHREN eingeben!" Gehört von Tanja Pustolla Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .