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16.02.2026
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Montag – Mit einer Einigung im Tarifstreit, dem Jahrestag der Sturmflut und einem umstrittenen Theaterstück

Liebe Leserin, lieber Leser, was war der letzte Roman, von dem Sie mit einiger Sicherheit sagen können, dass alle in Ihrem Bekanntenkreis ihn gelesen haben? Oder zumindest, dass alle eine klare Meinung dazu hatten und man gemeinsam darüber streiten konnte? In meinem Fall muss es etliche Jahre her sein. Vielleicht war es Feuchtgebiete von Charlotte Roche, das wäre 2008 gewesen. Bei Fernsehserien, die eine Zeit lang als höchste aller Künste gehandelt wurden, ist es ähnlich. Seit Mad Men hatte ich nicht mehr den Eindruck, dass alle dasselbe schauen. Diese Serie endete 2015. Ich vermute, dass das symptomatisch ist für unsere Zeit. Man hört zwar viele Klagen über die angebliche Macht des Mainstreams. Aber in Wirklichkeit gibt es gar keinen Mainstream mehr. Oder nur noch einen, der rasant erodiert. Deshalb wurde ich hellhörig, als ich erfuhr, dass es eine Schule in Tübingen gibt, in der in diesem Schuljahr alle Kinder und Jugendlichen dasselbe Buch lesen. Und zwar Wolf , eine Erzählung von Saša Stanišić, die von Regina Kehn wunderbar illustriert wurde. Es ist ein Buch aus Hamburg, davon habe ich hier berichtet (Z+) . Wolf wurde im Stadtteil Ottensen geschrieben und verlegt, gelesen wird es aber nicht nur dort, sondern potenziell überall, jetzt auch in Tübingen. Als die Journalistin Sandra Hermes den Schulleiter Florian Nuxoll nach dem Grund für die kollektive Leseaktion fragte , sagte er: "Jeder ist in anderen Filterbubbles unterwegs. Die Kinder schauen ja nicht mal die gleichen Cartoons oder spielen dieselben Computerspiele." Die Maßnahme dient also nicht nur der Leseförderung, sondern auch der Vergemeinschaftung. Demnächst kann jedes Kind, das verloren auf dem Schulhof oder in der Mensa-Schlange steht, das andere fragen: "Wie fandest du die Stelle, als der Wolf nachts vor dem Fenster ...?" Also, mal vorausgesetzt, dass wirklich alle das Buch dann auch gelesen haben werden. Aber hier bei der ZEIT erwarten wir selbstverständlich nur das Beste von der Jugend. Mal eben 1.650 Exemplare eines Buches auf einen Schlag zu bestellen, wie Nuxolls Schule das getan hat, unterstützt auch den Verlag. Und es ist eine kräftige Finanzspritze für eine der vielen kleinen Buchhandlungen, die es wirtschaftlich oft nicht leicht haben, davon berichtete Annika Lasarzik neulich an dieser Stelle. Unterm Strich gelingt es hier, mit einer einzigen Maßnahme zugleich erstens die Leselust und zweitens das Sozialleben von Kindern zu fördern, nebenbei drittens die kulturelle Infrastruktur zu stabilisieren – ist das nicht super? Vielleicht sollten wir alle mal 1.650 Bücher auf einen Schlag bestellen und diese großzügig im sozialen Nahbereich verteilen. Rettet den Mainstream! Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Ihr Oskar Piegsa Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Mehrere Tausend Menschen haben am Samstag auf dem Rathausmarkt die Überprüfung rechtsextremer Parteien durch das Bundesverfassungsgericht gefordert. Zeitgleich fand am Thalia Theater ein spielerisches Gerichtsverfahren gegen die AfD statt, das teils für Unmut sorgte, da auch Anhängerinnen und Anhänger der Partei zu Wort kamen. "Wir möchten keinen Extremist*innen oder Faschist*innen eine Bühne bieten", schrieb Regisseur Milo Rau in einer Stellungnahme. "Aber um ihre Narrative wirksam und faktenbasiert zu widerlegen, müssen wir uns mit ihrer Gedankenwelt befassen." Zu den Beteiligten des fiktiven Verfahrens zählten Kultursenator Carsten Brosda (SPD), die Philosophin Susan Neiman, die frühere AfD-Sprecherin Frauke Petry und der Kolumnist Harald Martenstein. Es gibt eine Tarifeinigung für Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Die Löhne sollen in drei Schritten um insgesamt 5,8 Prozent steigen, teilten die Verhandlungsparteien in Potsdam mit. Zusätzlich komme eine "Hamburg-Zulage": Beschäftigte mit Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern verdienen ab sofort zusätzlich 100 Euro im Monat, dieser Zuschlag steigt auf 115 Euro ab Mai 2027. Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst erhalten zunächst 50 Euro, später 75 Euro. Offen ist, was die Tarifsteigerung für die finanzielle Lage beispielsweise der Hochschulen bedeutet. Dort herrscht schon jetzt Geldmangel (Z+) . Die Reederei Hapag-Lloyd will einen israelischen Konkurrenten übernehmen. Man führe fortgeschrittene Verhandlungen über den Erwerb sämtlicher Anteile an der Zim Integrated Shipping Services Limited, teilte das Unternehmen mit. Hapag-Lloyd mit Hauptsitz in Hamburg ist gemessen an der Transportmenge die größte deutsche Container-Reederei. Der Kauf von Zim wäre eine weitere Konsolidierung in der Branche der Linien-Reedereien. Am Wochenende ist es wegen Glätte zu Hunderten Unfällen auf den Straßen von Hamburg und Schleswig-Holstein gekommen. In Billstedt wurden etwa fünf Menschen teils schwer verletzt. Ein Mann war mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren und auf die Gegenspur geraten. Auch in dieser Woche besteht wegen eisiger Temperaturen Glättegefahr. Der Abriss der beschädigten Freihafenelbbrücke sei unvermeidbar, sagte der Sprecher der Wirtschaftsbehörde. Zugleich sei unklar, ob man sie durch ein Behelfsbauwerk ersetzen könne. Im Oktober hatte ein Binnenschiff die denkmalgeschützte Brücke gerammt. Seitdem ist sie gesperrt. Ein Ersatzbauwerk müsse rund 20.000 Fahrzeuge pro Tag tragen können, darunter schwere Lkw. Konkrete Pläne will die Wirtschaftsbehörde Ende Februar mitteilen. AUS HAMBURG Eine Stadt in Ohnmacht Nachdem ein Mann in Hamburg die 18-jährige Fatemeh Z. mit sich vor eine U-Bahn und in den Tod riss, streitet die Politik über die Lehren. Aber sie setzt an der falschen Stelle an. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Kommentar von ZEIT-Redakteur Christoph Heinemann. Seit bald zwei Wochen nun kreist Hamburg um die Frage, warum die 18-jährige Fatemeh Z. sterben musste. Wieso der 25 Jahre alte Ariop A., ein Geflüchteter aus dem Südsudan, sie mit sich vor eine einfahrende U-Bahn zerrte. Aber da sind keine Antworten, nur Streit. Und viel Lärm. 36 Stunden nach der Tat hielt die AfD eine "Mahnwache" am U-Bahnhof Wandsbek-Markt ab, um den Fall als Beleg einer angeblich "tödlichen" Asylpolitik für sich zu nutzen. Kaum wurde die Demo bekannt, riefen auch Linksradikale dazu auf, sich dort zu versammeln. Vor Ort übertönten sich dann beide Gruppen, das Gedenken an die ermordete Fatemeh Z., die alle nur Asal nannten, ihre trauernden Freunde und Verwandten gerieten beinahe zur Nebensache. Das rechtspopulistische Portal Nius zeigte Social-Media-Bilder des Täters und übernahm in einem Kommentar die Bewertung der AfD. Die Sozialarbeiter, die Ariop A. wirklich kannten, tauchten ab, offenbar weil sie Angst hatten, ins Visier der Empörten zu geraten. Der Hamburger Oppositionsführer, CDU-Fraktionschef Dennis Thering, forderte "sichtbares Sicherheitspersonal auf den Bahnsteigen, rund um die Uhr", als ließe sich das Bahnnetz einer Metropole lückenlos abdecken. Vor allem müssten jetzt Geflüchtete, die als Straftäter bekannt seien, konsequent abgeschoben werden. Die SPD beklagte zunächst, der Fall werde politisch instrumentalisiert. Dann forderte der SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher plötzlich über einen Sprecher dasselbe wie Thering: mehr "Regelungen zur Rückführung". Am vergangenen Dienstag nun mussten Asals Eltern ihre Tochter beerdigen. "Mein kleines Herz, mein Honig", rief die Mutter in einer Kapelle auf dem Friedhof Ohlsdorf immer wieder, danach brach sie zusammen. Am Mittwoch tagte die Bürgerschaft, sie hielt eine Schweigeminute für die junge Frau ab, doch direkt danach stritten alle Fraktionen im Plenum noch heftiger als zuvor. Einen konkreten Plan aber fasste man wieder nicht. Lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung dieses Kommentars. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? "Ich wusste nicht, welche Kraft Wasser haben kann" Jedes Frühjahr treffen sich die Überlebenden der Sturmflut von 1962. Damals wurde ein Sechstel des Hamburger Stadtgebietes überflutet, 315 Menschen starben. Heute Abend um 18 Uhr findet die Gedenkveranstaltung auf dem Vorplatz des Museums Elbinsel Wilhelmsburg (Kirchdorfer Straße 163) statt. Einen Bericht von ZEIT-Autorin Miriam Amro über das Treffen im vergangenen Jahr finden Sie hier: → Zum Artikel (Z+) DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN Der Zeichner Ully Arndt kommt am Donnerstag zur Signierstunde seines Comics "Der Goldene Handschuh" in den Comicladen Petit Kami . Acht Jahre hat er an der Umsetzung gearbeitet. "Ich musste dieses Buch einfach machen", sagte er dem ZEIT-Autor Sven Stillich (Z+) . Der Comicladen Petit Kami befindet sich in Ottensen, nicht weit von dem Haus, in dem einst Fritz Honka gelebt hat, der Frauenmörder, von dessen Taten der Comic erzählt. "Der Goldene Handschuh", Signierstunde mit Ully Arndt, 19.2., 18–19 Uhr; Petit Kami, Bahrenfelder Str. 200 MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Ich spiele mit meiner fünfjährigen Enkelin in ihrem Kinderzimmer. Sie möchte einer Freundin einen Brief schreiben und ihr ein Bild malen. Sie murmelt etwas vor sich hin: "... die Blume in Rosa oder in Blau ..." Ich habe es nicht so richtig verstanden und frage nach, was sie meint. Darauf sie: "Nein, Oma, ich habe das nicht zu dir gesagt. Ich habe mit meinem Gehirn gesprochen, welche Farbe ich jetzt nehmen soll." Gehört von Daniela Rath Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .