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22.01.2026
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit ausfallenden Hafenfähren, einer entgleisten U-Bahn, Datenschutz und einem sehr persönlichen Nachruf

Liebe Leserin, lieber Leser, heute geht es mal wieder um den Straßenverkehr und die Frage, wie gut oder schlecht Autofahrer in Hamburg vorankommen. Es geht aber auch um meine Berichterstattung, die vielleicht vorsichtiger hätte sein sollen. Gestützt auf Untersuchungen der Verkehrsdatenunternehmen TomTom und Inrix hatte ich an dieser Stelle behauptet, der Hamburger Straßenverkehr sei – gemessen an den Verhältnissen anderer Großstädte – eine recht flüssige Angelegenheit. Nun hat TomTom seine neuesten Befunde veröffentlicht. Sie widersprechen den älteren Daten deutlich: In Hamburg fließt der Verkehr neuerdings besonders zäh – ganz ähnlich wie in München und Berlin. Natürlich sind die Unterschiede zwischen den Millionenstädten nicht groß, das waren sie nie. Es gibt eben überall zu viele Autos, gemessen an der verfügbaren Verkehrsfläche, und überall kehren Angestellte allmählich aus dem Homeoffice zurück in die Büros und verstopfen auf dem Weg dorthin mit ihren Autos die Straßen. Aber zeitweise sah es in Hamburg besser aus als anderswo – und diesen Umstand habe ich voreilig mit der Verkehrswendepolitik der Stadt und den vorsichtigen Andeutungen einer Abkehr vom Auto als dem wichtigsten Verkehrsmittel in Verbindung gebracht. Das kann nicht stimmen, denn es spricht ja nichts dafür, dass dieser Trend gebrochen wäre oder sich gar umgekehrt hätte. Was also ist geschehen? Hier ist die Erklärung, die mir die Experten von TomTom geben: In Hamburg sei möglicherweise ein doppelter Corona-Effekt sichtbar, weil während der Pandemie nicht nur die Homeoffice-Nutzung die Straßen entlastet habe, sondern auch der vergleichsweise geringe Umschlag des Hafens. Nun trete eine doppelte Normalisierung ein, die Hamburg im Städtevergleich auf einen natürlichen Platz verweise: den einer besonders großen Stadt, die "topografisch benachteiligt" sei, weil Hafen, Alster und Elbe als gigantische Verkehrshindernisse den Straßenverkehr auf vergleichsweise wenigen und darum besonders stark belasteten Routen zusammenpressen. Ansonsten konzentriert sich der neueste TomTom-Bericht nicht mehr auf minimale Unterschiede zwischen den Städten, sondern betont strukturelle Gemeinsamkeiten: "Besonders in Ballungsräumen und Metropolregionen führen Pendlerverkehre aus dem Umland, eine hohe Fahrzeugdichte sowie begrenzte Kapazitäten im Straßenraum zu dauerhaftem Verkehrsdruck." Und: "Hohe Mieten und fehlender bezahlbarer Wohnraum führen dazu, dass viele Beschäftigte ins Umland ausweichen. (…) Auch bei gleichbleibender Zahl von Fahrten steigt so die insgesamt gefahrene Strecke – und damit der Druck auf die Straßen." Kommen Sie gut durch die Stadt! Ihr Frank Drieschner Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Hamburgs Datenschutzbeauftragter Thomas Fuchs fordert von den Behörden mehr Freimut bei der Herausgabe von Informationen. Diese hätten in Einzelfällen kategorisch Auskunft verweigert, obwohl die Informationen kaum brisant gewesen seien – etwa als ein Bürger beim Teilverkauf des Hafenlogistikers HHLA an die Reederei MSC bei der Wirtschaftsbehörde ein Strategiepapier habe einsehen wollen. In einem anderen Fall habe sich die Senatskanzlei geweigert, die Namen der Gäste des prominent besetzten Matthiae-Mahls offenzulegen. Auskunftsanträge scheiterten auch häufig daran, dass Informationen gar nicht erst dokumentiert würden. Die Bergung des am Dienstag teilweise entgleisten Zuges im U-Bahnhof Billstedt wird frühestens heute erfolgen können. Zwischen den U2-Haltestellen Mümmelmannsberg und Billstedt soll der U-Bahn-Verkehr heute zu Betriebsbeginn wieder aufgenommen werden, teilte die Hochbahn mit. Am Dienstagabend war eine U-Bahn ohne Fahrgäste auf einem Wendegleis mit einem Prellbock zusammengestoßen und teils entgleist. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden. Die Linke kritisiert die Ausfälle bei den Hadag-Fähren von und nach Hamburg-Finkenwerder. Auf der Linie 62 zwischen Landungsbrücken und Finkenwerder seien in den letzten vier Monaten des vergangenen Jahres 1.300 Fahrten ausgefallen, 400 mehr als im Vorjahr, auf der Linie 64 zwischen Teufelsbrück und Finkenwerder seien es 450 gewesen. Eine Sprecherin der Hadag sagte, das Unternehmen habe im gesamten Netz deutlich mehr Fahrten angeboten, so auch auf der Linie 64. Ausfälle lägen meist an wetterbedingten und betrieblichen Einschränkungen wie Personalengpässen, Krankheitsfällen oder Pausenzeiten. In aller Kürze • Die Hamburger CDU fordert in einem Bürgerschaftsantrag ein behördenübergreifendes Risikomanagement, um Gewaltdynamiken in Partnerschaften früher zu erkennen . So sollen Frauen besser geschützt werden – jede vierte Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner • Der Verein Autismus Hamburg hat dank seines Rugby-Projekts im Behindertensport für Kinder den Werner-Otto-Preis erhalten • In Hamburg hat es seit Oktober deutlich mehr Grippe-Meldungen gegeben als im Vorjahreszeitraum. Mit fast 1.700 Meldungen waren es rund 600 Meldungen mehr als in der Saison 2024/25 THEMA DES TAGES Wie man ein Leben rettet Frühgeburt von Zwillingen, Herzstillstand, Lungenembolie: Jede Minute zählt. Hier erzählen Notärzte und Ersthelfer von Rettungen, die sie nicht vergessen können. Lesen Sie einen Auszug aus dem Bericht von Lara Lavinia Ott über einen Notfall in Hamburg, den sie während ihrer Ausbildung bewältigen musste. "Ich war 18 Jahre alt, Auszubildende in der Pflege und hatte gerade einen Spätdienst in der Klinik hinter mir. Normalerweise bin ich nach der Arbeit immer allein nach Hause gefahren, aber weil ich an dem Tag so viel Schlimmes erlebt hatte, habe ich meinen Papa angerufen und gefragt, ob er mich abholen kann. Im Auto habe ich sofort angefangen zu weinen, weil eine so große Last von mir gefallen ist: Endlich hatte ich Feierabend. Mein Papa hat mich versucht zu beruhigen und schlug vor, essen zu gehen. Ich weiß noch, wie ich im Restaurant zu ihm sagte, dass ich das Gefühl hätte, noch immer im Dienst zu sein, weil ich immer noch so voller Adrenalin war. Wie eine Art Vorahnung. Auf dem Weg nach Hause mussten wir über eine Tankstelle fahren. Plötzlich kam eine Frau auf unser Auto zugelaufen und fuchtelte mit den Händen. Im ersten Moment dachte ich, sie hätte Schwierigkeiten beim Tanken. Ich ließ das Fenster herunter, und die Frau rief: ›Hilfe, mein Mann atmet nicht mehr!‹ Ich bin sofort aus dem noch rollenden Auto gesprungen und zu dem Wagen gerannt, in dem der Mann der Frau saß. Er hatte auch keinen Puls mehr. Zusammen mit meinem Papa habe ich den Mann aus dem Auto gezogen und ihn auf eine Decke vor einer Tanksäule gelegt. Ich habe versucht, die Ressourcen zu nutzen, die ich hatte, und fragte die Frau, ob sie für mich die Mund-zu-Mund-Beatmung übernehmen könnte, während ich die Herzdruckmassage mache. Wäre sie nicht da gewesen, hätte ich den Mann nicht beatmet, so habe ich es gelernt. Also habe ich 30-mal gedrückt, dann hat sie zweimal beatmet. Immer im Wechsel. Nebenbei wählte ich den Notruf. Während meiner Ausbildung war ich zwar schon bei der ein oder anderen Reanimation dabei gewesen, aber in einem ganz anderen Setting, in der Klinik, und immer nur als Zuschauer. Ich hatte nie selbst eine Herzdruckmassage durchgeführt. Jetzt war ich plötzlich diejenige, auf die alle vertrauten, weil ich von allen Anwesenden am meisten Ahnung hatte." Wie Lara diese Situation erlebte, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Vollgas hieß bei ihm auch immer volle Aufmerksamkeit, authentisch, mit unverfrorenem Witz. Dass Menschen einem besonders vorkommen, liegt oft daran, dass sie einem selbst das Gefühl geben, besonders zu sein." Der Hamburger Gastronom Cengiz Özdemir sprühte vor Charme und Energie, am vergangenen Freitag starb er mit 36 Jahren. Ein persönlicher Abschied, geschrieben von ZEIT-Autorin Anna Marohn DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN Die Hamburgische Bürgerschaft veranstaltet auch in diesem Jahr eine szenische Lesung zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Unter dem Titel "Das Lila Lied" werden Geschichten der nationalsozialistischen Verfolgung von Homosexuellen in Hamburg erzählt. Die Veranstaltung findet für geladene Gäste statt. Wir verlosen 10x zwei Tickets für die Veranstaltung am Dienstag, dem 27. Januar, um 18 Uhr im Festsaal des Hamburger Rathauses. Schicken Sie uns bis morgen, 12 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff "lila Lied" an hamburg@zeit.de . Die Gewinner werden von uns direkt benachrichtigt. Viel Glück! MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Im Wartezimmer. Eine ältere Frau begleitet ihren Mann, und noch drei andere Frauen, etwa im gleichen Alter, warten auf ihren Termin. Der Mann ist nicht sehr glücklich darüber, hier zu sein. Als er dann beim Arzt im Sprechzimmer ist, sagt seine Frau über ihn: "Er war nie krank, und jetzt hat er alles Mögliche und akzeptiert es nicht. Er will seine Tabletten nicht nehmen." – Frau 2: "So einen habe ich auch zu Hause." – Frau 3: "Also, bei unserem Hund stecken wir die Tabletten immer in ein Leckerli." – Frau 4: "Was bin ich froh, dass mir das erspart bleibt. Ich habe nie geheiratet." Gehört von Dagmar Suda Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .