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20.02.2026
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Freitag – Mit einem Plus für den Hafen, Social-Media-Spontankäufen und der Suche nach einem Liegeplatz für die "MS Stubnitz".

Liebe Leserin, lieber Leser, ich heiße Michael Allmaier und arbeite als Redakteur im ZEIT-Ressort Entdecken. Für die Elbvertiefung darf ich seit Jahr und Tag kleine Restaurantkritiken schreiben. Nun fand die Redaktion, für die beachtlichen Spesen, die ich mache, sei ein bisschen mehr Text wünschenswert. Ich versuche das also mal, jeden Freitag an dieser Stelle. Darf ich mit einer Beichte beginnen? Dieser erste Anlauf wäre beinah schlimm missraten. Es war Mittwochmittag, ich kam vom Termin für das Foto, das Sie hier anlächelt. Auf dem Weg aus der Speicherstadt zurück in die Redaktion stieß ich auf die Pâtisserie Johanna. Sie fiel mir gleich ins Auge mit ihrer auftrumpfenden Optik ganz in Schwarz und Gold. Drinnen fand ich Vitrinen wie beim Juwelier voller Pralinen, Petits Fours, Macarons, denen man ansah, dass eine Menge Arbeit darin steckt. Außerdem ein paar herzhafte Happen für 10 bis 12 Euro das Stück. Ich bestellte mir das kuriose Maultaschen-Croissant mit Rührei-und-Sauerkraut-Füllung, setzte mich hin und machte Notizen – manche davon sehr anerkennend, andere weniger. Auf mir ruhten die freundlichen Augen der Namensgeberin. "Johanna Orth" stand unter dem Foto der jungen Frau an der Wand. Woher kannte ich diesen Namen? Egal. Mich amüsierte gerade die Grandezza des Verkäufers, der von den preisgekrönten Pistazien-Basilikum-Pralinen etwas zum Kosten anbot, und zwar genau eine halbe. Die Schlusspointe war schon im Block: "Sie macht Lust auf mehr." Zumindest war ich schlau genug, später dann doch noch zu googeln, was es mit Johanna Orth auf sich hat: Sie war Konditorin an der Ahr und starb in der Flutkatastrophe, mit 22 Jahren. Ihre Eltern verließen danach ihre Heimat und eröffneten 2024 die Pâtisserie am Sandtorkai, im Gedenken an sie. Und so etwas weiß der nicht?, mögen Sie jetzt denken. Die Wahrheit ist: Ich will es meist gar nicht wissen. Beim Testessen schrumpft mir die Welt auf das Format eines Tellers. Vorwissen, rede ich mir ein, würde mich nur befangen machen. Man könnte wohl auch sagen: weniger unverschämt. Ich habe dann nachgelesen, wie die Pâtisserie Johanna anderen Gästen gefiel: "ein Traum", "alles war superlecker", "fester Platz in der europäischen Spitzengastronomie", "Elite weltweit" … Wie ich sie fand, weiß ich nicht mehr, gerade mal einen Tag später. Meine launigen Notizen sind mir fremd geworden. Pistazie und Basilikum – das passt zusammen; solche Urteile traue ich mir zu. Naschen und trauern – keine Ahnung. Das ist eine Nummer zu groß. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Michael Allmaier PS: Seit Anfang des Jahres erscheint dieser Newsletter wieder montags bis freitags. In unserem Podcast sprechen wir weiterhin regelmäßig mit einem Gast über die Hintergründe eines von uns recherchierten Themas. Die aktuelle Folge und unser Archiv finden Sie hier auf zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Nach drei Jahren rückläufigem Gesamtumschlag hat der Hamburger Hafen im vergangenen Jahr ein Plus verbucht. Mit 114,6 Millionen Tonnen habe der Umschlag 2,6 Prozent über dem des Vorjahres gelegen, teilte die Hafenbehörde Hamburg Port Authority (HPA) mit. Während der Containerumschlag im Geschäft mit den USA wegen der US-Zollmaßnahmen um gut ein Viertel (25,6 Prozent) einbrach, wurde die insgesamt positive Entwicklung (Z+) durch Verkehre mit China (+6,5 Prozent), Malaysia (+84,3) und Indien (+49,2) getragen. Hamburgs Verbraucherschutzsenatorin Anna Gallina (Grüne) hat vor den Gefahren von Spontankäufen über Social-Media-Apps gewarnt. In einer repräsentativen Umfrage für den "Verbraucherschutzpegel" ihrer Behörde gab über ein Drittel der Befragten zwischen 18 und 39 an, sie seien über die Apps schon zu spontanen oder emotionalen Einkäufen verleitet worden, die sie sonst wahrscheinlich nicht getätigt hätten. 12 von 100 Befragten seien durch solche Einkäufe sogar schon in finanzielle Schwierigkeiten gekommen. Die Stadt hat im vergangenen Jahr fast 41,8 Millionen Euro an Bußgeldern von Temposündern eingenommen, das sind gut 5,2 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Bauarbeiten an den Elbbrücken und an der Sternbrücke in Altona dürften die Zahl der Tempoverstöße verringert haben, dort blitzte es im vergangenen Jahr deutlich weniger. Drastisch reduzierte sich auch die Zahl der Blitze an der Stresemannstraße in Altona. Hamburg erhält bei seiner Bewerbung um die Olympischen Spiele Unterstützung von anderen nördlichen Bundesländern. Neben dem im Konzept bereits involvierten Nachbarn Schleswig-Holstein unterstützen nun auch Bremen und Niedersachsen das Vorhaben der Hansestadt ausdrücklich. In einer gemeinsamen Mitteilung hieß es, die norddeutschen Länder verbinde die sportliche Begeisterung für Olympia und zugleich die Perspektive auf den Ausbau von Wirtschaft, Infrastruktur und länderübergreifender Zusammenarbeit. Wegen Bauarbeiten wird der Abschnitt der Autobahn A7 zwischen Hamburg-Heimfeld und -Stellingen ab heute Abend, 22 Uhr, komplett gesperrt. Das betrifft auch den Elbtunnel. Bis etwa 5 Uhr am Montag soll die Strecke wieder freigegeben werden. Zudem stehen wegen eines Warnstreiks der Beschäftigten der Autobahngesellschaft im Elbtunnel schon ab heute morgen nur zwei statt der üblichen drei Fahrspuren je Richtung zur Verfügung – ebenso nach der Vollsperrung noch bis in die Nacht zum Dienstag. Nachricht des Tages Am Elbufer, zwischen Fischmarkt und Landungsbrücken, liegt eine 600 Meter lange, asphaltierte Fläche – die sogenannte Hafenkante. Bisher parken dort Wohnmobile, außerdem wird der Platz für den Fischmarkt und den Hafengeburtstag genutzt. Bis 2030 soll er nun umgestaltet werden, und zwar ganz im Sinne der Anwohnerinnen und Anwohner. Den Siegerentwurf der Ausschreibung hat die Umweltbehörde gestern vorgestellt. "Dies wird ein Ort für alle", sagte Umweltsenatorin Katharina Fegebank bei der Präsentation im Stadtteilzentrum Kölibri auf St. Pauli. Geplant sind unter anderem eine Skateranlage, ein Basketballplatz und eine Fläche zum Fußballspielen, dazwischen verteilt sollen mehrere Grüninseln entstehen. In der Mitte des Platzes ist ein Pavillon vorgesehen, den Anwohner für Versammlungen nutzen können, außerdem Sitzgelegenheiten am Wasser. Das Konzept entwickelte das Hamburger Büro Rabe Landschaften gemeinsam mit dem schwedischen Architekturbüro White Arkitekter. Die Umsetzung soll rund 20 Millionen Euro kosten, die Finanzierung ist noch offen. Doch die ersten Schritte sind gemacht – und das gibt Hoffnung, denn dieses Projekt könnte wegweisend sein für die Hamburger Stadtentwicklung. Besonders ist der Planungsprozess: Bürgerbeteiligung war hier mehr als ein Schlagwort. Das Park-Fiction-Komitee sammelte über Monate 800 Ideen im Stadtteil, viele wurden bei Nachbarschaftstreffen diskutiert und flossen in das Konzept ein. Während es sonst oft so ist, dass Behörden die Richtung vorgeben und Anwohner deren Pläne höchstens abnicken dürfen, arbeiteten hier alle Beteiligten zusammen. Auch an der Detailplanung sollen die Nachbarn mitwirken. Das wird noch spannend! Annika Lasarzik AUS HAMBURG Kurz vor Schotten dicht Die Existenz der "MS Stubnitz" ist bedroht: Das Kulturschiff verliert seinen Liegeplatz in der HafenCity. Wieso findet sich ausgerechnet in der Hafenstadt Hamburg kein Platz für ein Schiff? Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von ZEIT-Autor Christoph Twickel. Wer die MS Stubnitz betritt, steigt ab in eine andere Welt: Der Geruch von Eisen und Öl liegt in der Luft, man muss Luken hinter sich schließen, und unter steilen, quietschenden Treppen eröffnet sich ein stählerner Konzertsaal mit Rohren und Eisengittern, mit Kronleuchter und einem blank geputzten Schiffsbodenparkett. Die Welt der MS Stubnitz ist eine Welt, in der Club- und Industriekultur miteinander tanzen. An einem Tag im Dezember sitzt Martin Salzwedel, genannt "Salli", in der Messe, dem Speisesaal der MS Stubnitz , und sagt: "Wir müssen Mitte nächsten Jahres entscheiden, ob wir die Schotten dicht machen." Der 35-Jährige ist der leitende Schiffbauingenieur des Stahlschiffs. Er organisiert die Reparaturen, er strukturiert die Abläufe auf dem Schiff und ist im Vorstand des "Motorschiff Stubnitz e. V.". Der Verein kümmert sich um die Zukunft des Projekts. Und die sieht derzeit nicht sehr rosig aus. In den vergangenen zwölf Jahren ist die Stubnitz ein zentraler Ort für Hamburgs Musikkultur geworden, sie wurde mehrmals Club des Jahres, bekam fünfmal den bundesweiten Clubpreis "Applaus". Doch der Liegeplatz am Kirchenpauerkai in der HafenCity läuft Ende 2026 aus. Wo viele Jahre lang Brache oder Baustellen waren, rückt nun die Wohnstadt an das Konzertschiff – und damit die Lärmbeschwerden. Zuletzt musste die Stubnitz im September 2023 einige Hundert Meter nach Osten verlegt werden, nachdem Anwohner wiederholt die Polizei gerufen hatten. Nun plant das Studierendenwerk ein Wohnheim für 370 Studierende und Azubis in unmittelbarer Nähe. Die HafenCity GmbH geht davon aus, dass sich Kulturbetrieb und Wohnen dort nicht gut vertragen werden. Ob die Stubnitz-Crew an einem anderen Ort eine Chance bekommt, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? "Denen geht es um eine weitere Immobilie. Mir um mein Leben" Gabriele Lehnick soll wegen Eigenbedarfs ausziehen. Doch sie wehrt sich gegen ihre prominente Vermieterin. Und zeigt, wie Mieter gegen die Kündigung kämpfen können. ZEIT-Redakteurin Marilena Piesker hat den Fall aufgeschrieben. → Zum Artikel (Z+) DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN Über die Ereignisse im Iran dringen derzeit nur wenige verlässliche Nachrichten zu uns. Am Weltfrauentag, dem 8. März, lädt der deutsch-iranische Journalist und Moderator Michel Abdollahi deshalb zu einem Solidaritätsabend im Schauspielhaus ein: "All Eyes on Iran" – ein Abend für die Freiheit, gemeinsam mit Gästen, in Kooperation mit dem Centralkomitee. Mit dabei sind unter anderem die Nahost-Korrespondentin Natalie Amiri, der Politiker Daniel Ilkhanipour sowie Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles. "All Eyes on Iran", 8.3., 18 Uhr, Schauspielhaus, Kirchenallee 39; Tickets erhalten Sie hier MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Unsere Enkeltochter, vier Jahre alt, guckt mit ihrem Großvater aus dem Fenster, vor dem ein Eichhörnchen hin und her springt. Darauf der Großvater: "Weißt du schon, dass die Eichhörnchen einen Kogel bauen?" Daraufhin antwortet unsere Enkeltochter wie aus der Pistole geschossen: "Opa, das heißt nicht Kogel, das heißt Kobel!" Und wenig später etwas vorwurfsvoll: "Du musst mal mehr Zeitung lesen." Gehört von Maxi Naumann Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .