|
12.12.2025
06:00 Uhr
|
Die Elbvertiefung am Freitag – mit dem populärsten Chor der Stadt, guten Nachrichten für Kinder und einem Eigentor der CDU

Liebe Leserin, lieber Leser, ab heute kühlt es sich ab, und zwar gewaltig. Expertinnen und Experten erwarten einen Temperatursturz auf minus 271 Grad Celsius. Binden Sie sich also vielleicht einen Schal um, wenn Sie das Haus verlassen. Okay, das war ein Scherz. Also: das mit dem Schal. Nicht die minus 271 Grad. Diese Temperatur soll tatsächlich bald in Hamburg erreicht werden, ganz im Westen der Stadt, im Tunnel des European XFEL, der von Bahrenfeld in Richtung Schleswig-Holstein führt. Der European XFEL ist eine Art Hochleistungs-Röntgengerät. Optisch hat es wenig mit jenen Röntgengeräten gemein, die man vom Arzt oder Flughafen kennt. Stellen Sie sich stattdessen eine schnurgerade und gefühlt endlos lange unterirdische Betonröhre vor, groß genug, dass man darin laufen und sogar Fahrrad fahren kann, aber zu klein, als dass eine U-Bahn hineinpassen würde. In dieser Betonröhre wiederum verläuft ein dickes, knallgelbes Rohr, das vage an eine Tunnelrutsche im Schwimmbad erinnert, aber ebenfalls schnurgerade verläuft. Und in dieses Rohr wird ab heute flüssiges Helium eingeleitet. Das Helium erzeugt die extrem niedrige Temperatur, die notwendig ist, damit Elektronen durch das Rohr schießen können und dabei fast Lichtgeschwindigkeit erreichen. Um genau zu sein: 99,99999996 Prozent von Lichtgeschwindigkeit. Acht Stellen hinter dem Komma, das gibt einen Eindruck von der Präzision, mit der hier gearbeitet wird. Nach nicht ganz zwei Kilometern, ungefähr beim Osdorfer Born, werden die rasenden Elektronen dann ins Schleudern gebracht. "Schleudern" ist nicht der korrekte wissenschaftliche Begriff, aber lassen Sie uns der Anschaulichkeit halber bei dieser saisonalen Metapher bleiben. Dabei entsteht extrem helles Röntgenlicht, das umgeleitet und kurz hinter der hamburgischen Landesgrenze in Schenefeld für allerhand Experimente verwendet werden kann. Forschende aus der ganzen Welt bewerben sich darum, in kleinen, unterirdischen Hütten zu hocken und experimentieren zu dürfen ("Hütten" klingt ähnlich falsch wie "Schleudern", ist aber der gebräuchliche Begriff). Weltweit gebe es nur zwei Anlagen, die mit dem European XFEL technisch mithalten könnten, eine in den USA und eine in China, sagt Sara Casalbuoni, die aus Italien nach Schenefeld gekommen ist und dort eine Forschungsgruppe leitet. Der European XFEL, ein Gemeinschaftsprojekt von zwölf Ländern, wurde 2017 in Betrieb genommen. In den vergangenen sechs Monaten war die Anlage abgeschaltet, wurde gründlich gewartet und teilweise erneuert. Zum Beispiel wurde die sogenannte "Gun" ausgetauscht, mit der die Elektronen in Bahrenfeld losgeschossen werden. Sie soll bis zu 30 Prozent leistungsfähiger sein. Diese Arbeit ist nun abgeschlossen, ab heute wird die Anlage also auf Betriebstemperatur gebracht: minus 271 Grad Celsius. Rund 250 Ingenieure und Technikerinnen arbeiten daran, sie anschließend exakt einzustellen. Das wird planmäßig einige Monate in Anspruch nehmen. Ab März sollen wieder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Hütten sitzen und experimentieren. Wenn Sie mehr über die Anlage erfahren wollen und über die Forschung, die sie ermöglicht: Seit Ende des vergangenen Jahres gibt es ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Der Eintritt ist frei, weitere Infos finden Sie hier . Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende! Ihr Oskar Piegsa Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Hamburg hat im neuen Kinderrechte-Index gut abgeschnitten. Der 2019 erstmals erstellte Index bildet die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in den Bundesländern ab. In Hamburg wurden unter anderem Beteiligungsrechte, Bildung und kulturelle Angebote gelobt. Deutlicher Verbesserungsbedarf bestehe hingegen etwa bei der Bekämpfung von Kinderarmut. In den Bezirken werden 30 neue Stellen für die Allgemeinen Sozialen Dienste geschaffen. Davon verspricht sich Familiensenatorin Ksenija Bekeris (SPD) unter anderem eine frühere Erreichbarkeit von Familien, passgenauere Hilfen und eine Verbesserung des Kinderschutzes. Die Fachkräfte sollen näher am Alltag der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien arbeiten und starke lokale Netzwerke aufbauen. Zudem soll das zusätzliche Personal mehr Zeit für die individuelle Betreuung der Familien ermöglichen. Im Prozess um die mutmaßliche Kindesentführung in der Familie Block hat der mutmaßliche Organisator ein Treffen mit der angeklagten Christina Block geschildert. Demnach sei sie über die geplante Rückholung der Kinder informiert gewesen und habe das Team persönlich im Hotel getroffen. Laut seiner Aussage zahlte die Block-Seite hohe Geldsummen für den Auftrag, den Block selbst weiterhin bestreitet. In aller Kürze • Cornelia Zumbusch, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg, wird mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet , der als renommiertester Forschungsförderpreis Deutschlands gilt • Laut der Verbraucherzentrale Hamburg, gibt es aktuell mehr Beschwerden zu Online-Einkäufen . Viele Händler melden kurz vor Weihnachten, Retouren würden sie nicht oder nur teilweise erreichen, weshalb Verbraucher ihren Versand sorgfältig dokumentieren sollten • In Niendorf hat sich ein 15-Jähriger beim offenbar unsachgemäßen Zünden eines Silvesterböllers schwer an der Hand verletzt , sein Freund erlitt einen Schock AUS DER HAMBURG-AUSGABE "So sind wir. Keiner kann Noten lesen" Die Hamburger Goldkehlchen sind der populärste Chor der Stadt, dabei können die meisten von ihnen gar nicht singen. Kommende Woche wird ihr Traum wahr: ein Konzert in der Elbphilharmonie. ZEIT:Hamburg-Redakteurin Viola Diem war bei einer Probe dabei. Lesen Sie hier einen Auszug aus ihrem Interview mit Chorleiter Paul Jungeblodt, Chorsänger und -manager Markus Tiedemann und den beiden Chorgründern Flemming Pinck und Max Michel. DIE ZEIT: 2016 haben Sie die Hamburger Goldkehlchen gegründet. Der Claim war damals "70 Männer, keiner kann singen". Würden Sie das heute noch so unterschreiben? Flemming Pinck: Wir sind definitiv besser als damals, weil jetzt schon ein paar wissen, wie sie mit ihren Stimmen umgehen müssen, aber ’ne Solokarriere traue ich keinem zu. Max Michel: Zehn Prozent singen gut. Markus Tiedemann: Ich würde sagen, 15 Prozent. Es gibt auch Jungs, bei denen man echt denkt: ogottogott! Paul Jungeblodt: Ich würde sagen, 20 Prozent können was. Ich glaube aber, dass auch jemand gut singen kann, der nicht weiß, wie man Vibrato nutzt, einen Ton schön absenkt oder phrasiert. Bei uns gibt es Stimmen, die sehr authentisch klingen. Diese Unbedarftheit, einfach loszulegen, ist das Besondere. Gerade in Deutschland haben sich sehr lange Menschen beim Singen geschämt. Das wandelt sich gerade. ZEIT: Bei Ihren Konzerten stehen Sie inzwischen mit 100 Männern auf der Bühne, singen Lieder wie My Heart Will Go On und Umbrella von Rihanna, die Zuschauer schmettern mit. Das Konzert in der Barclays Arena im September war nach 76 Minuten ausverkauft, die letzten Konzerte im Stadtpark nach nicht mal zwei Minuten. Wie erklären Sie sich den Hype um die Goldkehlchen? Jungeblodt: Ich glaube, der Identifikationsgrad ist hoch. Man sieht bei unseren Konzerten Amateure auf der Bühne, die null abgeklärt sind und das lieben, was sie tun. Das reißt die Menschen im Publikum mit. Pinck: Was das musikalische Können angeht, reicht uns ein Mittelgut. Bei uns geht es eher um die Show und das Entertainment. Michel: Und um die Energie! Tiedemann: Lange hatten wir vor allem Fans in Hamburg. In der Pandemie hat Social Media geholfen, uns darüber hinaus bekannter zu machen – wir passten zu dem Trend, sich authentisch und unperfekt zu zeigen. Vom Konzert im September wissen wir, dass nur 30 Prozent der Besucher aus Hamburg kamen, 70 Prozent aus anderen Teilen Deutschlands, aus Österreich und der Schweiz. Pinck: Ich wurde schon am Strand von Costa Rica und am Flughafen von Detroit angesprochen: Ey, bist du nicht der von den Goldkehlchen? Tiedemann: Für einige Menschen, das sehen wir immer wieder an Fanpost, hat das eine krasse Bedeutung, was wir machen. Letztes Jahr hat sich ein todkranker Mann gemeldet, sein letzter Wunsch war es, uns live zu sehen. Wir haben Geld zusammengelegt und ihn und seine Familie hergeshuttelt. Michel: Oder Dierk. Der war auf all unseren Konzerten, jeder kannte ihn. Tiedemann: Auf seiner Beerdigung wurden Goldkehlchen-Songs gespielt, und unser Fanschal lag vor dem Altar, das war schon krass für uns. Wer vor dem Elbphilharmonie-Konzert am meisten Respekt hat und was der Chor getan hat, um dort singen zu dürfen, lesen Sie in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Bürgerinnen und Bürgern dieselbe Frage ein zweites Mal zu stellen, weil sie beim ersten Mal eine unerwünschte Antwort gegeben haben: Darin liegt eine Missachtung des Volkswillens." Hamburg erzwang per Volksentscheid eine entschlossenere Klimapolitik. Nun versuchte die CDU, die Sache zu kippen – und stärkte damit ausgerechnet ihre Gegner. Lesen Sie hier den Kommentar von ZEIT:Hamburg-Redakteur Frank Drieschner . MAHLZEIT – Die Gastrokritik Dass gerade Weihnachtszeit ist, macht die Deko im Bistro La Fée liebenswert deutlich. Auf das Jahr 2025 käme man nicht so leicht. Das liegt vor allem an den Gastgebern, die sich selbst "Die Klewis" nennen. Sie führen das Lokal auf der Uhlenhorst zwar "erst" seit zwölf Jahren, dass aber mit der Gemütsruhe von Menschen, die schon lange in der Branche sind und sich nicht bemüßigt fühlen, Trends hinterherzuhecheln. Ernst-Wilhelm Klewinghaus, die kochende Hälfte des Paars, hat in Spitzenrestaurants gearbeitet, als Frankreich noch das Maß aller Dinge war. Das merkt man seinen Tellern bis heute an, auch wenn er viel Deutsches einarbeitet, jetzt im Winter zum Beispiel Wurzelgemüse. Die Kalbsroulade auf Tomatensud ist mit Kohlrabi gefüllt, was erst mal wenig Eindruck macht, aber dem zarten Fleisch Raum lässt. Und der Ofenkartoffel, die simpel aussieht, aber dank ausgeklügelter Schnitttechnik fast wie die französische Spezialität Pommes Anna schmeckt. Diese "Unterfeinerung" gehört offenbar zum Konzept. Niemand, der gern bürgerlich isst, muss sich hier verloren fühlen. Was nicht heißt, dass Klewinghaus sich zurücknimmt. Sein Jakobsmuschel-Carpaccio ist ein wirklich verrücktes Gebilde: eine Halbkugel ganz in Weiß. Die Muschelscheiben bedecken einen warmen Salat aus Parmesan, Trüffelhonig und wieder einmal Kohlrabi. Darüber und auf das Sahnesüppchen sind gute schwarze Trüffel gehobelt, sehr spendabel für den günstigen Preis. Ob das alles zusammenpasst, kann man diskutieren. Aber es hat Charakter – wie das ganze La Fée. Wenn die Arbeit getan ist, kommt der Koch zu seiner Frau Felicitas ist den Gastraum. Lehnt sich an die Wand, schaut den Gästen beim Essen zu und grinst, wenn es ihnen schmeckt. Michael Allmaier Bistro La Fée , Hofweg 50, Uhlenhorst. Tel. 18 98 31 66 DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Wenn Sie noch nicht genug von der Adventszeit haben: Das Feierabendkonzert des Kammerkunstvereins im Oberhafen steht unter dem Titel "Weihnachten" . Neben Kerzen, Stollen und Glühwein gibt es Werke von unter anderem Mozart, Schubert und Strauss. 17.12., 18 Uhr, Oberhafen, Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 43; Tickets gibt es hier MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Zwei Hamburg-Redakteurinnen stehen auf der Weihnachtsfeier der ZEIT: Viola: "Boah, ist das laut hier!" Annika: "Ja, megawarm!" Gehört von einer von ihnen Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .