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01.12.2025
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Montag – mit 4.700 fehlenden Kita-Plätzen, dem Dönhoff-Preis, Fußball-Fankultur und einem Theaterskandal

Liebe Leserin, lieber Leser, die meisten Menschen gehen in den Mojo Club, um dort zu feiern. In der vergangenen Woche war es anders: Auf der Tanzfläche standen Klappstühle, an der Bar wurde Kaffee serviert, statt Funk und Soul lief auf der Bühne nur PowerPoint. Erstmals fand in dem Club an der Reeperbahn die Konferenz AI Media Leaders statt, bei der über den Einfluss von künstlicher Intelligenz auf die Kultur- und Medienbranche diskutiert wurde. Veranstalter war Next Media Hamburg , ein Bündnis der Kulturbehörde und verschiedener Verlage, das den Medienstandort Hamburg stärken will. Auch der Zeitverlag ist an Next Media Hamburg beteiligt. Ich möchte Ihnen von zwei Dingen berichten, die auf der Konferenz besprochen wurden. Erstens, die Zukunft der Demokratie. Zweitens, Leberwurst. Fangen wir mit der Leberwurst an: Mitte November hat OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, in Deutschland einen Gerichtsprozess verloren . Die Kläger hatten gezeigt, dass ChatGPT auf Bestellung Songtexte ausspuckte, die verdächtig nach großen Hits klangen. Etwa nach Atemlos durch die Nacht oder In der Weihnachtsbäckerei. Die Texte dieser Songs waren benutzt worden, um ChatGPT zu trainieren, das leugnete vor Gericht niemand. Die Streitfrage war, ob OpenAI die Künstlerinnen und Künstler dafür entlohnen muss. Ja, sagte das Landgericht München – und verurteilte OpenAI zur Zahlung von Schadensersatz. Ob das Unternehmen zahlen wird oder in Berufung geht, ist noch offen, aber das Urteil wurde in der Kulturszene mit Erleichterung aufgenommen. Was ChatGPT produziere, sei "wie Leberwurst", sagte Florian Drücke vom Bundesverband Musikindustrie auf der Konferenz im Mojo Club: "Wir wollen wissen, was da drin ist, und wir wollen finanziell beteiligt werden." Das ist leichter gesagt als getan. Es geht schon damit los, dass die Leute von OpenAI nicht um Erlaubnis gefragt hatten, ob sie die Songtexte von Helene Fischer und Rolf Zuckowski an ihre KI verfüttern dürfen. Sie haben es einfach gemacht. Kommen wir zur Zukunft der Demokratie. Der Neurowissenschaftler Henning Beck warnte vor einer Vereinzelung der Menschen durch KI. Jeder von uns habe die Neigung, sich für etwas Besonderes zu halten, sagte er. Wieso sollten wir also auf Instagram alle derselben Kim Kardashian folgen, wenn dank KI doch längst jede und jeder von uns eine eigene Kim Kardashian haben könnte, die noch dazu alle unsere Messages umgehend beantwortet? Während eine Armee aus 354 Millionen Kardashian-Klonen vielleicht noch verkraftbar wäre (vorausgesetzt, das Original wird vorher gefragt und entlohnt), wird diese Vereinzelung zur Gefahr, wenn es nicht um Promis geht, sondern um Journalismus, Politik und das Gemeinwohl. Christian Kroll, der Gründer der Suchmaschine Ecosia, warnte: "In zehn Jahren werden wir zurückschauen und denken: ›Oh, wow, KI hat unsere Gesellschaft ganz schön verändert!‹ So, wie wir das heute schon über Social Media denken." Ich hoffe sehr, dass dieser Newsletter auch in zehn Jahren keine personalisierte Leberwurst ist. Sondern, dass unsere Redaktion heute und in Zukunft Nachrichten präsentiert, die uns alle betreffen. Und dass wir weiterhin alle miteinander diskutieren, was diese Nachrichten für unser Zusammenleben in Hamburg bedeuten. "Medienunternehmen sind nicht bloß Unternehmen", sagte die Ingenieurin Kenza Ait Si Abbou Lyandini, "sie sind Demokratie-Infrastruktur." Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Oskar Piegsa WAS HEUTE WICHTIG IST Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ist mit dem Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung geehrt worden. Die Organisation werde für ihre Verdienste als Wächter über das humanitäre Völkerrecht ausgezeichnet, erklärte die Jury. Seit seiner Gründung setze sich das IKRK in beispielloser Weise für die Opfer von bewaffneten Konflikten ein. Die Jury hob die Unterstützung bei der Freilassung der israelischen Geiseln und beim Austausch palästinensischer Häftlinge hervor. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft fehlen in Hamburg in diesem Jahr 4.700 Kita-Plätze . Damit gehen in dem Bundesland 8,9 Prozent der Kinder, für die es Bedarf gibt, leer aus. In Schleswig-Holstein liegt die Quote bei 13,4 Prozent, in Niedersachsen bei 16,3 Prozent Ein Unfall in Heimfeld hat am Samstagabend einen ungewöhnlichen Ausgang genommen. Wie ein Polizeisprecher sagte, waren gegen 17.30 Uhr auf der B73 zwei Autos an dem Crash beteiligt. Zeugen berichteten der Polizei, dass einer der Fahrer anschließend ausstieg und sich im Kofferraum versteckte . Als Einsatzkräfte den Mann dort fanden und überprüften, ergab sich ein Verdacht auf Unfallflucht sowie der Verdacht, dass er sich illegal in Deutschland aufhält. Außerdem besitzt er nach Angaben der Polizei keinen Führerschein. In aller Kürze • Die durch eine Schiffskollision beschädigte Freihafenelbbrücke bleibt bis mindestens Ende des Jahres gesperrt • Der FC St. Pauli verliert mit 1:3 gegen den FC Bayern • Der Hamburger SV gewinnt gegen den VfB Stuttgart in Unterzahl mit 2:1 • Bei einem Wohnungsbrand in einem Mehrfamilienhaus in Rahlstedt sind am Samstagabend sieben Menschen verletzt worden AUS DER HAMBURG-AUSGABE Es ist Feuer drin Die Begeisterung für den Hamburger SV ist so groß wie nie. Doch warum schlägt die Leidenschaft immer wieder um in Gewalt? ZEIT-Redakteur Christoph Heinemann war unterwegs in der Fanszene; lesen Sie hier einen Auszug aus seiner Reportage. Der letzte Angriff läuft, die 97. Minute im Volksparkstadion, der Hamburger SV liegt 0:1 hinten, als Abwehrspieler Miro Muheim eine scharfe Flanke vors Tor schlägt. 57.000 Erwachsene, Kinder und Jugendliche sehen zu. "MAAAACH", ruft ein Mann auf der Osttribüne, sein Sohn presst sich die Hände an die Wangen. Das Maskottchen Hermann geht in die Knie. Auf der Nordtribüne, wo die treuesten Fans stehen, wehen mehr als 50 Fahnen, eine Trommel poltert. Unter dem Dach der Arena bricht Flutlicht durch feinen Nebel, hellgrau wie Weihrauch in der Kirche. Und wenn die HSV-Gemeinde, wie an diesem Bundesliga-Spieltag am 8. November gegen Borussia Dortmund, gemeinsam betet, scheint es, als wäre alles friedlich. Doch im Mittelrang steht der Polizist Christian Hölzemer mit einem Fernglas und bangt, dass keiner die Nerven verliert. "Ich will keine Verletzten oder gar Schwerverletzten", sagt er, aber das drohe jederzeit. Der HSV hat 140.000 Mitglieder, ist damit einer der 20 größten Sportvereine der Welt, weit hinter Bayern München, aber vor Real Madrid. Die Zahl der Fanklubs hat sich seit 2018 verdreifacht. 2.600 Gruppen sind es aktuell, in 39 Ländern, in Städten wie Buenos Aires, Casablanca, Chicago oder Shanghai. Als neulich an der Zugspitze, auf 2.960 Meter Höhe, das Gipfelkreuz ausgetauscht wurde, fand man daran ganz oben: einen Sticker mit der HSV-Raute. Die meisten Fans sind friedlich, aber nicht alle. Im Februar 2024 zeigten die HSV-Ultras, auch "aktive Fanszene" genannt, eine Choreografie im Volksparkstadion: "Ganz Hamburg hasst die Polizei", stand da. Ein Banner zeigte einen Polizeihelm, aus dem Blut tropft. Weil man das als Aufruf zur Gewalt sehen musste, durchsuchte die Staatsmacht die Räume der Ultras im Stadion. Beim nächsten Heimspiel verbrannte ein Vermummter in der Kurve eine Polizeiuniform. Und schließlich, im Januar 2025, sorgte ein Video bundesweit für Entsetzen: Es zeigt, wie vermummte HSV-Anhänger vor dem Lokal "Rutsche" auf Fans des 1. FC Köln einprügeln (Z+) , ältere Männer und Frauen, die sich aneinanderklammern, während Schläge auf ihre Hinterköpfe knallen. Ein Mensch wird dabei schwer verletzt. Wie solche Fälle die Debatte um ein mögliches Gewaltproblem beim Fußball befeuern , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Deutsche Geschichte unterhaltsam darstellen und dabei selbst gut aussehen, also unbelastet wirken zu wollen – das kann nicht gut gehen." Das Deutsche Schauspielhaus wollte mit einer Gala sein 125-jähriges Bestehen feiern – und verursacht dabei einen Theaterskandal , den der ZEIT-Autor Peter Kümmel hier einordnet (Z+) . DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN In der Reihe "Zukunft der Demokratie #9" am Schauspielhaus hat Lukas Bärfuss am Donnerstag den israelischen Hochschullehrer und Philosophen Omri Boehm zu Gast. Boehm entwirft eine Philosophie der Gleichheit, die nicht vor Staatsräson und kulturellen Tabus haltmacht. Er plädiert für ein universales Menschenrecht, das keinen Interessen, keinem ethnischen Nationalismus geopfert werden darf. "Demokratie und Gedächtnis", 4.12., 19.30 Uhr; Schauspielhaus, Kirchenallee 3, Tickets erhalten Sie hier MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Hauptbahnhof, Feierabendverkehr. Die Bahnsteige sind brechend voll, ebenso die Züge. Bei der S-Bahn auf Gleis 4 schlägt das Signal zum Schließen der Türen in nervöses Piepen um. Aus dem Lautsprecher brüllt es: "Nicht die Türen aufhalten!" Es piept noch ein paar Minuten. In den Türen raschelt es aufgeregt, und endlich schließen sie sich. Aus dem Lautsprecher kommt etwas resigniert: "Hamburg bedankt sich für die Verspätung." Gehört von Gesa Fischer Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .