|
09.12.2025
06:00 Uhr
|
Die Elbvertiefung am Dienstag – mit einem Kommentar zu Hamburgs Klimapolitik und dem Kontoauszug von Linken-Politiker Jan van Aken

Liebe Leserin, lieber Leser, wir starten heute mit einer der ganz großen Fragen: Hätten Sie lieber einen Hund oder eine Katze? Ich weder noch. Aber ich würde Matthias adoptieren, wenn ich einen Garten hätte. Er ist eine Maurische Landschildkröte und lebt im Tierheim Süderstraße . In seinem Steckbrief steht: "Sobald er neues Futter bekommt, ist er sofort startklar und stürzt sich, so schnell er es als Schildkröte kann, auf sein Essen." Sehr sympathisch. Hau rein, Matthias! Ein Leckerli für Katzenmenschen, und damit zurück zur Ausgangsfrage, gibt es gerade im Museum am Rothenbaum (MARKK). Dort wurde vorige Woche die Ausstellung "Katzen!" eröffnet. Ich habe sie bereits gesehen: Es geht auf eine sehr bunte, flauschige, kurzweilige Weise um die Kulturgeschichte des Tieres. Ja, ich würde die Ausstellung sogar Hundemenschen empfehlen. Katzen – Kater sind in der Folge natürlich mitgemeint – wurden über die Jahrtausende viele Rollen zugeschrieben. Sie waren Mäusefängerinnen, Gottheiten für Fruchtbarkeit, Unglücksbringer und Symbole für die Unabhängigkeit von Frauen und queeren Menschen. Sie tauchten in der Werbung auf und in der Kunst, in der Gestalt von ägyptischen Katzenmumien und von Hello Kitty, sie schnurrten auf dem Wahlplakat von Kamala Harris und so weiter. All das zeigt die Ausstellung. Auch wenn mir einige der Exponate vertraut waren, habe ich viel Neues gelernt. Ich wusste beispielsweise nicht, dass bis ins 20. Jahrhundert Schiffskatzen an Bord von vielen Frachtern vorgeschrieben waren. Hätte ich in den 1970ern gelebt, hätte ich in Apotheken noch Katzenfelle gegen Rückenschmerzen kaufen können. Und kennen Sie den Mythos über Katzenfiguren aus Porzellan auf dem Fensterbrett? So sollen Frauen von Seefahrern ihren Liebhabern (oder Liebhaberinnen!) signalisiert haben, dass ihr Mann fort ist und sie sturmfrei haben … Empfangen wird man bei der Ausstellung von einem riesigen rosa Katzen-Sofa, auf dem man sich einrollen kann. Es gibt einige so spielerische Elemente: einen Tisch zum Katzenmasken basteln, flauschige Ausstellungswände oder eine Katzen-Meme-Station. Sie wissen schon, diese Internetbilder, bei denen man ein Foto lustig mit einem Spruch kombiniert und es dann online teilt. Weiter unten im Newsletter habe ich Ihnen eines vorbereitet. Für ein neuzeitliches Phänomen hielt ich das, lernte in der Ausstellung aber, dass es viel älter ist. Der britische Fotograf Henry Pointer versah schon um 1880 kleine Tierporträts mit witzigen Unterschriften, etwa eine Katze, die eine Milchkanne auf dem Tisch anschmachtet, darunter das Wort "Expectation" (Erwartung). Rausfinden, ob man nun Katzen- oder Hundemensch ist, kann man in der Ausstellung übrigens auch. Ich habe den Test zweimal gemacht, weil ich es nicht glauben konnte: Katzenmensch, trotz Allergie! Miau, oder wie man auf türkisch sagt: Miyav. Ihre Viola Diem Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST In Hamburg ist die Zahl der Firmeninsolvenzen besonders hoch: Nach Schätzungen von Creditreform werden bis Jahresende 99 von je 10.000 Unternehmen Insolvenz anmelden, die dritthöchste Quote bundesweit. In Deutschland steigt die Zahl der Insolvenzen auf den höchsten Stand seit 2014, mit insgesamt rund 23.900 betroffenen Unternehmen, über acht Prozent mehr als im Vorjahr. Viele Betriebe kämpfen mit hohen Schulden, Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme und strukturellen Belastungen wie Energiepreisen, was vor allem den Mittelstand stark trifft. Die Universität Hamburg warnt in einem Brief an Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal vor irreversiblen Strukturschäden : Man sehe angesichts steigender Kosten und knapper Mittel die Qualität von Lehre und Forschung gefährdet, Einschränkungen im Lehrangebot könnten dazu führen, dass ab Sommersemester 2026 die vereinbarten Studienplätze nicht mehr in der vorgesehenen Qualität angeboten werden. Gründe seien unter anderem steigende Personal- und Energiekosten, Digitalisierungsbedarfe sowie der Abbau von Rücklagen in den vergangenen Jahren. Der Schriftsteller Mirko Bonné ist mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis der Hamburger Autorenvereinigung ausgezeichnet worden und nahm die mit 40.000 Euro dotierte Auszeichnung im Rathaus entgegen. Die Jury würdigte sein vielfältiges Gesamtwerk, das Romane, Gedichte, Essays und Übersetzungen umfasst, sowie seinen einfühlsamen Erzählstil und die tiefgründige Auseinandersetzung mit menschlicher Existenz. Bonné ist nach Siegfried Lenz, Arno Surminski und Ulla Hahn der vierte Preisträger mit Hamburger Wohnsitz. In aller Kürze • In einer Obdachlosenunterkunft in Billbrook wurde ein 55-jähriger Mann erstochen , nachdem er mit einem 32-Jährigen in Streit geraten war. Die Polizei nahm den Tatverdächtigen vor Ort fest. Die Hintergründe der Auseinandersetzung sind bislang unklar • In Altona haben rund 60 Menschen friedlich gegen die bevorstehenden Baumfällungen für den Neubau der Sternbrücke demonstriert , bei dem noch 37 Straßenbäume entfernt werden müssen. Die Deutsche Bahn will die alte Brücke durch eine 108 Meter lange, 21 Meter breite stützenfreie Konstruktion ersetzen und verspricht, für jeden gefällten Baum drei neue zu pflanzen • Die Fußball-Frauen des HSV haben gestern Abend 4:1 gegen Köln verloren AUS DER HAMBURG-AUSGABE Sie bauen sich die Krise schön Die Hamburger Sozialdemokraten finden neue Wohnungen wichtiger als Klimaschutz. Das verraten sie aber nicht. Lesen Sie hier einen Ausschnitt aus dem Kommentar unseres ZEIT:Hamburg-Redakteurs Frank Drieschner. Zu den Künsten des Hamburger Senats gehört es, seine Absichten so tief in komplizierten Papieren und Regelwerken zu verstecken, dass kaum noch nachvollziehbar ist, welche Politik er verfolgt. Im Klimaschutz, sofern man seine bisherigen Beiträge zur CO₂-Vermeidung so bezeichnen kann, hat das Tradition. Vor zwei Jahren bedurfte es eines mit Professorinnen und Professoren besetzten Klimabeirats, um die sogenannten Bottom-up-Berechnungen der Stadtregierung zur Treibhausgasstatistik zu entschlüsseln – und anschließend die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, wie weit der Stadtstaat bereits vom Weg zu seinen Klimazielen abgekommen war. Das neueste Problem der Hamburger Klimapolitik ist ein Zielkonflikt: Die SPD möchte möglichst viel und möglichst billig bauen lassen – dafür gibt es angesichts des Wohnungsmangels und der steigenden Baukosten nachvollziehbare Gründe. Nur mit den Klimazielen, zu denen sich die Sozialdemokraten ebenfalls bekennen, sind ihre Pläne schwer vereinbar. Das gilt umso mehr, seit der Stadtstaat infolge des Volksentscheids zum Klimaschutz anspruchsvollere Ziele verfolgen soll als vorher. Die Bundesrepublik will bis zum Jahr 2045 Klimaneutralität erreichen – Hamburg soll das nun bis 2040 schaffen (Z+) . Wohnungen bauen oder das Klima schützen? Die Frage wird akut durch eine bereits beschlossene, aber noch nicht eingeführte europäische Richtlinie zum Klimaschutz im Neubau und vor allem bei der klimafreundlichen Sanierung alter Gebäude. Sie trägt die sperrige Bezeichnung Energy Performance of Buildings Directive, kurz EPBD. Um die Bedeutung der EPBD zu verstehen, muss man sich in ein weiteres Konvolut mit umständlicher Bezeichnung vertiefen: die "Langfristszenarien für die Transformation des Energiesystems in Deutschland". Diese Untersuchung beschreibt den heutigen Forschungsstand in der Frage, wie das Land seine Klimaziele erreichen kann. Verfasst und ständig fortgeschrieben wurde sie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Besondere an dieser Untersuchung ist, dass sie alle Bereiche der Gesellschaft zusammen betrachtet. Bislang konnte man sich die Zukunft des Straßenverkehrs, der Wohngebäude, der Luftfahrt oder der Industrie schönrechnen, indem man tat, als stünden für den jeweils betrachteten Bereich unerschöpfliche Mengen von klimafreundlich erzeugtem Strom oder Wasserstoff zur Verfügung. In Wirklichkeit müssen beide Energieträger natürlich für all diese Zwecke reichen. Und sie müssen zunächst da eingesetzt werden, wo es den größten Nutzen stiftet. Die Langfristszenarien beschreiben, wie das geschehen soll. Welche Konsequenzen die europäischen Maßnahmen zum Klimaschutz in Hamburg haben , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Ich lande bei einem Nettogehalt von 2.850 Euro." Jan van Aken, Hamburger und Parteichef der Linken spendet so viel, dass ihm nur das deutsche Durchschnittsgehalt bleibt. Warum macht er das? Für die Serie "Kontoauszug" hat er sich und ZEIT-Redakteurin Anne Jeschke in sein Banking eingeloggt . DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Kennen Sie die Mumins? Es sind kleine, unverwechselbare, merkwürdig rund geformte Wesen mit großen Gesichtern, erfunden von der Autorin Tove Jansson. Der erste Band über die Mumin-Familie erschien 1945. Dieses Jubiläum wird mit einer Veranstaltung gefeiert: "Im Tal der Geschichten – ein Abend mit den Mumins" . Im Tonali Saal sind unter anderem die Schriftstellerin Karen Duve und die Schauspieler Sebastian Dunkelberg und Stephan Kampwirth zu Gast. 12.12., 19 Uhr; Tonali, sinn\salon, Kleiner Kielort 8; Tickets gibt es hier . Und: Wer einen Mumin-Kuchen (oder etwas Ähnliches) mitbringt, zahlt nur den halben Eintritt MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Auf dem Bunker an der Feldstraße kommen ein Tourist und ein Hamburger ins Gespräch. Hamburger: "Und, wie gefällt Ihnen meine Stadt?" Tourist: "Sehr gut, aber es regnet ja dauernd." Hamburger lässig: "Jo, aber wir mögen das." Gehört von Monika Piotrowski Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .