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04.12.2025
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit weniger erzeugtem Strom, dem meistgehörten Song (laut Spotify) in Hamburg, und Storys aus dem Leben eines Blankeneser Richters

Liebe Leserin, lieber Leser, wenn der Pastor Martin Vetter heute Nachmittag seine Kirche betritt, die Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern, hat er wenig zu sagen. Auf seinem Weg durch das Gotteshaus wird er von Kindern begleitet, die als Bäcker verkleidet sind, als Mönche, Gaukler, Engel. Auch ein Teufel wird dabei sein. Und die Sechstklässlerinnen Anastasia, Amilia und Paula. Die Mädchen werden heute zu Kinderbischöfinnen ernannt. Das geht zurück auf einen Brauch, der mindestens seit dem vierten Jahrhundert belegt ist, und im Mittelalter in ganz Europa verbreitet war. Ein Rollentausch auf Zeit. Dieser sollte, so steht es in einem historischen Lexikon, die geistigen Würdenträger erinnern, "sich der Nichtigkeit und Vergänglichkeit irdischer Macht stets gewärtig zu sein, Demut zu üben und sich vor Amtsmissbrauch zu hüten". 1994 belebte die Hauptkirche St. Nikolai die Tradition wieder, seither werden jedes Jahr drei Schüler oder Schülerinnen der evangelischen Wichern-Schule ins Amt eingeführt. Die neuen Bischöfinnen Anastasia, Amilia und Paula bekommen – von ihren Vorgängern – einen Mantel verliehen, den bischöflichen Stab, einen Ring und den Hut, der Mitra genannt wird. "Ich darf das Kreuz verleihen", sagt Pastor Vetter. "Freundlicherweise." Dann steigen die neuen Bischöfinnen auf die Kanzel und predigen. Im Publikum in der St.-Nikolai-Kirche werden rund 350 Kinder sitzen. Da müsse man etwas gucken, dass man alle im Blick habe, sagt Vetter. Denn früher übertrieben es die Kinderbischöfe manchmal. Im 13. Jahrhundert erstürmten verkleidete, bewaffnete Schüler der Regensburger Domschule immer wieder ein nahe gelegenes Kloster, wobei es einer Quelle zufolge unter anderem "zu derben Beschimpfungen der Mönche" kam. Mit Beschimpfungen rechnet Pastor Vetter nicht. Heute läuft alles etwas braver ab als früher. Die Kinderbischöfinnen sehen sich als Botschafter für Kinderrechte. Für ihre fünfmonatige Amtszeit haben sie sich das Thema Inklusion vorgenommen. Sie besuchen soziale Einrichtungen, tauschen sich dort über Gleichberechtigung aus, sammeln und verteilen Lebensmittel für die Tafel und besuchen ihre Kollegin Kirsten Fehrs, Bischöfin für Hamburg und Lübeck. Am Ende der Predigt, sagt Pastor Vetter, gibt es Saft und Kekse. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag! Ihr Yannick Ramsel WAS HEUTE WICHTIG IST Hamburg hat 2024 weniger Strom erzeugt als im Vorjahr. Knapp 2,2 Millionen Megawattstunden Strom wurden in der Hansestadt produziert, wie das Statistikamt Nord mitteilte – ein Rückgang von 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der weitaus überwiegende Anteil der Stromerzeugung stammte mit 1,5 Millionen Megawattstunden und einem Anteil von 68,8 Prozent aus fossilen Energieträgern wie Kohle und Erdgas. Rund 0,6 Millionen Megawattstunden Strom und damit 12,6 Prozent mehr als 2023 wurden aus erneuerbaren Energien erzeugt. Der Stromverbrauch belief sich im selben Zeitraum auf rund 10,8 Millionen Megawattstunden. Taylor Swift ist in Hamburg auch in diesem Jahr bei Spotify die meistgehörte Künstlerin. Auf die US-Sängerin folgt der in Hamburg geborene Rapper Bonez MC, wie aus dem "Wrapped"-Jahresrückblick des Musikstreaming-Anbieters hervorgeht. Auf Platz drei steht der Berliner Musiker Jazeek. Der am häufigsten gestreamte Song ist demnach Tau mich auf von Zartmann, bei den Alben liegt in der Hansestadt der Soundtrack zum Musical-Animationsfilm KPop Demon Hunters ganz vorne. Der meistgehörte Podcast ist Gemischtes Hack mit Felix Lobrecht und Tommi Schmidt. Trotz Hunderter Verdachtsfälle und einem vom rot-grünen Senat im Februar eingerichteten Mietenmelder hat die Stadt bislang keinen einzigen möglichen Mietwucherfall bearbeitet. Aufgrund der starken Belastung der Beschäftigten und der komplexen Bearbeitung der Meldungen sei dies aktuell nicht umsetzbar, heißt es in einer Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. Bei der Mietwucher-App der Linken wurden demnach seit November vergangenen Jahres 969 Mietpreisüberhöhungen gemeldet, über den Mietenmelder des Senats waren es seit Februar dieses Jahres 344 Fälle. In aller Kürze • Die Naturschutzorganisation Nabu bittet alle Hamburgerinnen und Hamburger, auf privates Silvesterfeuerwerk zu verzichten. Die Beeinträchtigungen für Wild- und Haustiere seien erheblich, Vögel etwa flüchteten aus ihren Schlaf- und Rastplätzen und verlören dabei Energie, die sie im Winter anderweitig bräuchten • Rund 3.900 Frauen und Männer mit Behinderung suchen in Hamburg einen Job, das sind mehr als vor einem Jahr. Im dritten Jahr der Konjunkturschwäche falle es diesen Menschen schwerer als anderen, wieder Fuß zu fassen im Arbeitsmarkt, sagt Sönke Fock, Chef der Hamburger Agentur für Arbeit • Ein 17-jähriger Radfahrer ist bei einem Unfall in Hamburg-Bergedorf lebensgefährlich verletzt THEMA DES TAGES "Einen habe ich mal in der Sauna getroffen" Eckehard Schweppe war 33 Jahre Amtsrichter in Hamburg-Blankenese: ein Gespräch über Schwamm-drüber-Tage, aussterbende Jugendgangs und kuriose Begegnungen mit Verurteilten. Die Fragen stellte ZEIT-Autor Arno Makowsky; lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview. DIE ZEIT: Sie waren 33 Jahre lang Richter am Amtsgericht Hamburg-Blankenese. Schildern Sie mal einen Fall, der gut in diesen Stadtteil passt. Eckehard Schweppe: Einmal ging es um einen Streit um eine Dunstabzugshaube in einem Haus hier in der Gegend. Der Eigentümer einer Villa neben dem Haus hat sich beschwert, dass es immer nach Essen riecht, wenn da gekocht wird. Der Mieter sagte: Von wegen, wir haben ja eine Dunstabzugshaube. Ich bin also mit einem Referendar zum Ortstermin. Der Referendar musste ein Steak anbraten, ich stand in der Villa. Es gab noch keine Handys, wir haben uns mit einem Walkie-Talkie verständigt. Ich: Jetzt Stufe 1 der Haube einschalten! Jetzt Stufe 2! Das war witzig, weil der Anwalt vom Villenbesitzer immer gesagt hat: Es stinkt total. Und der Anwalt vom Hausmieter: Ich rieche nichts. Letztendlich ging es nicht allein um die Frage, ob es stinkt oder nicht, das ist ja auch subjektiv, sondern darum, ob der Betrieb einer Dunstabzugshaube dem üblichen Standard entspricht. Da dies vorliegend der Fall war, habe ich die Klage auf Entfernung der Dunstabzugshaube abgewiesen. Solche Fälle gibt es hier öfter mal. ZEIT: Klingt eher idyllisch. Schweppe: Blankenese war immer ein besonderes Gericht – klein, menschlich, familiär. Die Fälle spiegeln die Leute wider, die hier leben. Oft wollten meine Kinder von mir einen spannenden Fall hören. Aber ehrlich gesagt ist das meistens ja nicht so richtig spannend wie die True-Crime-Storys in den Podcasts. Dafür gibt es spannende menschliche Hintergründe. Ich kannte viele Angeklagte persönlich, weil sie um die Ecke wohnen. ZEIT: Und wenn eine Verhandlung anstand, haben Sie mit den Leuten vorher darüber geredet? Schweppe: Ja, ab und zu, wenn es gerade passte. Ich erinnere mich an den Fall eines Quartalssäufers. Der ist ein ganz vernünftiger Mensch, aber wenn er getrunken hat, begeht er Straftaten. Irgendwann war er wieder fällig vor Gericht, mit mir als Richter. Ich wusste, wenn ich das nicht vorbespreche, dann dauert der Prozess ewig. ZEIT: Was hat er gemacht? Schweppe: Er hat in einer Gaststätte jemanden beleidigt, bedroht und dann im Weggehen eine Handtasche mitgenommen. Also Diebstahl, Beleidigung, Bedrohung. Ich habe ihn getroffen und gesagt: Hör mal, wir brauchen jetzt eine wahrhaftige Geschichte. Räume das ein, erzähle den Hintergrund. So kam es dann auch. Er sagte, dass er sich beleidigt gefühlt hat und betrunken war. Es ging auch deshalb gut, weil der Staatsanwalt vernünftig war. Das ist ja auch nicht immer der Fall. Aber oft arbeitet man bei so etwas auf eine Einstellung hin, gegen eine kleine Geldbuße. Damit ist der Rechtsfrieden wiederhergestellt. Es gab hier einmal einen Oberstaatsanwalt, mit dem habe ich bei kleinen Delikten von Jugendlichen immer mal wieder einen "Schwamm-drüber-Tag" gemacht. Astrid Lindgren lässt grüßen. Das heißt: Die Verfahren wurden eingestellt. Und der Staatsanwalt und ich haben zu den Angeklagten gesagt: Wir wollen euch hier nicht wiedersehen! Wie sich Eckehard Schweppe den Status als Dorfrichter in Blankenese erarbeitet hat , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Vor 20 Jahren konnten die Kollegen schärfer, süffisanter und härter urteilen, ohne sich zu sorgen, dass sie damit zu einer Delegitimierung des Parlamentarismus beitragen. Sie durften überzeugt sein, dass es nichts gab, was unsere Gesellschaft kaputtmachen könnte." Im Interview spricht "tagesthemen"-Moderatorin Jessy Wellmer über Krisen, die uns umzingeln, über die Frage, was konservativ ist, und Themen, bei denen sie sich vor der Kamera auf die Zunge beißt . DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Das inklusive Ensemble des Klabauter-Theaters zeigt im Dezember sein neues Stück Neumond . Seltsame Wesen zwischen Mensch und Monster sind nachtaktiv, und die Bewohner des Dorfes machen sich auf die Suche nach dem Unerklärlichen. Was macht uns böse – und was menschlich? Was ist "anders" oder "unheimlich"? Das Ensemble entwickelt seine Stücke selbst oder erarbeitet bekannte Stoffe neu. "Neumond", 5.12., 19.30 Uhr, Jungestraße 7a ; Kartenreservierung karten-klabauter@rauheshaus.de oder telefonisch 040-63 30 76 44 MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Neulich im Restaurant: Ein Gast lobt nach dem Essen die hervorragende Küche mit den Worten: "Es war wieder megalecker heute!" Der Kellner antwortet: "Ich weiß, ich komme jeden Tag hierher!" Gehört von Lisa Gehrke Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .