Zeit 26.01.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Gedanken aus dem Jahr 2119: Wieso der Nordseegipfel Hoffnung macht


Die Elbvertiefung am Montag – mit Kundgebungen für Demokratie im Iran und in Syrien, besserer Luft dank Schnee und einer Debatte über die Erbschaftssteuer.

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Gedanken aus dem Jahr 2119: Wieso der Nordseegipfel Hoffnung macht
Liebe Leserin, lieber Leser, gerade lese ich den Roman "Was wir wissen können" von Ian McEwan (ich kann ihn sehr empfehlen, mein Kollege Adam Soboczynski hat ihn hier (Z+) gelobt). Er spielt im Jahr 2119 und handelt von einem britischen Literaturwissenschaftler, der einem berüchtigten Gedicht nachspürt. Es war im Jahr 2014 nur ein einziges Mal mündlich vorgetragen worden, seitdem ist der Text verschollen. 2119 ist die Welt eine andere als die, die wir kennen: Eine schwere Überflutung im Jahr 2042 hat aus Großbritannien eine Ansammlung kleiner Inseln gemacht, Hamburg steht unter Wasser, der Rest Deutschlands ist von Russland eingenommen, Nigeria eine Großmacht. Krieg, Pandemien und die Erderwärmung haben die Weltbevölkerung halbiert und die Artenvielfalt dezimiert. Klingt etwas dystopisch, finde ich auch. Aber durch den Perspektivwechsel – der Protagonist blickt suchend zurück auf unsere Zeit – eröffnet das Buch einen ganz besonderen Raum, um über die Zukunft nachzudenken. So wie es Kanadas Premierminister Mark Carney in Davos getan hat (seit Jahren die erste Rede eines Politikers, die ich mir mehrmals angesehen habe; sie werden sie kennen, falls nicht: hier entlang ). Seine Botschaft: Gerade Länder, die keine Großmacht sind, müssen neue Allianzen schmieden, damit sie souverän bleiben können – anstatt allein zu handeln und sich souverän zu fühlen, während sie in Wirklichkeit umhergeschubst werden von Ländern wie den USA. Verzeihen Sie die Schlenker, jetzt sind wir in Hamburg: Dort beginnt heute der Nordseegipfel, es ist erst der dritte, das Format wurde nach Russlands Überfall auf die Ukraine gegründet. Zum ersten Mal tagt der Gipfel in Deutschland. In der Hansestadt empfängt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Staats- und Regierungschefs von Belgien, Dänemark, Irland, Luxemburg, Norwegen und den Niederlanden, die Energieminister aller neun Nordsee-Anrainerstaaten und Vertreter von EU, Nato und aus der Wirtschaft. Das Ziel: Besser zusammenarbeiten, etwa bei dem Ausbau der Windenergie auf See und der Wasserstoffinfrastruktur. Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht. Aber trotz – oder gerade wegen – der aktuellen Umbrüche in der Welt geben mir Zusammenarbeit und Diplomatie ein Gefühl von Hoffnung. Haben Sie einen guten Start in die Woche! Ihr Yannick Ramsel Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Aufgrund des Nordseegipfels sind die Straßen rund um das Rathaus und die Handelskammer heute für den Autoverkehr gesperrt , eventuelle Einschränkungen im ÖPNV werden über den HVV kommuniziert. In den angrenzenden Straßenzügen kann es zu Auswirkungen auf Geschäfte, den Lieferverkehr und für Fußgänger kommen. Über dem Rathaus gilt während des Treffens ein Flugverbot für Drohnen und Kleinflugzeuge. Proteste gegen den Gipfel erwartet die Polizei nicht. Allerdings könne es im Tagesverlauf zu weiteren, kurzfristigen und temporären Beeinträchtigungen im Straßenverkehr kommen, wenn Staatsgäste durch die Stadt transportiert würden. Knapp 7.000 Menschen haben in Hamburg bei mehreren Kundgebungen für Demokratie und gegen Menschenrechtsverletzungen im Iran und in Syrien demonstriert. An der Demonstration "Nein zur Islamischen Republik im Iran" nahmen nach Polizeiangaben rund 1.200 Menschen teil. Zahlreiche Demonstranten und Demonstrantinnen trugen iranische Flaggen mit dem Löwensymbol aus der Herrschaftszeit des Schahs, zudem legten einige Blumen und Kerzen neben Fotos von Menschen ab, die nach Teilnehmerangaben während der Demonstrationen im Iran getötet wurden. Rund 5.500 Menschen nahmen an einer weiteren Kundgebung für Demokratie in Syrien und im Iran teil. Neuer Schneefall soll ab heute die zuletzt schlechte Luftqualität verbessern. Ein Hochdruckgebiet hatte in den vergangenen Tagen die Luft eher nach unten gedrückt und sie dort gehalten hat, weshalb es laut Deutschem Wetterdienst zu schlechten bis sehr schlechten Feinstaubwerten kam. Für Hamburg werden über den Tag verteilt, aber vor allem vormittags, insgesamt fünf bis zehn Zentimeter Neuschnee erwartet. In aller Kürze • Unbekannte Täter haben in einem türkischen Kulturverein in Hamburg-Lurup mehrere Schüsse abgegeben und damit zwei Männer verletzt. Die Täter seien am Sonntagmorgen gegen 3:30 Uhr in die Räume des Vereins eingedrungen, hätten dort die Schüsse abgefeuert und seien anschließend geflüchtet – einer der Männer wurde später festgenommen • Der Schauspieler Paul Behren hat im St. Pauli Theater den mit 10.000 Euro dotierten Ulrich-Wildgruber-Preis erhalten • Kultur- und Medien-Senator Carsten Brosda (SPD) hat sich gegen eine Altersbeschränkung für Jugendliche in den sozialen Netzwerken nach australischem Vorbild ausgesprochen. Diese sei praktisch schwer durchzusetzen, zudem sei wichtiger, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig lernten, mit den Plattformen umzugehen THEMA DES TAGES "Ich musste dieses Buch einfach machen" Über den Frauenmörder Fritz Honka gibt es einen Roman, einen Film und jetzt auch einen Comic. Eine Begegnung mit Ully Arndt, der acht Jahre lang daran gezeichnet hat. ZEIT-Autor Sven Stillich hat ihn getroffen; lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel. Es führen viele Wege zum Goldenen Handschuh am Hamburger Berg auf St. Pauli. Wie der Serienmörder Fritz Honka hier gelandet ist, hat Heinz Strunk in seinem Roman beschrieben (Z+) . Später machte Fatih Akin einen Spielfilm daraus: In den Siebzigerjahren lernte Honka in der Kneipe Frauen kennen, die er zu sich nach Hause lockte und ermordete. Aufgefallen ist das erst Jahre später, als die Feuerwehr bei Löscharbeiten Leichenteile in Honkas Wohnung entdeckte. Auch Ully Arndt war in den Siebzigern in solchen Kneipen unterwegs. Nicht um zu trinken, so wie Honka und seine Opfer, sondern um Bier auszuliefern. Damals, als Arndt noch ein Junge war, hatte sein Vater einen Getränkevertrieb, und der kleine Ully begleitete ihn manchmal auf seinen Touren. "Wir sind immer zur St. Pauli-Brauerei am Hafen gefahren, haben aufgeladen", sagt Arndt, "dann haben wir ausgeliefert." Ein halbes Jahrhundert später steht der heute 64-Jährige in seinem Atelier in Altona und hält ein Buch in den Händen. Acht Jahre hat er daran gearbeitet, nun ist es fertig: Der Goldene Handschuh als Comic, seine Interpretation des Romans von Heinz Strunk. Hunderte Comicfiguren hat Arndt bereits erfunden und gezeichnet, so ziemlich jeder in Hamburg kennt eine davon. Der Handschuh aber: Das war etwas anderes. "Ich musste dieses Buch einfach machen", sagt er. Was den Comic so gut macht und warum er eine Adaption des Buches und nicht des Films ist , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Das Konzept der SPD würde dazu führen, dass das produktive Betriebsvermögen besteuert würde und damit nicht mehr für die Wertschöpfung und die Sicherung von Arbeitsplätzen zur Verfügung steht." Marie-Christine Ostermann Die SPD hat eine Reform der Erbschaftsteuer vorgeschlagen; über das Konzept streiten SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf und Unternehmerin Marie-Christine Ostermann. Was Klüssendorf der Aussage von Ostermann entgegenzusetzen hat, lesen Sie hier . DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar laden die Künstlerin Valérie Wagner und die Stiftung Bornplatzsynagoge zu einer öffentlichen Kunstaktion gegen Antisemitismus ein. Hamburgerinnen und Hamburger sind eingeladen, in dunkler Kleidung und mit einer Kerze auf dem Joseph-Carlebach-Platz zusammenzukommen und gemeinsam einen leuchtenden Davidstern zu formen. Die Formation wird per Drohne fotografiert und ist Teil des Kunstprojekts "Seite an Seite", das jüdisches Leben im öffentlichen Raum sichtbar macht. Im Anschluss folgt eine kurze Ansprache zum Gedenken an die Opfer. "Seite an Seite", 27.1., 16.15-17.30 Uhr, Joseph-Carlebach-Platz, weitere Infos MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Durchsage im ICE: "Liebe Fahrgäste, waren Sie schon mal in Winsen/Luhe? Das können Sie jetzt von Ihrer Bucketlist streichen, denn wir sind hier außerplanmäßig zum Halt gekommen." Gehört von Christine Strecker Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .