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18.02.2026
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Mittwoch – Mit der neuen Tanztriennale, Kritik an der Bundesregierung und einem Streik bei der U-Bahn.

Liebe Leserin, lieber Leser, im Stadtteil Osdorf befindet sich ein Gebäude, wie es scheinbar tausendfach in Deutschland steht. Erst auf den zweiten Blick entpuppt es sich als etwas Besonderes. Es handelt sich um einen kastenförmigen Zweckbau mit braunem Satteldach und viel Fläche für Parkplätze drum herum: ein Aldi-Markt. Doch dort, wo bis vor einigen Jahren der Leuchtkasten mit dem Discounter-Logo hing (der Umriss zeichnet sich noch an der Fassade ab), prangt nun ein anderes Emblem: ein buntes, knubbeliges "K", kurz für "Kinderzimmer". Der einstige Supermarkt ist heute eine Kita. Kitas werden in Hamburg nicht nur von gemeinnützigen Organisationen betrieben, sondern auch von Unternehmen. Eines davon ist die KMK Kinderzimmer GmbH, die mehr als 35 Standorte unterhält (zum Vergleich: Der städtische Träger Elbkinder betreibt rund 170 Kitas). Wie jedes Unternehmen, möchte auch Kinderzimmer wachsen. Aber das ist gar nicht so einfach. "Der größte limitierende Faktor bei der Expansion ist die Außenfläche", sagt die Geschäftsführerin Kathrin Stojakovic. "Einige Kitas haben gar keine, da gilt Bestandsschutz. Neue Standorte brauchen sechs Quadratmeter pro Kind." Wenn sie und ihr Team eine weitere Kita aufmachen wollen, könnten sie dafür theoretisch jede leer stehende Ladenfläche übernehmen. Praktisch gebe es dort aber so gut wie nie ausreichenden Außenbereich. Altbauvillen mit Gärten seien leider zu unpraktisch: Grundrisse könnten dort oft nicht verändert werden, der Brandschutz sei ein Problem und die mangelnde Barrierefreiheit. Deshalb seien funktionale Immobilien ideal. So wie in Osdorf. Gut, aber eine Kita im Aldi, wirkt das nicht irgendwie ... billig? Im Gegenteil, sagt Lena Suck, die stellvertretende Leiterin: "Eltern, die zum Schnuppern kommen, sagen: ›Das sind tolle Räume!‹" Sie selbst habe noch nie in einer Kita gearbeitet, in der es so viel Platz gebe wie hier: 1.300 Quadratmeter. Sobald man das Gebäude betritt, verfliegt die Discounter-Anmutung: Die Räume der Krippen- und Elementargruppen liegen an den Außenwänden des Gebäudes, in die viel Licht fällt, dank neuer, bodentiefer Fenster. Durch diese kommt man auch nach draußen, auf den ehemaligen Parkplatz, der nun zum größten Teil ein Spielplatz ist. Im Inneren des Gebäudes, dort, wo es eher düster ist, befinden sich die WC- und Zahnputzräume, die zugleich so etwas wie ein Schallpuffer zwischen den Gruppenräumen sind. Praktisch! Die Firma Kinderzimmer hat auch schon ein Automatencasino in Wandsbek zur Kita umgebaut. Und ein besonderes Projekt läuft gerade in Harburg: Dort wird die frühere Dreifaltigkeitskirche zu einer Kita ( nicht das erste Kirchengebäude in Hamburg, das eine Verwandlung erlebt ). Im April sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein, im Oktober die ersten Kinder durchs ehemalige Kirchenschiff toben. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Oskar Piegsa PS: Wie geht es Ihnen eigentlich gerade so? Gibt es etwas, das Sie in diesen Tagen in Hamburg besonders nervt? Ein glatter Bürgersteig vor Ihrer Haustür vielleicht, ein Bus, der nicht kommt – oder etwas völlig anderes? Verraten Sie es uns! Wir freuen uns über zwei oder drei Sätze (bitte nicht mehr) an hamburg@zeit.de , Betreff: "Ach, Hamburg!" WAS HEUTE WICHTIG IST Fahrgäste der U-Bahn müssen sich heute nach Alternativen umsehen. Die Gewerkschaft Ver.di hat Beschäftigte der Hochbahn erneut zu einem 24-stündigen Warnstreik aufgerufen. Bereits Anfang des Monats standen die U-Bahnen einen Tag lang still. Ebenfalls betroffen seien Buslinien südlich der Elbe. Die Schulpflicht bleibt bestehen. Am Freitag und Montag soll es Autofahrer treffen: Dann soll der Elbtunnel bestreikt werden – der zudem am Samstag und Sonntag wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Durch die neuen Tarifverträge im öffentlichen Dienst kommen allein im laufenden Jahr Mehrkosten in Höhe von 526 Millionen Euro auf Hamburg zu. Das sagte gestern Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). Am Wochenende war eine Erhöhung der Entgelte um 5,8 Prozent in drei Schritten bis 2028 beschlossen worden. In Hamburg gibt es zudem eine Sonderzulage für etwa 8.000 Beschäftigte mit viel Bürgerkontakt, etwa in Bezirksämtern, Jobcentern und Schulsekretariaten. Die Mehrkosten erforderten eine "große Kraftanstrengung", sagte Dressel, seien aber ein "vertretbarer Kompromiss". Zugleich übte Dressel scharfe Kritik an der Finanzpolitik der Bundesregierung. Bis Ende des Jahrzehnts kämen auf Hamburg Mindereinnahmen in Höhe von mehr als zehn Milliarden Euro zu. Dieses Problem sei "nicht hausgemacht", sondern folge aus Entscheidungen im Bund. Die Regierung vergebe Steuergeschenke auf Kosten der Länder und ohne konjunkturellen Nutzen. "Es ist einfach viel zu viel Geld zum Fenster rausgeworfen worden", sagte Dressel: "Was braucht die Wirtschaft, um in Fahrt zu kommen? Sicher nicht die Mütterrente." Auch die Senkung der Mehrwertsteuer für die Gastronomie sei "rausgeschmissenes Geld". Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) zeigte sich nicht erfreut über die Verspätung bei der Sanierung der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin. Am Montag hatte die Bahn mitgeteilt, die Trasse werde wegen des kalten Winters nicht wie geplant bis Ende April fertig. Schnieder sagte nun, er erwarte "so schnell wie möglich ein belastbares Konzept". Sein Ministerium habe den Baufortschritt im Blick gehabt und von der Bahn "frühzeitig verlangt, entsprechend gegenzusteuern". AUS HAMBURG Und dann wird eine Woche lang getanzt Vom 14. Juni an findet die erste deutsche Tanztriennale statt. Sie soll ein wichtiges Treffen der Szene werden, von Ballett bis Breakdance. Beworben hatten sich dafür fast alle Großstädte – gewonnen hat Hamburg. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von ZEIT-Redakteur Oskar Piegsa. Kurz bevor die Tanzstunde beginnt, zerrt Lukas Lubisia den Vorhang vor die Spiegelwand. Im Tanzsaal des Kulturzentrums Wiese in Barmbek-Nord, einem großen, fast quadratischen Raum mit sieben Meter hoher Decke, geht es an diesem Wintervormittag nicht um Haltung, Ausdruck, Perfektion. Sondern darum, dass sich alle Anwesenden wohlfühlen und etwas Neues ausprobieren. "Wir fangen super gentle an", sagt Lubisia, ein junger Mann mit schulterlangen Dreadlocks, der als Tänzer den Künstlernamen Anam trägt. "Am besten ist, ihr atmet nur durch die Nase. Das wäre richtig cool, das mag euer Körper." Lubisia ist Teil der Gruppe Rooted Dance Culture, die Tanzstile aus afrodiasporischen Straßen- und Clubkulturen unterrichtet, mit Namen wie Vogueing, Waacking oder Chicago Footwork. "Built for the Community" lautet der Slogan der Gruppe auf Instagram. Doch heute ist Lukas Lubisia der Einzige aus der Community – der einzige Afrodeutsche, so ziemlich der Einzige unter dreißig Jahren und auch der Einzige, der vorab eine ungefähre Vorstellung hatte, was ihn erwarten würde. "Tanz ist grenzenlos", sagt Lubisia, tippt auf seinem Handy und startet einen Hip-Hop-Beat. Vierzig Menschen im Raum beginnen zaghaft zu wippen. Herzlich willkommen auf der ersten deutschen Tanztriennale! Offiziell beginnt das Programm dieser Veranstaltung, die alle drei Jahre Tänzerinnen und Tänzer aus aller Welt nach Hamburg holen soll, zwar erst am 14. Juni. Doch schon jetzt kann man erleben, was sich die beiden Leiterinnen Monica Gillette und Gwen Hsin-Yi Chang vorgenommen haben. Einmal im Monat laden sie zu ihren "All Moves"-Treffen ein, die an verschiedenen Orten in Hamburg stattfinden. Bisher etwa in der Staatsoper, im Gewölbekeller des Museums am Rothenbaum oder heute im Kulturzentrum Wiese. "All Moves" funktioniert nach dem Blind-Date-Prinzip: Wer sich anmeldet, erfährt vorab nicht, wer die Stunde anleitet, zu welcher Musik und in welchem Stil getanzt wird. Im Tanzsaal in der Wiese wippen deshalb auch Menschen zum Beat, die der Begriff Hip-Hop vielleicht abgeschreckt hätte und die – von Lukas Lubisia behutsam angeleitet – nun langsam auf den Geschmack kommen. Welche drei Dinge die neue Tanztriennale leisten soll , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? "Ich verschanzte mich im Kloster. Das lief wunderbar, bis meine Heroinvorräte aufgebraucht waren" Er war Junkie, wurde clean, landete trotzdem in der Psychiatrie. Jetzt hat der frühere ZEIT:Hamburg-Redakteur Daniel Haas eine Abrechnung mit sich selbst geschrieben. Zum Erscheinen seines Buches "Einsamsein" – und passend zur heute beginnenden Fastenzeit – erzählt er, was hilft, wenn nichts mehr hilft: die katholische Kirche. → Zum Artikel (Z+) DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Die Literaturreihe beginnt zwar erst im März, doch Tickets gibt es bereits ab sofort: "Hamburg liest Lenz", eine Hommage an den Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Hamburg Siegfried Lenz (1926 bis 2014), dessen Geburt sich am 26. März zum 100. Mal jährt. Das umfangreiche Programm bietet Lesungen, Theaterabende, literarische Spaziergänge und Gesprächsrunden. "Hamburg liest Lenz" , 1.–31.3., unterschiedliche Orte MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Im Linienbus versucht eine ältere Dame mit ihrem Gesprächspartner zu kommunizieren und schreit mehrmals ins Telefon: "Ich kann dich nicht hören!" Daraufhin antwortet der Busfahrer: "Ich umso besser!" Gehört von Hartmut Wieske Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. 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