Zeit 16.12.2025
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Ein neuer Club, ein bisschen Glimmer


Die Elbvertiefung am Dienstag – mit einem neuen Zeitplan für die Wiedereröffnung des Tele-Michels, dem 94-jährigen Freddy Quinn und mutigen Restaurants

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Ein neuer Club, ein bisschen Glimmer
Liebe Leserin, lieber Leser, ein "Glimmer" ist so etwas wie der Gegenteil eines Triggers: etwas, das nicht schlimme, sondern schöne Erinnerungen weckt und gute Gefühle auslöst – ein Geruch aus der Kindheit zum Beispiel, der Lieblingssong, warme Sonnenstrahlen im Winter. "Wir wollten einen Namen, mit dem man direkt Positives verbindet, Freude und Leichtigkeit", erzählte mir Anton Burmester, als wir gestern Abend telefonierten. Wir sprachen über das Projekt, das der 29-Jährige zusammen mit zwei Freunden im Oberhafen aufzieht: ein neuer Club, für Partys, Konzerte und vieles mehr, namens: glimmer. (Ja, kleingeschrieben.) Als die Nachricht Ende letzter Woche die Runde machte, dachte ich: Wer macht denn bitte heute einen neuen Club auf?! Nicht, dass ich das schlecht fände, ganz im Gegenteil, nur klingt so ein Projekt in Zeiten, in denen allenthalben vom "Clubsterben" die Rede ist, ganz schön, sagen wir mal: mutig. Burmester weiß das. "Theoretisch kann das voll nach hinten losgehen", sagte er. "Aber wir haben richtig Bock! Und gerade ist die Überzeugung, dass wir das packen, größer als jeder Zweifel." Schon im April haben er und seine Mitstreiter Johann Kipping und Luke Mehrhoff den Zuschlag von der Kulturbehörde bekommen, eine Fläche von 548 Quadratmetern im Oberhafenquartier zu bespielen. Dabei geht es um genau die Fläche, auf der bis 2019 der legendäre Club Moloch zu finden war, der nicht zuletzt wegen Lärmbeschwerden aus der Nachbarschaft dicht machen musste. Die drei Freunde haben nun große Pläne: Dort, wo früher der alte Lokschuppen stand, soll ein neues Gebäude entstehen, in dem dank Schallisolierung auch mal richtig laute Bässe wummern dürfen, außerdem sollen die Räume für Lesungen, Konzerte und Workshops genutzt werden. Gedacht ist das Projekt nämlich nicht nur als Musikclub, sondern als "großes Kulturzentrum, in dem sich ein Netzwerk von Kreativen treffen kann", wie Burmester erzählte. Dieses Netzwerk bringt das Team gleich mit: Mit ihrer Partyreihe "Synthetic Love" haben sie sich in den vergangenen drei Jahren eine kleine Fangemeinde aufgebaut – anfangs feierten sie mit Freunden in kleinen Läden, später mit 1.000 Partygästen im Uebel & Gefährlich. Irgendwann kam die Idee auf: ein eigener Club, das wär doch was. Die drei stellten einen Finanzplan auf Basis von Fremd- und Eigenkapital auf, bewarben sich auf die Ausschreibung der Stadt. Und jetzt wird’s ernst. Noch arbeitet Burmester in der Gastronomie und als freier Journalist, bisher hätten sie nichts persönlich an ihren Partys verdient, bald aber wird daraus für alle ein Job, in der Saison 2026/27 soll das glimmer öffnen. "Dann sind wir Geschäftsführer und Gesellschafter …", sagte Burmester an einer Stelle im Gespräch und musste selbst kurz glucksen, "ach, das klingt noch so ungewohnt." Ich bin sicher: bald nicht mehr. Chapeau für so viel Mut und alles Gute den dreien! Und Ihnen einen Tag voller Glimmer! Ihre Annika Lasarzik WAS HEUTE WICHTIG IST Der Hamburger Fernsehturm, im Volksmund Tele-Michel, soll nach rund 30 Jahren Schließung ab der zweiten Jahreshälfte 2031 wieder für Besucher öffnen. Das gab der Senat bekannt. Möglich werden soll das durch zusätzliche städtische Mittel von knapp 2,6 Millionen Euro; insgesamt wird die Sanierung voraussichtlich rund 39,7 Millionen Euro kosten, wobei Hamburg und Bund jeweils die Hälfte der Kosten tragen sollen. Die Bürgerschaft muss den Plänen noch zustimmen . Die Wiedereröffnung war ursprünglich bereits für 2023 geplant, hatte sich jedoch mehrfach verzögert. In Hamburg wurden 2024 insgesamt 1.986 Fälle von Kindeswohlgefährdung festgestellt – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2023 mit 1.780 Fällen. Am häufigsten lag Vernachlässigung vor, sie spielte in 56 Prozent der Fälle eine Rolle, etwa durch unzureichende Versorgung, fehlende Hygiene oder mangelnde erzieherische Einflussnahme, oft in Kombination mit psychischer (34 Prozent), körperlicher (30 Prozent) oder sexueller Gewalt (6 Prozent). In 72 Prozent der Fälle stellten die Behörden eine eindeutige Kindeswohlgefährdung fest, betroffen waren vor allem Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren. Die marode S-Bahn-Brücke an der Holstenstraße ist irreparabel und muss abgerissen werden, die Sperrung Richtung Altona wird daher noch Monate, möglicherweise Jahre andauern. Das geht aus aktuellen Gutachten hervor. Um die Einschränkungen zu begrenzen, plant die Bahn ab der zweiten Hälfte des kommenden Jahres den Einbau von Hilfsbrücken; zudem gelten seit Montag neue Linienführungen mit der S7. In aller Kürze • Bei einem Warnstreik von ver.di haben sich am Montag mehrere Hundert Beschäftigte des öffentlichen Dienstes vor der Europa Passage versammelt, um in der laufenden Tarifrunde der Länder sieben Prozent mehr Lohn, mindestens 300 Euro, sowie bessere Bedingungen für Nachwuchskräfte zu fordern – Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) wies die Forderung als zu hoch zurück • In Bahrenfeld ist erstmals ein betreutes Wohnprojekt speziell für psychisch erkrankte Frauen eröffnet worden – die Unterkunft bietet Platz für bis zu 41 Bewohnerinnen und verbindet Wohnen, sozialpädagogische Betreuung und ärztliche Versorgung unter einem Dach, teilte die Sozialbehörde mit AUS DER HAMBURG-AUSGABE Da brauchen Sie nicht mal Sojasoße Unser Gastrokritiker Michael Allmaier empfiehlt fünf neue, mutige Restaurants. Lesen Sie hier einen Tipp für sizilianische Küche. Mit sizilianischer Strenge Das Erste, was im Kasa auffällt, ist die reduzierte, formstrenge Einrichtung. Vielleicht weil man Klischees im Kopf hat von der sizilianischen Gastronomie: sehr südlich, sonnig, intensiv und entsprechend sehr anders als Hamburg. Claudio Sambito stammt aus Palermo. Er war Architekt, Privatkoch und Wasserballer, ehe er sich mit seinem Lokal in Eimsbüttel selbstständig machte. Ein leiser Gastgeber, der sich gern mal versichert, ob er auch wirklich nicht stört. Und, wie sich bald zeigt, auch ein leiser Koch. Die überschaubare, regelmäßig wechselnde Karte hält eine Balance von sizilianischen Klassikern und weniger bekannten Gerichten. Dass hier gut eingekauft wird, merkt man beim Lammkarree mit gebratenen kleinen Artischocken (und etwas trivialen Rosmarin-Kartoffeln als Sattmacher). Man versteht auch schnell, dass es hier um Finesse geht. Beim Arancino, einem mit Fleisch gefüllten Reisbällchen, kommt sie von der Süße der Erbsen; beim Pulpo-Kartoffel-Ragout von glatter Petersilie und einem Hauch Fenchel. Die volle Dosis Süden gibt es zum Dessert, beim dekonstruierten Cannolo mit reichlich Pistazien, kandierten Orangen, Kakao und Marsala. Es ist noch zu früh, Claudio Sambito mit der leider nicht mehr aktiven Anna Sgroi zu vergleichen, die den Maßstab für sizilianische Küche in Hamburg gesetzt hat. Aber seine Kasa ist schon jetzt sehr anders als die üblichen "Italiener". Kasa, Bellealliancestr. 32, Eimsbüttel. Hauptgericht ab 24 Euro Wo Sie Bibimbap in einer Weinbar oder Tacos mit Party finden, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de DER SATZ "Siebzig Jahre nach dem Beginn seiner Karriere macht Freddy Quinn klar Schiff. Wobei man sich keineswegs sicher sein kann, was von dem, was er uns hier erzählt, wirklich stimmt, und was wieder nur neues Seemannsgarn ist." Manfred Nidl, 94, trat unter dem Künstlernamen Freddy Quinn auf und wurde der erste Superstar der deutschen Popmusikgeschichte. Nun erscheint seine Autobiografie "Wie es wirklich war", die er mit dem Journalisten Daniel Böcking verfertigt hat; sie verspricht Aufklärung über sein Leben . DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Das Museum am Rothenbaum lädt am kommenden Donnerstag zu: "Süße Traditionen. Eine Führung mit süßem Ausklang" . Der Blick richtet sich auf die Pausenrituale weltweit und wie sie Momente des Innehaltens schaffen. Zum Abschluss gibt es Kaffee und Kuchen und damit auch die Möglichkeit zum Austausch. Oder nur zum Genuss. "Süße Traditionen. Führung mit süßem Ausklang", 18.12., 16 Uhr, MARKK, Rothenbaumchaussee 64, Anmeldung hier MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK In einem Café in Blankenese. Eine Dame trifft zufällig einen älteren Herren. Sie geht zu seinem Tisch und fragt: "Wie geht es dir?" Er: "Ach ja, oben klar und unten dicht. Mehr erwarte ich nicht mehr." Gehört von Franziska Schubert Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .