Zeit 04.02.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Drei Zettel, Küche, Bad: Verhelfen Abreißzettel zu einer Wohnung?


Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit Sabotage am Hafen, mehr Sicherheit für die Reeperbahn und offene Fragen zur Tat in Wandsbek

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Drei Zettel, Küche, Bad: Verhelfen Abreißzettel zu einer Wohnung?
Liebe Leserin, lieber Leser, in den vergangenen Wochen habe ich mich viel mit dem Thema Wohnungssuche beschäftigt. Zum Glück nicht mit meiner eigenen, sondern mit der von Menschen, die ich buchstäblich im Vorbeigehen gefunden hatte: auf Abreißzetteln. Die Ampeln, Laternenmasten, Stromkästen und Fahrradschuppen in meiner Gegend sind tapeziert mit Hoffnung aus Papier. "Wohnung gesucht!" ist die klassische Überschrift. "Jurist sucht neues Zuhause", schreiben Juristen, die ein neues Zuhause suchen, und die ganz Wilden bieten signalrot auf A4: "1.000 EURO BELOHNUNG!" Bringt das eigentlich was, diese Zettel aufzuhängen, habe ich mich vergangenen Sommer gefragt und an einem Wochenende alle abfotografiert, an denen ich vorbeikam. Nun, ein halbes Jahr später, habe ich die Suchenden kontaktiert, um sie zu fragen: Wohnen Sie schon, oder tesafilmen Sie noch? Kurz danach saß ich in Wohnzimmern in Eimsbüttel, Bahrenfeld und auf St. Pauli und ließ mir von Menschen ihre Wohnungssuche schildern. Zum Beispiel von Caroline Blauth, 32, IT-Projektmanagerin, und Simon Gebauer, 37, der als Koch arbeitet. Das Paar sucht seit Juni 2024 eine neue Wohnung. "Wir hatten große Hoffnung in die Zettel gesteckt", erzählt Caroline. Sie lächelten darauf Passanten von einem Urlaubsfoto aus Thailand entgegen, in orangefarbenen Rettungswesten. Simon meinte, das müsste Vermietenden doch vermitteln, dass die zwei verantwortungsvolle Leute seien. Auf einigen Zetteln hatten sie auch 300 Euro Belohnung versprochen. Eine Wohnung brachte es nicht. Das jetzige Zuhause von Caroline und Simon ist gemütlich und hübsch eingerichtet, aber recht klein. Das Schlafzimmer nur sechs Quadratmeterchen. Sie wünschen sich ein drittes Zimmer, auch ein Balkon wäre toll. Als sie vor über sechs Jahren zuletzt auf der Suche gewesen seien, sei es ihnen nicht so schwierig vorgekommen, sagt Caro. "Damals haben wir in zwei Monaten 50 Wohnungen besichtigt. Jetzt habe ich das Gefühl, der Wohnungsmarkt ist tot." Simon glaubt zu wissen, woran es liegt: "Wir schreiben in den Anschreiben, was alle über sich sagen: nett, Nichtraucher, keine Haustiere." Und sie suchen da, wo alle wohnen wollen – in Eimsbüttel, für bis zu 1.800 Euro warm. Einige meiner Gesprächspartner bei der Recherche machten ähnliche Erfahrungen wie Caro und Simon, doch es gab auch Happy Ends. Einem halfen dabei die Zettel, den Nächsten eine Gassi-Runde mit dem Hund – und anderen eine kleine Flunkerei bei der Bewerbung. Davon können Sie in der aktuellen Titelgeschichte von ZEIT:Hamburg lesen, zum Link geht es weiter unten im Newsletter. Falls Sie übrigens meinen, den ultimativen Geheimtipp bei der Wohnungssuche zu kennen, lassen Sie es uns wissen. Und falls auch Ihnen eine kleine Notlüge geholfen hat, wären wir natürlich entzückt, wenn Sie sie uns verraten würden. Wir behandeln die Info selbstverständlich diskret. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihre Viola Diem Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Die Polizei hat zwei Männer festgenommen, die voriges Jahr ein für die deutsche Marine vorgesehenes Schiff sabotiert haben sollen. Bei Arbeiten im Hamburger Hafen sollen sie unter anderem mehr als 20 Kilo Strahlkies in einen Motorblock eingebracht und weitere Schäden an Korvetten verursacht haben. Zu den Motiven ist bislang nichts bekannt. Hapag-Lloyd will nach über zwei Jahren Unterbrechung wieder durch das Rote Meer und den Suezkanal fahren. Zuvor hatte die Reederei die Route wegen Angriffen der Huthi-Miliz auf Schiffe gemieden. Die Rückkehr erfolgt gemeinsam mit Maersk im Rahmen ihrer Zusammenarbeit ("Gemini Cooperation"), bei der beide Reedereien auf bestimmten Routen Dienste und Schiffe koordinieren. Die Fahrten sollen unter Schutz von Marineeinheiten und mit hohen Sicherheitsvorkehrungen erfolgen. Die Hamburger CDU hat im Bürgerschaftswahlkampf des vergangenen Jahr mit Erfolg nicht nur um Stimmen, sondern auch um Spenden geworben. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren habe die Partei einen Wahlkampf ohne finanzielles Minus bestritten, berichtete Landesschatzmeister Roland Heintze am Dienstag beim Landesparteitag in Hamburg-Dulsberg. Der Grund dafür sei ein Spendenaufkommen in Rekordhöhe von 860.000 Euro. In aller Kürze • Das Landgericht Hamburg hat einen 26-jährigen Syrer zu elf Jahren Haft verurteilt; er hatte vergangenen Juni im Harburger Phoenix-Center einen ebenfalls syrischen Freund erstochen . Das Gericht sah als Motiv Eifersucht und ein übersteigertes Ehrverständnis; der Angeklagte gestand, gilt trotz Borderline-Störung als schuldfähig, das Urteil ist nicht rechtskräftig • Weil sich nachts viele Menschen auf der Reeperbahn unsicher fühlen, hat das Clubkombinat Hamburg 2025 das Projekt "WTF – What the Fear" gestartet. Nach der Auswertung fordert es nun, dauerhaft Schutzkonzepte auszubauen: Awareness-Teams im öffentlichen Raum, betreute Anlaufstellen für Betroffene, mehr Prävention sowie bessere Beleuchtung und barrierefreie Wege • Offensivspieler Jean‑Luc Dompé wurde vom HSV mit einer sechsstelligen Geldstrafe belegt , nachdem er bei einer Verkehrskontrolle alkoholisiert am Steuer erwischt worden war. Er darf diese Woche wieder mittrainieren, fehlt aber noch mindestens im Spiel gegen Heidenheim AUS DER HAMBURG-AUSGABE "Die Suche hat mich emotional an meine Grenzen gebracht" Viele Menschen suchen mit Zetteln an Laternen, Ampeln und Stromkästen nach einem neuen Zuhause. ZEIT:Hamburg-Redakteurin Viola Diem hat ein paar Nummern mitgenommen und ein halbes Jahr später nachgefragt: Hat es geklappt? Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Protokoll von Philip von Beesten. Der 46-jährige Videoproducer suchte eine Wohnung für höchstens 1.800 Euro für sich und seine zwei Kinder. "Anfang 2025 wurde uns unsere alte Wohnung wegen Eigenbedarfs gekündigt. Ich habe zwar ein gutes Einkommen, aber ich bin selbstständiger Videoproducer und alleinerziehender Vater von zwei Kindern. Das ist offenbar ein Problem auf dem freien Markt, zumindest kamen auf Anschreiben in Internetportalen kaum Rückmeldungen. Gleich nach einem Monat bekamen wir fast eine Wohnung über Kontakte, ich hatte sogar den Mietvertrag schon. Aber die Vormieter überlegten es sich im letzten Moment anders. Mit jedem Monat stieg der Druck, im Dezember mussten wir raus sein. Ich hatte einen ImmoScout-Zugang und postete alle paar Wochen auf LinkedIn und in WhatsApp-Gruppen. Ab Februar habe ich auch Suchzettel an Straßenlaternen und Ampeln in Eimsbüttel, Altona und St. Pauli geklebt. "Wir suchen ein neues Zuhause" stand da auf pinkem Neonpapier, das man schon aus der Ferne sah. Beim ersten Mal fühlte sich das Kleben noch mühsam an. Doch schon bald war es eine Art Hobby. Ich klebte bei jeder Gelegenheit, beim Spazierengehen oder wenn ich meine Tochter von der Schule abholte. Manche Anwohner erkannten mich von den Zetteln wieder. Einmal fragte mich eine Frau, als ich eine Laterne beklebte: "Oje, immer noch nichts gefunden?" Und ein Restaurantbesitzer rief mir zu: " The poster boy is here!" Über die Monate verteilte ich mehr als 1.000 Zettel. Wenn ich so durch die Straßen lief, dachte ich oft: Es ist doch absurd. Es gibt Tausende Wohnungen. Aber für uns gibt es anscheinend keinen Platz. Die Zeit hat mich emotional an meine Grenzen gebracht, es war ein sehr hartes Jahr. Irgendwann fragte ich die Mutter, ob unsere Kinder notfalls vorübergehend ganz bei ihr unterkommen könnten, wenn ich nichts finde. Da war schon Sommer." Wie es am Ende klappte – und fünf weitere Wohnungssuchgeschichten – lesen Sie in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Ariop A. hatte eine Chance. Wie konnte seine Geschichte so enden?" Ariop A., ein 25 Jahre alter Südsudanese, zerrte am Donnerstag am U-Bahnhof Wandsbek Markt eine 18-Jährige mutmaßlich mit sich in den Tod. Christoph Heinemann und Tom Kroll gehen den Fragen nach, die seine Vorgeschichte aufwirft . DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Am kommenden Sonntag spricht der Kunsthistoriker Hans Thomas Carstensen in der Flussschifferkirche über die Malerin Paula Modersohn-Becker. Der Vortrag "Ich will weiter, immer weiter!" findet in der Reihe "Kultur auf’m Kahn" statt – und fällt auf den Tag ihres 150. Geburtstags. Carstensen skizziert das "Künstlerinnenleben zwischen Konvention und Aufbruch": Modersohn-Becker suchte ihren Platz zwischen Kunst, Ehe und Mutterschaft und arbeitete zugleich an einer eigenen Bildsprache. Zu Lebzeiten blieb sie weitgehend ohne die Anerkennung, die ihr Werk später erhielt. 8.2., 16.30 Uhr, Einlass ab 16.15 Uhr; Hohe Brücke 2 (Nähe U-Bahn Baumwall); Eintritt frei, um Spenden wird gebeten MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Zwei ältere Herren betreten den Mittags-Italiener, einer mit einem großen Hund. Sie setzen sich an den Nebentisch, der Hund legt sich friedlich darunter. Irgendwann dringt ein Satz des Hundehalters an mein Ohr: "Ich weiß nicht mehr, wie die Mädels hießen, aber die Namen der Hunde sind mir alle noch präsent." Gehört von Horst-Dieter Martinkus Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .