Zeit 28.01.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Die Reeperbahn wird 400 Jahre alt – oder?


Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit weniger gefördertem Wohnungsbau, einem Warnstreik-Aufruf an den Hamburger Hochschulen und Verdacht auf Drogendelikte bei der Bundewehr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Die Reeperbahn wird 400 Jahre alt – oder?
Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem Jahr zelebriert der Stadtteil St. Pauli einen besonderen Geburtstag. Es geht um eine Straße: die Reeperbahn. "Die wohl bekannteste Straße der Welt" werde 400 Jahre alt, schreibt der Stadtteilverband BID Reeperbahn+. Mit Veranstaltungen und Aktionen soll die Reeperbahn 2026 gefeiert werden. Ob sie die bekannteste Straße der Welt ist, da bin ich mir nicht so sicher, aber spannend fand ich die Datierung. Genau 400 Jahre? Was passierte 1626? Haben ein paar Pioniere damals ein Stück Land befestigt, in gerader Linie, mit ein paar Häusern versehen und dann ein Schild mit der Aufschrift "Reeperbahn" aufgestellt, fertig? Wohl eher nicht. Also ein Anruf bei Eva Decker. Die freischaffende Historikerin befasst sich seit 2009, als sie im mittlerweile geschlossenen St.-Pauli-Museum begann, mit der Geschichte des Stadtteils. Im Auftrag des BID grub sie zuletzt in Archiven. Auch bei Ortwin Pelc habe ich nachgefragt, Historiker und lange Zeit Abteilungsleiter am Museum für Hamburgische Geschichte. Beide finden: Die Quellenlage ist nicht besonders gut. Aber Folgendes lässt sich sagen: Anfang des 17. Jahrhunderts bekam Hamburg eine neue Wallanlage, um besser geschützt zu sein – das Gebiet, wo die Reepschläger auf langen Bahnen ihre Seile fertigten, in der heutigen Neustadt, wurde für den Wall benötigt. Ein Umzug war für die Reeper aber nicht einfach möglich: Während des Dreißigjährigen Krieges kamen mehr Menschen nach Hamburg, die Grundstückspreise stiegen, und weil die Segelschiffe größer wurden, brauchten die Seilmacher mehr Platz. Also zogen sie nach draußen und arbeiteten fortan außerhalb der Wallanlage, östlich, zwischen Hamburg und Altona, auf dem Hamburger Berg. Laut Eva Decker begann dieser Umzug 1622, vielleicht auch etwas später. 1626 war er weitgehend abgeschlossen, aber: "Das ist ein Prozess, der sich über Jahre zieht", sagt Decker. Lässt sich der Reeperbahn-Geburtstag also so genau datieren? "Ob man den Beginn der Umsiedlung oder deren Ende als Anfang der Reeperbahn bezeichnet, finde ich sekundär", sagt Eva Decker. Es sei ihr einfach wichtig, das Thema zu beleuchten, um zu zeigen, dass die Reeperbahn nicht nur Rotlicht- und Amüsierviertel sei, sondern eine lange Geschichte davor habe. Und dafür sei 2026 ein gutes Jahr. Am 1. Februar erzählt Eva Decker von ihrer Forschung bei einem Vortrag im St.-Pauli-Office mit anschließendem Rundgang, unter dem Motto "Kirchen, Grenzen und Tumult – St. Pauli im 17. und 18. Jahrhundert". Klingt spannend. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Yannick Ramsel PS: Die ZEIT Akademie veranstaltet ab 11. Februar ein Live-Webinar zur Fotografie mit dem Profi-Fotografen Martin Schoberer: "Besser fotografieren – Der Weg zur eigenen Bildsprache" , das Kameramodell spielt keine Rolle, Sie können auch mit einem Smartphone dabei sein. Wir verlosen drei Tickets à 199 Euro für die Teilnahme an den drei Abenden. Um an der Verlosung teilzunehmen, folgen Sie bitte diesem Link . Die Gewinner oder Gewinnerinnen werden von der ZEIT Akademie direkt benachrichtigt. WAS HEUTE WICHTIG IST In Hamburg ist die Zahl der Bewilligungen zum Bau geförderter Mietwohnungen im vergangenen Jahr gesunken. Mit 2.742 lag die Zahl knapp zwölf Prozent unter der des Vorjahres. Für bestehende Wohnungen wurden 2025 allerdings für so viele Wohnungen Mietpreis- und Belegungsbindungen erreicht wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr, sagte Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD). Laut einer Erhebung kam Hamburg 2024 auf 166 geförderte Wohnungen pro 100.000 Einwohner – der bundesweit höchste Wert. Die Linke kritisierte dennoch, dass der Senat sein selbst gestecktes Ziel von jährlich 3.000 geförderten Neubauwohnungen nicht erreicht habe. In der Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Dienst hat die Gewerkschaft Ver.di Beschäftigte der Hamburger Hochschulen heute zu einem Warnstreik aufgerufen. Die Arbeit niederlegen sollen beim bundesweiten Branchenstreiktag alle studentischen Beschäftigten, alle Tarifbeschäftigten, Auszubildenden und Praktikanten sowie dual Studierende. Betroffen seien alle Universitäten und Hochschulen, die Staats- und Universitätsbibliothek und das Hamburger ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Ver.di fordert Gehaltserhöhungen von sieben Prozent, monatlich mindestens 300 Euro. Zudem soll der Tarifvertrag anders als bisher auch für studentische Hilfskräfte gelten. Nach dem Nordsee-Gipfel in Hamburg zweifelt die Offshore-Windbranche an, dass die Ausbauziele der Bundesregierung erreicht werden können – im Jahr 2030 sollen Windräder mit einer Gesamtleistung von 30 Gigawatt in der deutschen Nord- und Ostsee stehen. Als Grund nennt die Industrie, dass Anlagen schon bisher verzögert an Netze angeschlossen worden seien. Zudem sei bei der jüngsten Ausschreibung von zwei Flächen 2025 kein Unternehmen interessiert gewesen. Die Ausschreibung muss im kommenden Juni nachgeholt werden. In aller Kürze • Die Zahl der Erwerbstätigen in Hamburg ist vergangenes Jahr auf einen Höchststand gestiegen. Im Jahresdurchschnitt waren nach Zahlen des Statistikamts Nord rund 1,37 Millionen Menschen erwerbstätig, damit ist die Zahl im Vergleich zu 2024 um 0,9 Prozent gestiegen • Der Prozess gegen die Unternehmerin Christina Block könnte noch bis zum Ende des Jahres gehen, deutlich länger als erwartet – bisher sind nur Termine bis Juni angesetzt • Die Bundeswehr ermittelt, ob Studierende an der Helmut-Schmidt-Universität (Universität der Bundeswehr) Betäubungsmittel konsumiert und auch vertrieben haben . Aktuell werde der Sachverhalt sowohl durch die zivilen Strafverfolgungsbehörden als auch bundeswehrintern ermittelt THEMA DES TAGES Gedenken auf Rechnung In der Hamburger HafenCity sollte längst ein Dokumentationszentrum für deportierte NS-Opfer stehen. Seit Jahren stockt der Bau – und liegt nun wieder auf Eis. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von ZEIT-Autor Christoph Twickel. Mitten in der HafenCity, dort, wo heute der Lohsepark liegt, befand sich einst der Hannoversche Bahnhof. Bis zur Eröffnung des Hauptbahnhofs im Jahr 1906 kamen dort alle Personenzüge aus dem Süden an. Danach wurde der Kopfbahnhof für den Güterverkehr genutzt. Zwischen 1940 und 1945 deportierten die Nationalsozialisten von hier aus mehr als 8.000 Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma. Die Züge fuhren in Ghettos und Konzentrationslager; nur wenige Hundert der Deportierten überlebten. Neben einer Gedenkstätte im Lohsepark, die seit 2017 mit Tafeln entlang der historischen Gleisverläufe an die Opfer der NS-Verbrechen erinnert, ist seit vielen Jahren auch ein Dokumentationszentrum geplant. In einer Dauerausstellung sollen dort Hintergründe und Zusammenhänge der Deportationen erläutert werden. Ursprünglich war die Fertigstellung für 2012/2013 vorgesehen. Fast zehn Jahre lang suchte die Stadt nach einem Grundstück und einem Investor, der das Gebäude errichten würde. Dann schien eine Lösung gefunden: Das Dokumentationszentrum sollte im Erdgeschoss eines an den Lohsepark grenzenden Bürogebäudes unterkommen, das der Hamburger Investor Harm Müller-Streer bauen ließ. 2020 begann der Bau mit einem gemeinsamen Spatenstich von Opferverbänden, Investor und Stadt. Doch als 2021 bekannt wurde, dass ausgerechnet das Öl- und Gasunternehmen Wintershall Dea Mieter werden würde, protestierten die Opferverbände. "Irritierend" und "geschmacklos" nannte Arnold Weiß, Vorsitzender des Landesvereins der Sinti, die Vorstellung, dass ein NS-belastetes Unternehmen Mitnutzer des Gebäudes werden solle. Wie die Verhandlungen weitergingen , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Richtige Uniformen haben wir auch noch, da sind wir einer der Letzten, die die noch liefern." Vor 130 Jahren shoppten bei Tropen Brendler in Hamburg vor allem Kapitäne; heute ist das Geschäft immer noch eine Institution in der Stadt; ZEIT-Autorin Friederike Gräff hat vorbeigeschaut und sprach mit Ingrid Osthues, die das Geschäft nun in vierter Generation leitet . DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN Im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung "Das andere Russland – Memorial: 35 Jahre Kampf um historische Wahrheit und Demokratie" findet heute Abend die Veranstaltung "Erinnern ist Widerstand" statt. Zu Gast ist die Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa, Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, die seit 2021 im deutschen Exil lebt. Gemeinsam mit der Journalistin Alice Bota spricht sie über gängige Russlandbilder in Deutschland und die Russlandpolitik. Durch den Abend führt Sabine Bamberger-Stemmann. Die Ausstellung ist noch bis zum 22. Februar zu sehen. "Erinnern ist Widerstand", 28.1., 19 Uhr; Lichthof der Staatsbibliothek, Von-Melle-Park 3; der Eintritt ist frei, Anmeldung erwünscht unter pr@sub.uni-hamburg.de MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Im Schauspielhaus, Schulvorstellung von "Der zerbrochene Krug", volles Haus mit konzentrierten Schülerinnen und Schülern. Am Ende gibt es langen und lauten Applaus. Im Rausgehen tauschen sich zwei Schülerinnen aus: "Wie fandest du es?" Die begeisterte Antwort: "Digger, ich war voll wach!" Gehört von Claudia Kolf-van Melis Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. 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