Zeit 01.06.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Der Olympia-Traum ist aus


Die Elbvertiefung am Montag – Mit einem wichtigen Aufruf, Prügeleien in Eppendorf und einer Krimi-Empfehlung

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Der Olympia-Traum ist aus
Liebe Leserin, lieber Leser, das war’s. Hamburg sagt Nein zu Olympia. All die Plakate, Flyer, Pixi-Bücher und Drohnen-Shows, mit denen der Senat für die Austragung der Spiele warb, konnten die Mehrheit der Hamburgerinnen und Hamburger nicht überzeugen. Und so wirkte der weiße »Eine Chance für alle«-Schal, der gestern Abend in der Handelskammer verteilt wurde, nur mehr wie ein Trostpreis. Die Anhänger der Pro-Olympia-Initiative standen dort bald betreten bei Currywurst und Sekt beieinander und wirkten recht fassungslos, viele hatten mit einem anderen Ausgang des Abends gerechnet. Ganz anders die Stimmung im Rathaus: Um 18.30 Uhr knallte der erste Sektkorken, eine Stunde später war klar, dass das »Nein« nicht mehr aufzuholen war, und die NOlympia-Initiative, die sich dort auf Einladung der Linksfraktion getroffen hatte, feierte ausgelassen. »Der Senat hat die Stimmung in der Stadt komplett falsch eingeschätzt«, freute sich Heike Sudmann, Co-Fraktionsvorsitzende der Linken. Besagter Senat reagierte deutlich nüchterner: »Das Votum ist für uns verbindlich«, teilte Bürgermeister Peter Tschentscher knapp mit, Hamburg habe seine Bewerbung beim DOSB bereits offiziell zurückgezogen. Katharina Fegebank sprach von einer »herben Enttäuschung«. Warum haben die Hamburgerinnen und Hamburger der Olympia-Vision nun, nach 2015, schon wieder eine Absage erteilt? Mein Kollege Frank Drieschner hat sich das Ergebnis genauer angeschaut, auffällig ist etwa das Gefälle zwischen den wohlhabenderen und den ärmeren Stadtteilen. Seine Analyse lesen Sie hier (Z+) . Es war schon bemerkenswert, wie leidenschaftlich in den vergangenen Wochen über die Zukunft dieser Stadt diskutiert wurde. Mit welcher Energie der Senat für eine große Idee warb. Wie viele Menschen sich offenbar wünschen, Hamburg möge doch mal wieder »groß denken«. Aber was heißt das eigentlich: groß denken? Ich für meinen Teil fände es schön, wenn die Lust am Visionären nicht mit der Olympia-Kampagne endet. Wenn die Politik nun ähnlich engagiert an Lösungen für den sozialen Zusammenhalt arbeitet, an der Verkehrswende, am Schwund der Sozialwohnungen oder am Erreichen der Klimaziele. In der Debatte wurde zwar mitunter ein Bild gezeichnet, als stünde Hamburg vor einer Entscheidung zwischen Olympia und komplettem Stillstand. Als wäre die Stadt ohne den »Olympia-Turbo« nahezu handlungsunfähig, als gäbe es die »Großdenker« auf der einen und die Spielverderber auf der anderen Seite. Aber das alles greift zu kurz. Ich bin gespannt, welche Schlüsse der Senat aus diesem Ergebnis zieht. Und, noch ein letzter Gedanke: Auf beiden Seiten der Olympia-Debatte standen Menschen, die sich eingemischt haben. Die sehr viel Zeit und Energie investiert haben, weil ihnen nicht egal ist, wie Hamburg in zwanzig oder dreißig Jahren aussieht. Von diesem Schwung dürfte ruhig etwas übrig bleiben. Denn Olympia ist zwar vom Tisch, die großen Zukunftsfragen aber sind es nicht. Ihre Annika Lasarzik Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Nach der anhaltenden Trockenheit bittet die Stadt Hamburg wieder um Hilfe: Über das Online-Portal »Trockener Bach« können Bürgerinnen und Bürger ausgetrocknete oder trockengefallene Gewässer melden. Die Umweltbehörde will die Hinweise nutzen, um zu prüfen, wie Wasser künftig länger in den betroffenen Bereichen gehalten werden kann. Zehntausende Menschen feierten am Wochenende beim Eppendorfer Landstraßenfest . Trotz eines verschärften Sicherheits- und Reinigungskonzepts klagten Anwohner erneut über Wildpinkler, Vermüllung und Lärm. Laut Polizei kam es allein am Samstagabend zu 16 Einsätzen, unter anderem wegen mehrerer Schlägereien zwischen alkoholisierten Jugendgruppen. Zwei Frauen wurden durch eine geworfene Glasflasche leicht verletzt. Bauherren in Hamburg warten immer länger auf die Prüfung ihrer Grundstücke auf Kampfmittel: 2026 dauert die Auskunft im Schnitt elf Wochen statt der vorgesehenen vier. Das geht aus einer Senatsantwort auf eine Anfrage von Julian Herrmann (CDU) hervor; 2025 waren es zehn, 2024 fünf Wochen. Die Prüfung soll etwa unentdeckte Weltkriegsbomben ausschließen. Graugänse machen Liegewiesen derzeit vielerorts schwer nutzbar , an Alster, Kaiser-Friedrich-Ufer und im Stadtpark. Laut Bezirksamt Hamburg-Nord wird die »eingeschränkte Nutzbarkeit« beklagt; wegen möglicher Tierseuchen sollen Hunde an die Leine. Nabu-Experte Marco Sommerfeld nennt eine flugunfähige Zeit der Vögel als Grund; die Stadt bittet, sie nicht zu füttern. Bei einem Küchenbrand in Steilshoop sind am Samstagabend drei Katzen erstickt . Laut Feuerwehr fanden Einsatzkräfte nach dem Löschen acht Tiere; fünf kamen in eine Tierklinik, eines musste wiederbelebt werden. Eine weitere Katze blieb vermisst. AUS HAMBURG Wenigstens haben sie es versucht Die Hamburger Olympiapläne sind gescheitert, rund 55 Prozent der Bewohner stimmten dagegen. Die Gründe? Ganz einfach: Die Hamburger haben andere Sorgen. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von ZEIT-Redakteur Frank Drieschner. Stellen wir uns vor, die Hamburger Olympiakampagne wäre nicht gescheitert, weil es sie überhaupt nicht gegeben hätte: Wie stünde die Stadt dann da? Wenn sich die Aufregung über das mit rund 55 Prozent der Stimmen klare »Nein« gelegt hat (für »Ja« stimmten rund 45 Prozent), wenn die fälligen Bekundungen des Bedauerns aufseiten der Befürworterinnen ausgesprochen und die Triumphgesänge der Gegner verklungen sind, muss man daran erinnern: Die Chance, Olympische Spiele auszurichten, hat eine Zwangslage für die Regierenden erzeugt. Hätten sie ihre Stadt wirklich aus diesem Wettbewerb heraushalten sollen? Das wäre ihnen als Zögerlichkeit ausgelegt worden, wenn nicht als mutwillige Missachtung einer günstigen Gelegenheit. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) soll dieses Argument intern immer wieder vorgetragen haben: Wir müssen es wenigstens versuchen! Und es ist ja völlig richtig: Hätten Berlin, München und das Ruhrgebiet den Wettkampf um die deutsche Olympiabewerbung von Anfang an unter sich ausgetragen, wie sie es nun tun werden, wäre in Hamburg die Kritik laut geworden. Teile der Wirtschaft hätten verständnislos oder empört reagiert, und die CDU hätte dem Protest ihre Stimme geliehen. Wenn nicht Hamburg das Rennen mache, sondern München, so formulierte es der Bürgermeister bei einer seiner Werbeveranstaltungen für ein »Ja« im Olympiaentscheid, »gehen das ganze Geld und die ganzen Großprojekte nach Bayern, Bayern, Bayern«. Aus nachvollziehbaren Gründen hätten viele Hamburgerinnen und Hamburger sich beschwert, wenn der Senat dem tatenlos zugesehen hätte. Nun ist aus dem Bewerbungsversuch eine gemeinsame Niederlage von Senat, also der rot-grünen Landesregierung, der oppositionellen CDU und der Handelskammer geworden. Keine zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale zog Tschentscher die Hamburger Olympiabewerbung offiziell zurück. Die Senatsseite drückt gefasst ihre Enttäuschung aus: »Alle können stolz sein auf das, was sie in den vergangenen Wochen und Monaten geleistet haben«, sagte Innen- und Sportsenator Andy Grote (SPD), als die Auszählung am Sonntagabend noch lief, aber die Tendenz bereits in Richtung »Nein« ging – so kann man zur Not Gefallen an einer Niederlage finden. Die Initiative NOlympia feiert, sie sieht sich als David, der über Goliath triumphiert. »Wir wurden als linke Olympiakritiker ständig in die Nähe der AfD gerückt, bloß weil die Olympia auch ablehnt«, sagt Florian Kasiske, der stellvertretende Pressesprecher der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft und selbst auch Anti-Olympia-Aktivist: »Ich fand die Kampagne der Olympiabefürworter wirklich schmutzig und ich würde mich freuen, wenn das noch ein Nachspiel hat.« Was das Votum für die Hamburger Parteienlandschaft bedeutet und wie es nun weitergeht, lesen Sie in der vollständigen Analyse von Frank Drieschner. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? Auf Mallorca wird der Horror perfekt Mit Thrillern kann man die Schriftstellerin Simone Buchholz jagen. Außer mit diesem: »Meeresdunkel« von Till Raether. Sie findet, es sei, wie Stephen King zu lesen, aber in der Variante der Hamburger Herbstferien. → Zum Artikel (Z+) DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Bei der Langen Nacht der ZEIT verrät Riccardo Simonetti der ZEIT-Redakteurin Anna Kemper »Was ich gern früher gewusst hätte« ab 16:30 Uhr im Abaton – es geht um persönliche Aha-Momente, das Klügerwerden und um Simonettis Herzensthemen. Wir verlosen fünf Mal zwei Tickets, zur Teilnahme geht es hier entlang . An der Verlosung können Sie bis Dienstag teilnehmen. Wenn Sie gewonnen haben, werden die Kolleginnen aus dem Veranstaltungssteam Sie direkt benachrichtigen. Viel Glück! MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Spricht eine Frau ins Handy: »Du, ich sitz am Strand und hier ist ein ziemlich windiger Sturm!« Gehört von Michael Pasdzior Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .