Zeit 20.11.2025
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Das Volk hat gesprochen, aber egal


Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit seltsamen Plänen der CDU, einem Porträt von Klaus-Michael Kühne, und einer ehemaligen Kinderkrankenschwester an der Armutsgrenze

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Das Volk hat gesprochen, aber egal
Liebe Leserin, lieber Leser, oh, pardon, guten Morgen, ich bin gerade noch etwas irritiert von einer seltsamen Nachricht. Die CDU, so vermeldeten wir gestern, möchte den Volksentscheid zur Klimaneutralität in Hamburg noch kippen. Man werde einen Antrag ins Parlament einbringen, eine einfache Mehrheit reiche, und schon, sagte der Partei- und Fraktionschef Dennis Thering, gelte wieder: Klimaneutralität bis 2045, nicht schon fünf Jahre früher. Ich hätte da einige Fragen. Zugegeben, ich steckte vor der Abstimmung nicht tief in den Details des Hamburger Klimaplans ( mein Kollege Frank Drieschner gab da glücklicherweise Nachhilfe ). Es gibt einfachere Fragen als diese. Aber ich gehe davon aus, dass der Volksentscheid deshalb Volksentscheid heißt, weil da etwas entschieden wird. Liege ich falsch, lieber Herr Thering? Die zweite Frage ist etwas polemisch, ich muss sie trotzdem stellen: Wofür steht das "D" im Namen Ihrer Partei? Und bitte sagen Sie jetzt nicht: für "Denkste" oder "Doch nicht". Drittens, und das frage ich mich sehr ernsthaft: Warum dieser Antrag, warum jetzt? Sie müssten doch wissen, dass die SPD da niemals mitmacht. Ist das Ziel, die Genossen bloßzustellen, sie zu einem Nein zu Ihrem Antrag zu zwingen, obwohl sie das Jahr 2040 doch selbst für zu ambitioniert halten? Das fände ich etwas zu verkopft, gerade jetzt, wo es doch ein verbindliches, politisches Ziel gibt, bei dem es keine Zeit zu verlieren gäbe. Und wenn der Senat so schlecht regiert, wie Sie sagen, könnte er Ihre kritische Begleitung dabei bestimmt gebrauchen. Letzte Frage: Können wir uns alle darauf einigen, dass bestimmte Regeln gelten, egal, ob man gewinnt oder verliert? Falls nicht, könnten Sie gern Unterschriften sammeln …, nein, lassen wir das lieber. Dann muss ich jetzt auch mal weitermachen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Christoph Heinemann WAS HEUTE WICHTIG IST Im Prozess wegen Kindesentführung gegen Christina Block hat die neue Ehefrau ihres Ex-Mannes schwere Vorwürfe gegen die Unternehmerin erhoben. "Hier lügt jemand", sagte die Dänin Astrid Have als Zeugin. Die Tochter wünsche sich, die Mutter solle "endlich mal die Wahrheit sagen", sagte die 39-Jährige. Der Prozess wird am 10. Dezember fortgesetzt. Ein halbes Jahr nach der Tötung einer Hamburger Autorin auf einem Hausboot muss ihr Sohn in die geschlossene Psychiatrie. Das Landgericht sieht es als erwiesen an, dass der 23-Jährige an einer schizoaffektiven Störung leidet, die durch die Einnahme von Drogen noch verstärkt worden sei. Bei der Tat habe der 23-Jährige im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt. Eine Hamburger Studentin ist in Istanbul möglicherweise an einer Vergiftung mit Pestiziden verstorben. Der Tod der 21-Jährigen liegt bereits ein Jahr zurück, aber die Staatsanwaltschaft prüfe nun, ob ein Gift gegen Bettwanzen dafür ursächlich verantwortlich gewesen sein könnte. Auch die Hamburger Familie, die zuletzt an einer Vergiftung verstarb, war offenbar Pestiziden ausgesetzt gewesen. In aller Kürze • Ein geparkter Abschleppwagen ist in Hamburg mitsamt beladenem Auto komplett ausgebrannt . Durch die Hitzeentwicklung seien bei dem Brand im Stadtteil Mümmelmannsberg in der Nacht zum Mittwoch noch vier weitere Autos beschädigt worden, teilte die Polizei mit • Der von der Bundesregierung angekündigte Bürokratieabbau ist nach Einschätzung der deutschen Hafenwirtschaft bislang ausgeblieben . Der neu gewählte Präsident des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS), Sebastian Jürgens, kritisierte das am Mittwoch in Hamburg. THEMA DES TAGES Ich hätte eine Oper für euch Der drittreichste Deutsche war immer sparsam. Jetzt ist Klaus-Michael Kühne 88 Jahre alt und überhäuft seine Heimatstadt Hamburg mit Geld. Wir haben ihn gefragt, warum. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Porträt von ZEIT-Redakteur Marc Wiedmann. Warum nur macht er das, fragen sich viele in diesen Tagen. Warum schenkt ein 88-jähriger Milliardär, der seit 50 Jahren in der Schweiz lebt und lange für seine Sparsamkeit berüchtigt war, seiner alten Heimatstadt Hamburg ein spektakuläres Opernhaus? Um sich selbst ein Denkmal zu setzen, sagen die einen. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, vermuten die anderen. Klaus-Michael Kühne lacht, wenn man ihm diese Mutmaßungen schildert. "Also, ich brauch keine Denkmäler", sagt er bei einem Treffen in seinem Hamburger Luxushotel The Fontenay im Sommer. Und ein schlechtes Gewissen? Das plagt ihn offenbar schon gar nicht. Kühne wirkt vielmehr wie ein Mann, der sehr mit seinen Entscheidungen im Reinen ist. Seine riskanten Wetten sind ja auch meist aufgegangen. Kühne wettete auf die Globalisierung, als es sie noch gar nicht gab. Schon in den 1960er-Jahren begann er damit, die Spedition Kühne+Nagel, die er von seinem Vater Alfred übernommen hatte, zu internationalisieren, und eröffnete Standorte auf allen Kontinenten. Als die Globalisierung kam, waren Kühnes Leute schon da. Er wettete auch auf die Schifffahrt, als er 2008 bei Deutschlands größter Reederei Hapag-Lloyd einstieg und sie vor dem Verkauf nach Asien rettete. Lange sah das nach einer schlechten Idee aus, die Verluste waren horrend. Doch die Coronapandemie führte plötzlich zu Lieferengpässen, woraufhin die Frachtpreise explodierten. Allein in den Jahren 2021 und 2022 zahlten seine Firmen insgesamt sieben Milliarden Euro Dividenden an Kühne aus. So wurde er nicht nur der drittreichste Deutsche nach Lidl-Gründer Dieter Schwarz und Schraubenkönig Reinhold Würth, mit einem Vermögen von 36 Milliarden Dollar, wie das Magazin Forbes errechnete. Er ist nun auch ein Unternehmer mit dem Ruf, dass früher oder später zu Gold wird, was er anfasst. Die halbe Milliarde Euro, die er in den Immobilienträumen des Österreichers René Benko (Z+) versenkte, fällt da nicht ins Gewicht. Klaus-Michael Kühne ist einer der finanziell erfolgreichsten Unternehmer der deutschen Geschichte. Doch wofür der Mensch Kühne der Nachwelt in Erinnerung bleiben wird, entscheidet sich womöglich erst daran, was er hinterlässt und wie er mit der Vergangenheit seiner Familie umgeht. Wie die Idee entstand, eine Oper zu verschenken , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ " Was ich jungen Menschen rate: Ich habe es gerade erst einer jungen Friseurin gesagt: Hören Sie nicht auf zu arbeiten. Sonst gibt es keine gute Rente. Und selbst wenn Sie immer arbeiten, reicht es dennoch nicht." In der Serie "Rentenbescheid" erzählt die Kinderkrankenschwester und Geburtshelferin Sigrid Brand*, 72, warum sie in Frührente gehen musste und wie es ist , mit 1.300 Euro im Monat am Rande der Armut zu leben . DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Die Griffelkunst-Vereinigung feiert in diesem Jahr 100-jähriges Jubiläum. Die Vereinigung verlegt seit 1925 Editionen von Originalgrafiken nationaler und internationaler Künstler. Diese Druckreihen werden den Mitgliedern zugänglich gemacht. Die Zentrale der Griffelkunst-Vereinigung zeigt bis Samstag noch ihre Ausstellung 100 Jahre Griffelkunst. Die Kunsthalle zeigt in der Ausstellung And so on to infinity – 100 Jahre Griffelkunst eine Auswahl an Lithografien, Siebdrucken, Radierungen, Holzschnitten, Fotografien aus dem Programm der 100 Jahre. 100 Jahre Griffelkunst, bis 22.11., täglich 10–16 Uhr; Zentrale der Griffelkunst-Vereinigung, Oberaltenallee 78. And so on to infinity – 100 Jahre Griffelkunst , bis 18.1.26, Di–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr; Kunsthalle Hamburg, Galerie der Gegenwart, 3. OG., Glockengießerwall 5 Auch die Kunsthalle Bremen feiert das Jubiläum in einer Ausstellung Flirt und Fantasie. Griffelkunst von Max Klinger bis Peter Doig , bis 1.3.2026 MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Mit dem Flugzeug von Zürich nach Hamburg. Beim Einsteigen stellt eine junge Frau hinter mir fest, dass eine Pilotin im Cockpit sitzt und sagt: "Schade eigentlich, dass uns so was immer noch direkt auffällt." Gehört von Juliana Volkmar Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .