Zeit 02.12.2025
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Da bist du platt


Die Elbvertiefung am Dienstag – mit Wasserstoff aus Moorburg, untragbaren Zuständen in einer Harburger Flüchtlingsunterkunft und den besten Geschenktipps der ZEIT:Hamburg

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Da bist du platt
Liebe Leserin, lieber Leser, kennen Sie dieses flüchtige Gefühl der Erhabenheit, diese stolze Ahnung, Ihr Leben doch gut im Griff zu haben, kurz bevor alles ins Chaos kippt? Ich hatte dieses Gefühl zuletzt gestern kurz vor Sonnenaufgang. Der Kinderarzt wollte turnusgemäß prüfen, ob meine Tochter vorschriftsgemäß wächst (und noch allerhand anderes); ich hatte dafür extra den frühestmöglichen Termin gebucht, danach kam das Kind in die Kita und ich ins Büro, wo ich einen komplett durchgetakteten Tag vor mir haben würde – auf die Verästelung dieser von mir gebauten Struktur war ich tatsächlich kurz stolz. Alle waren plangemäß und pünktlich zur Stelle, ich aber war beim Einparken in einen Nagel gefahren, beim Aussteigen hörte ich aus Richtung des rechten Vorderrads ein klar artikuliertes "Pfffffffff!", meine Tochter fragte: Papa, wohin geht die Luft jetzt, und mir schwante, dass der Tag in diesem Moment den so schön komponierten Takt hinter sich lassen und in Richtung Free Jazz abbiegen würde: in die totale Improvisation. So war’s. Das Kind, dessen vorschriftsgemäßes Wachstum nun beglaubigt war (und noch allerhand anderes), wurde zu Fuß in die Kita gebracht, fein, nun lief also alles in Zeitlupe. Ich nutzte die Zeit und recherchierte von unterwegs die Telefonnummer der Pannenhilfe. Wie lang kann das schon dauern, dachte ich, mich an den Tag erinnernd, an dem in meiner Straße ab 7 Uhr die Laternen ausgetauscht werden sollten. Ich steuerte um 7.03 Uhr das Auto aus dem Baustellenhalteverbot, in dem ich zuvor blind und blöd vor Müdigkeit geparkt hatte, aber vergebens, der Abschlepper war schon unterwegs, zack, Riesenrechnung, ja, klar, selber schuld. Diesmal, tja, dauerte es mehr als fünf Stunden. Was nur deshalb anstrengend war, weil das Auto auch diesmal im Halteverbot stand – und ich von der sehr konkreten Sorge geplagt war, dass es abgeschleppt werden könnte, also: dass ein von den Ordnungsbehörden gerufener Abschlepper dem von mir beauftragten zuvorkäme. Dann nämlich hätte ich das Auto wohl mit einem Abschlepper aus dem Verkehrssünderdepot abholen und in die Werkstatt schleppen lassen müssen, und das wäre selbst mir zu viel der Schmach gewesen. Die Sorge aber war unbegründet, der Abschleppfahrer war, als er am frühen Nachmittag kam, äußerst freundlich, machte ein paar Fotos und sich dann ans Werk. Mit den Menschen aber, die ihre Autos inzwischen ebenfalls im Halteverbot geparkt hatten, vor und hinter mein Auto, und die nun demütig und verängstigt angestoben kamen, weil sie sich von den gelb blinkenden Lampen auf dem Abschlepperdach mitgemeint fühlten – mit denen konnte ich mich in diesem Moment wirklich aus vollem Herzen identifizieren. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Florian Zinnecker WAS HEUTE WICHTIG IST Hamburg steigt in die Produktion von grünem Wasserstoff ein: Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hat am Montag den offiziellen Grundstein für den Bau des 100-Megawatt-Elektrolyseurs am Standort des ehemaligen Kraftwerks Moorburg gelegt. Zusammen mit Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne), Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) sowie Vertreterinnen der beiden Projektpartner Luxcara und der Hamburger Energiewerke setzte Tschentscher eine Zeitkapsel in den Grundstein ein. In zwei Jahren soll die Anlage in Betrieb gehen. Jährlich sollen dann in Moorburg etwa 10.000 Tonnen grüner Wasserstoff erzeugt werden. Nachdem er versucht hatte, in einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt in der Innenstadt einzubrechen, ist ein Mann auf der Flucht vor der Polizei am frühen Montagmorgen in den Bleichenfleet gesprungen . Die Feuerwehr wurde alarmiert, um ihn mit einem kleinen Rettungsboot zu holen. Nach Angaben der Polizei kletterte der Verdächtige jedoch selbstständig wieder aus dem Wasser. Er wurde anschließend mit einem Rettungswagen wegen einer Unterkühlung ins Krankenhaus gebracht. In der juristischen Auseinandersetzung des Hamburger Verfassungsschutzes gegen den Bürgerschaftsabgeordneten Deniz Celik hat der Linken-Politiker Rückendeckung durch einen Extremismusexperten erhalten. Die beanstandete Aussage Celiks sei keineswegs unbegründet, "sondern stellt eine wissenschaftlich und politisch legitime Schlussfolgerung dar", heißt es in einer gutachterlichen Stellungnahme des Politikwissenschaftlers der Freien Universität Berlin, Hajo Funke, die Celik erbeten hat. Der Nachrichtendienst hatte zuletzt Klage gegen Celik eingereicht. Ziel sei es, eine einstweilige Verfügung vor Gericht zu erwirken, die ihm verbietet zu behaupten, der Verfassungsschutz sei durch "Vertuschung, V-Leute-Skandale und immer wieder auch durch den Schutz rechter Netzwerke aufgefallen". So hatte es der Linkspolitiker in einer Pressemitteilung im Oktober formuliert. In aller Kürze • Auf dem Gelände einer Spedition in Wilhelmsburg sind am Montag mehrere Container in Brand geraten ; die Feuerwehr war mit rund 70 Kräften im Einsatz • Ein 37 Jahre alter Mann soll im Hauptbahnhof laut "Sieg Heil" gerufen und den Hitlergruß gezeigt haben. Als die Bundespolizisten den Mann festnehmen wollten, reagierte er aggressiv, wobei ein Beamter leicht verletzt wurde • Wegen Bauarbeiten werden die A7 und der Elbtunnel am Wochenende in beide Richtungen voll gesperrt AUS DER HAMBURG-AUSGABE Keine Fenster, kaum Ruhe, Schimmel In Harburg leben fast 600 Geflüchtete in einer Lagerhalle unter Neonlicht, teilweise seit Jahren. Die Behörden sagen: Wir haben keine Alternative. ZEIT-Autor Christoph Twickel hat sich vor Ort umgesehen; lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Artikel. Ahmed Kamal, 38, will einmal Apps programmieren, die das Leben in Deutschland leichter machen. "Ich habe ein Jahr in Dubai gelebt, dort kannst du alle Behördenangelegenheiten mit deinem Smartphone regeln", sagt er. Er ist Informatiker und will ein Start-up gründen. Nasser Abdo, 39, ist Agraringenieur mit einem Abschluss als Betriebswirt und im Marketing. Er möchte einmal in Deutschland in einem internationalen Unternehmen arbeiten. "Ich bin ein großer Fan von Deutschland", sagt er. Doch derzeit sind die Pläne der beiden ein ferner Traum. Die beiden aus Syrien stammenden Männer leben seit über einem Jahr in der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in der Harburger Schlachthofstraße. Und jetzt müssen sie erst einmal etwas anderes machen: auf die Zustände dort aufmerksam machen. Die Bewohner protestieren dagegen. Und Ahmed Kamal und Nasser Abdo sind zu ihren Sprechern geworden. Die Unterkunft trägt den Namen "Neuland" und ist eine in die Jahre gekommene ehemalige Großmarkthalle in einem Gewerbegebiet, umgeben von Schnellstraßen und Bahngleisen. Darüber, wie es in der Halle aussieht und zugeht, beschweren sich Bewohnerinnen und Bewohner seit mehr als einem Jahr. Im Februar 2025 drohten rund 40 von ihnen mit einem Hungerstreik, im Oktober und November demonstrierten sie vor dem Gebäude. Auch Kamal und Abdo schildern untragbare Zustände. "So etwas habe ich in Deutschland nicht im Geringsten erwartet", sagt Abdo. Er und Kamal heißen in Wahrheit anders, aber sie wollen ihre echten Namen nicht in der Zeitung sehen. Security-Mitarbeiter hätten ihnen gedroht, wenn sie sich beschwerten, könne das ihre Asylverfahren negativ beeinflussen. In der fensterlosen Neuland-Halle leben aktuell 553 Menschen, die meisten von ihnen aus Syrien und Afghanistan. In Hamburg gibt es zehn solcher Erstaufnahmeeinrichtungen, zurzeit leben dort 2.748 Menschen. Die Schlachthofstraße ist die größte Unterkunft. Die Erstaufnahmeunterkünfte sind eigentlich als Übergangslösung gedacht, laut Bundesministerium für Migration sollen es in der Regel sechs Monate sein. Wie d ie Lebensrealität in der Unterkunft aussieht und welcher Dominoeffekt notwendig ist, damit jemand in eine Folgeunterkunft umziehen kann , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung des Textes auf zeit.de . DER SATZ "Es gibt Weihnachtsgeschenke, die man höflich lächelnd in die Ecke legt: den x-ten Pyjama, Aromakerzen oder den Schal ›in deiner Farbe‹. Und dann gibt es Dinge, die man wirklich behalten will und die eine Geschichte erzählen." Falls Sie noch gute Ideen für Weihnachtsgeschenke suchen: Die Autorinnen und Autoren des Hamburg-Ressorts geben Empfehlungen für Präsente aus Hamburg DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Wer noch nicht dort war, muss sich ranhalten: Die Ausstellung "Pippis Papa" im MARKK zeigt noch bis 31. Dezember das vermutlich reale Vorbild von Pippi Langstrumpfs Vater Efraim Langstrumpf: Der schwedische Plantagenbesitzer Carl Pettersson (1875–1937) arbeitete für die deutsche Neuguinea-Compagnie. Er strandete bei einem Schiffbruch auf der Insel Tabar im Pazifik, heiratete dort eine Einheimische und wurde Plantagenbesitzer. In Schweden war er seinerzeit bekannt, deshalb vermutet man, dass er zum Vorbild für Efraim Langstrumpf werden konnte. Die Ausstellung lädt spielerisch und interaktiv ein, verschiedene Lebenswege während des Kolonialismus im Pazifik kennenzulernen "Pippis Papa", bis 31.12.; MARKK, Rothenbaumchaussee 64, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr; Veranstaltungen im Rahmenprogramm finden Sie hier MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Ein älteres Paar an der Kasse des Bäderlands. Er: "Ich brauche eine Badehose." Die Dame an der Kasse: "Gern, welche Größe denn?" Er: "Größe 6." Seine Frau: "Nee, Schatz, das war vor 30 Jahren." Gehört von Barbara Maczijewski Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .