Zeit 13.02.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Buchhandel zwischen Romantik und Rendite


Die Elbvertiefung am Freitag – mit der neuen Kriminalstatistik, einem Blick auf die Sparpläne des Hamburger Senats und Verspätungschaos bei der Bahn

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Buchhandel zwischen Romantik und Rendite
Liebe Leserin, lieber Leser, "wie romantisch!", dachte ich, als mir der Algorithmus neulich ein Video in die Timeline spülte: Zu sehen war eine kleine Buchhandlung im schottischen Wigtown, Regale bis zur Decke, warmes Licht. Über dem "Open Book" kann man eine Ferienwohnung mieten und eine Woche lang unten im Laden stehen, Bücher empfehlen, kassieren. Und offenbar träumen so viele Leute davon, in einem verregneten Dorf in Schottland Bücher zu verkaufen, dass dieses Haus über viele Monate ausgebucht ist. Falls Sie selbst einen Laden führen, rollen Sie jetzt vielleicht mit den Augen. Ja, für eine Woche ist das sicher toll. Doch wenn am Monatsende die Zahlen nicht stimmen, verliert der Traum schnell an Glanz. Eine Buchhandlung am Leben zu halten, ist hart – das weiß ich von meiner Bekannten Marte, die seit fünf Jahren die Buchhandlung Blattgold in der Neustadt betreibt. Anfangs hatte sie eine Geschäftspartnerin, seit anderthalb Jahren stemmt Marte alles allein, in "leidenschaftlicher Selbstausbeutung", wie sie es nennt. Umso größer war die Freude diese Woche: Das Blattgold wurde mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet – neben vier weiteren Hamburger Buchhandlungen, dem Buchladen in der Osterstraße, dem Hafenfuchs, Strips&Stories und der Buchhandlung Wassermann. (Herzlichen Glückwunsch!) "Ohne diesen Preis hätte ich wohl aufgehört, das letzte halbe Jahr war schwer", sagte Marte mir gestern. Mich haben diese Worte doch ziemlich überrascht. Das Blattgold wirkt so gefestigt – im besten Sinne: Die Bücher sind klug kuratiert, es gibt viele Stammkunden, öfter Lesungen und Konzerte. Von außen sieht alles lebendig und stabil aus. Doch auf den Lese-Boom in der Coronazeit folgten Ukrainekrieg und Inflation, die Leute kauften weniger, sagt Marte. Nur die Nachfrage nach Feelgood-Lektüre sei deutlich gestiegen. Ihr Job mache ihr immer noch Spaß, für sie sei es "der größte Vertrauensbeweis", wenn jemand in den Laden komme, keinen Plan habe und um eine Empfehlung bitte. "Ich liebe es, Menschen fürs Lesen zu begeistern." Doch Begeisterung allein trägt keinen Laden. Deshalb, sagt Marte, brauche es mehr Unterstützung für den unabhängigen Buchhandel. "Klar, wir sind Kaufleute. Aber das Buch ist ein Kulturgut – und wir schaffen Räume für Gespräche, Debatten und Inspiration." Vielleicht führt Sie ihr nächster Ausflug ja nicht gleich nach Schottland, sondern einfach in die Buchhandlung um die Ecke. Ich bin sicher, dort freut man sich über Besuch. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Ihre Annika Lasarzik PS: Heute um 17 Uhr erscheint die neue Folge unseres Podcasts. Darin geht es dieses Mal um die dramatische Tat im U-Bahnhof Wandsbek Markt, als ein Mann eine junge Frau vor einen einfahrenden Zug riss und beide starben. Maria Rossbauer spricht mit Tom Kroll und Christoph Heinemann, die zu dem Fall recherchierten. Die aktuelle Folge und unser Archiv mit allen Folgen finden Sie hier . WAS HEUTE WICHTIG IST Die Grippewelle in Hamburg verläuft deutlich milder als im Vorjahr. Laut Sozialbehörde starben bislang 33 Menschen an Influenza, vor einem Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 65. Auch die gemeldeten Grippe- und Coronafälle sind zuletzt leicht zurückgegangen. Die Lessingtage am Thalia Theater enden am Wochenende mit einem ungewöhnlichen Projekt: Regisseur Milo Rau inszeniert von Freitag bis Sonntag einen fiktiven Prozess gegen Deutschland. Dabei verhandeln Juristen und Experten öffentlich die Frage, ob die AfD verboten werden sollte. Das fiktive Gerichtsszenario wird auch als Video-Livestream auf der Website des Theaters ausgestrahlt. Das Musical Der Teufel trägt Prada feiert im Dezember in Hamburg Deutschlandpremiere. Wie Stage Entertainment mitteilte, ist die Aufführung im Stage Theater Neue Flora geplant. Das Stück mit Musik von Elton John basiert auf dem Film von 2006 mit Meryl Streep und Anne Hathaway. Bis Ende Oktober läuft dort noch Tarzan. Die Hamburger Optikerkette Fielmann hat 2025 einen Rekordüberschuss von 205 Millionen Euro erzielt, nach 154,2 Millionen im Vorjahr. Der Umsatz stieg um 7,4 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro. Während das Wachstum in Deutschland mit 4 Prozent verhalten ausfiel, legte das Unternehmen in den USA um 46 Prozent zu. Die Nachricht des Tages In Hamburg sind 2025 weniger Straftaten erfasst worden als im Jahr zuvor. Laut der am Donnerstag vorgestellten Kriminalstatistik registrierte die Polizei 213.596 Delikte – das waren rund fünf Prozent weniger. Die Aufklärungsquote lag bei 49,1 Prozent, so hoch wie seit 1997 nicht mehr. Auch die Gewaltkriminalität sank um etwa fünf Prozent auf 8.514 Fälle. Ein Drittel der Taten wurde in St. Pauli und St. Georg verzeichnet. Straftaten mit Messern (minus 35 Prozent) und Schusswaffen (minus 12 Prozent) gingen zurück. Auch in Bussen und Bahnen gab es weniger Gewaltdelikte. Die Polizei führt das unter anderem auf das Messerverbot im öffentlichen Nahverkehr zurück. Anders ist die Entwicklung bei Sexualdelikten: Die Zahl der Vergewaltigungen stieg um knapp zwölf Prozent auf 319 Fälle. In den meisten Fällen kannten sich Tatverdächtige und Opfer. Den Anstieg erklärt die Polizei unter anderem mit einer gestiegenen Anzeigebereitschaft infolge von Sensibilisierungsmaßnahmen. Das Dunkelfeld sei bei Sexualstraftaten jedoch groß. Aus Bevölkerungsbefragungen in Deutschland wisse die Polizei, dass in Hamburg nur 1,5 Prozent aller sexuellen Belästigungen und nur 15 Prozent der Vergewaltigungen angezeigt würden. Insgesamt wurden im Jahr 2025 17 Menschen getötet. Fünf Frauen starben durch (Ex-)Partner, in drei Fällen geht die Polizei von einem möglichen Femizid aus. Die Opposition bewertet die Statistik kritisch. CDU-Innenexperte Dennis Gladiator warf dem Senat vor, sich hinter Zahlen zu verstecken, während viele Menschen ein unsicheres Stadtgefühl erlebten. Die SPD hingegen sieht ihren sicherheitspolitischen Kurs durch sinkende Messer- und Schusswaffendelikte bestätigt. AUS HAMBURG Schluss mit lustig Der Hamburger Senat stimmt die Bürger auf härtere Zeiten ein. Dabei nimmt die Stadt mehr Geld ein denn je. Beispiel: Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von ZEIT-Redakteur Frank Drieschner. Als Hamburgerin oder Hamburger muss man sich fragen, wie lange es noch möglich sein wird, bei einem Spaziergang auf einer Parkbank Platz zu nehmen. Ein "ersatzloser Rückbau" schadhafter Bänke sei billiger, als sie zu ersetzen oder auszubessern, heißt es in einer Drucksache der Bezirksverwaltung Nord. Dasselbe gelte für reparaturbedürftige Geräte auf Spielplätzen, sofern Letztere nicht ohnehin geschlossen würden. Und was die Parks betrifft: Dort gebe es in Zukunft womöglich "keine Baum(nach)pflanzungen" mehr. All das drohe "unmittelbar", schreibt die von SPD, CDU und FDP geführte Bezirksverwaltung, sollte ihr die grün geführte Umweltbehörde der Stadt nicht deutlich mehr Geld zubilligen. Parks, Spielplätze und Bäume zu erhalten, werde immer teurer, während der Senat die Mittel dafür kürzen wolle, nämlich um 3,32 Prozent. "Es dürfte unstrittig sein", behauptet Bezirksamtsleiterin Bettina Schomburg, "dass eine derartige Absenkung für das Grün im Bezirk existenzbedrohend ist." Willkommen bei der "fachlichen Vorabstimmung zur Haushaltsplanaufstellung" – das ist die offizielle Bezeichnung der Sparbemühungen, zu denen der Senat die Hamburger Behörden aufgerufen hat. Der Drohbrief aus dem Nord-Bezirk gehört zum Geplänkel vor dem Gefecht um das Geld der Stadt. Vor der Sommerpause legt der Senat die großen Linien des Doppelhaushalts 2027/28 fest, im Dezember entscheidet die Bürgerschaft. Schon Ende des vergangenen Jahres hatte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) erklärt, die Stadt stehe vor "erheblichen und schmerzlichen Herausforderungen". Dabei geht es natürlich nicht nur um Parkbänke und Bäume. "An ganz vielen Stellen in der Stadt wird man sich darauf einstellen müssen, dass Kostensteigerungen nicht oder nicht vollständig ausgeglichen werden", kündigte Dressel an. Der Grund: Die Steuereinnahmen entwickeln sich schlecht – und der Bund habe der Stadt mehr und mehr Zuständigkeiten aufgebürdet, etwa bei der Unterbringung Geflüchteter, und zugleich Einnahmen gestrichen, zuletzt durch die Senkung der Umsatzsteuer in der Gastronomie. Nun reiche das Geld nicht mehr. Wie es um den Haushalt des Stadtstaats steht , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? Sitzend zu spät oder stehend pünktlich? Es gibt einen Plan gegen die Verspätung der Bahn: weniger Züge. Fahrgastverbände protestieren allerdings, denn es könnte dann voll werden. ZEIT-Redakteur Jonas Schulze Pals hat sich auf die Schiene begeben. → Zum Artikel (Z+) Der Mittagstisch Die Weinbar in der Hobenköök Weinbar, das trifft es nicht wirklich. Weinstube schon gar nicht. Das Konzept ist ein anderes: Weinlager, könnte man sagen. Das Vineyard in der Osterstraße hat es vor zehn Jahren vorgemacht, indem es zwischen Kartons und Paletten hinten im Laden einige Tische aufstellte. Etwas Ähnliches macht seit 2025 die Hobenköök: Man geht erst durchs Restaurant, dann durch die Regalreihen der Regionalmarkthalle am Oberhafen und stößt dann zwischen Kühlschränken und Lüftungsrohren auf einen kleinen Tresen. Hier bekommt man bis spät am Abend eine kleine, aber spannende Auswahl offener Weine oder gegen den moderaten Aufpreis von 10 Euro eine der 700 Flaschen aus dem Verkaufssortiment (mit dem Schwerpunkt Deutschland und Biodynamie). Dazu gibt es ein paar kleine Gerichte, die vor allem die hervorragenden Produkte des Marktes zur Geltung bringen. Mit einer Käseplatte samt eingelegten Früchten, Walnusspesto und zwei Sorten Brot macht man nie etwas falsch. Gerade haben die netten Betreiber sich ein Frankreich-Thema gegeben, das sie liebevoll variieren – etwa mit warmer Rillette, Meerrettich-Brioche (Geschmackssache) und gepickelten Rübchen. Dies ist kein Ort, um gesehen zu werden. Vielmehr genießt man hier die Ruhe am Rande des Betriebs. Langweilig wird es trotzdem selbst für Alleintrinker nicht. Sie können mit dem Glas in der Hand nach Lebensmitteln stöbern und später daheim erzählen, dass sie bloß noch was einkaufen waren. Hobenköök , Stadtdeich 2–4, Oberhafen. Tel. 22 66 55 83 Michael Allmaier DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Am 21. Februar liest Bjarne Mädel im Schauspielhaus aus Bin nebenan. Monologe für zuhause . Begleitet von Angelika Richter, Bettina Stucky und Katrin Wichmann bringt er Texte der Theater- und Drehbuchautorin (Der Tatortreiniger) und Regisseurin Ingrid Lausund auf die Bühne – humorvolle Geschichten über die Sehnsucht nach einem halbwegs geordneten Leben in unruhigen Zeiten. Mädel hat aus den Monologen ein Hörbuchprojekt entwickelt und stellt an diesem Abend vier der insgesamt zwölf Geschichten vor. "Bin nebenan. Monologe für zuhause", 21.2., 20 Uhr, Schauspielhaus, Kirchenallee 39; Tickets erhalten Sie hier MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Im Einkaufszentrum Westfield in der HafenCity: Vier junge Frauen kommen aus einem Modegeschäft und gehen auf einen jungen Mann zu, der draußen auf sie gewartet hat. Eine von ihnen ruft ihm freudestrahlend zu: "Ich habe nichts gekauft!" Er: "Und das hat so lange gedauert?" Gehört von Franziska Lorenz Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. 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