Zeit 26.11.2025
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Brot und Spiele


Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit dem Bundeskanzler, einer Razzia in Shisha-Bars, einer verlängerten Mietpreisbremse, Christina Block und einem schönen Stück Brot

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Brot und Spiele
Liebe Leserin, lieber Leser, die Tagesordnung für die heutige Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft ist 14 (in Worten: vierzehn) Seiten lang und umfasst mehr als 60 Punkte; die Sitzung dürfte also in etwa so lange dauern wie eine langsam dirigierte "Götterdämmerung". In jener Oper geht es um einen alternden Gott, der, um seine Macht zu demonstrieren, sich eine Burg bauen lässt, die er sich aber nicht leisten kann, woraufhin er sich in den selbst verhandelten Verträgen derart verheddert, dass er die nachfolgenden Generationen in den Ruin treibt und ihnen keine andere Wahl lässt als alles niederzubrennen. Die für heute zu erwartende Debatte um das von Klaus-Michael Kühne finanzierte neue Opernhaus dürfte im Vergleich dazu eher zahm ausfallen. Aber warten wir’s ab. Die Abstimmung über das Opernhaus ist Tagesordnungspunkt Nummer 18. Vorher will ein von der Linksfraktion initiiertes Bündnis 10.000 Unterschriften gegen das Projekt an den Senat und die Abgeordneten von SPD und Grünen übergeben. "Ob Hamburg eine neue Oper braucht, darf nicht völlig ohne öffentliche Beteiligung und ohne eine echte Debatte entschieden werden", sagte Marco Hosemann von der Linksfraktion der Nachrichtenagentur dpa. "Dieses Hinterzimmer-Gemauschel des Senats mit Klaus-Michael Kühne schadet dem Vertrauen in Politik und Demokratie." Interessanterweise ist dieser Satz von Marco Hosemann nahezu identisch mit der These eines Kommentars, den ich für die Hamburg-Seiten der morgen erscheinenden Ausgabe der ZEIT geschrieben habe (Sie finden ihn weiter unten in diesem Newsletter, und, falls Sie’s eilig haben, auch hier (Z+) – ich komme allerdings zu leicht anderen Schlüssen. Die Sitzung der Bürgerschaft können Sie hier live verfolgen . Und apropos Vertrauen in Politik: Gestern war Bundeskanzler Friedrich Merz in der Stadt. Frisch zurückgekehrt vom Gipfel der Europäischen und der Afrikanischen Union in Angola, besuchte Merz in Hamburg eine Senatssitzung, versprach allerhand (dazu unten mehr) und ging dann mit Bürgermeister Peter Tschentscher Brot backen. "Was man am deutschen Brot hat, merkt man immer wieder, wenn man im Ausland ist", sagte Merz. "Gestern Morgen in Luanda am Frühstücksbuffet hab’ ich gesucht, wo ist ein ordentliches Stück Brot – und keins gefunden." Es gibt, wie Sie natürlich wissen, eine Stelle in der Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" mit sinngemäß sehr ähnlichem Text. Ein Kulturkenner, unser Kanzler! Das neue Opernhaus mit weltweiter Strahlkraft, man spürt schon jetzt, wie sie die Leute inspiriert. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Florian Zinnecker WAS HEUTE WICHTIG IST Bei seinem Antrittsbesuch in Hamburg hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) der Hansestadt die Unterstützung des Bundes bei der Erneuerung der Elbbrücken, der Realisierung der A26-Ost und der Modernisierung des Eisenbahnknotens Hamburg zugesagt. Im Anschluss besuchte Merz mit Bürgermeister Peter Tschentscher den Handwerkerhof "Meistermeile" in Lokstedt. Nach mehreren schweren Straftaten in Hamburger Shisha-Bars haben Ermittler bei einer Razzia 17 Lokale kontrolliert. "Die Gewaltvorfälle der letzten Zeit zeigen, dass einige Shisha-Bars offenbar Treffpunkt und Rückzugsort von kriminellen Strukturen sind", teilte Polizeipräsident Falk Schnabel mit. Rund 145 Einsatzkräfte waren am Montagabend bis in die späte Nacht im Einsatz. Fünf Bars wurden vorläufig geschlossen. Der Senat will erreichen, dass Opfer häuslicher Gewalt einfacher als bislang aus gemeinsamen Mietverträgen ausscheiden können. Laut Justizbehörde ist gesetzlich geregelt, dass ein gemeinsam geschlossener Mietvertrag von Mietern auch gemeinsam gekündigt werden muss – selbst wenn ein Mieter schon ausgezogen ist. In Hamburg standen vergangenes Jahr allein in Frauenhäusern rund 20 Frauen vor dem Problem, einen Mietvertrag nicht zeitig verlassen zu können. Die genaue Zahl der Betroffenen ist laut Behörde unklar, dürfte aber deutlich höher liegen. Der Senat will den entsprechenden Gesetzesentwurf im Bundesrat in Berlin einbringen. In aller Kürze • Der Senat hat die in der Hansestadt gültige Mietpreisbremse bis Ende 2029 verlängert • Zehn Aktivisten der Klimaschutzgruppe Letzte Generation müssen wegen einer Blockade des Hamburger Flughafens im Juli 2023 mehr als 400.000 Euro an die Fluggesellschaft Eurowings zahlen • Ein Radfahrer ist in St. Georg von einem Lastwagen erfasst und schwer verletzt worden AUS DER HAMBURG-AUSGABE Wollen wir uns wirklich darüber aufregen? Mit den Plänen für die neue Oper stellt der Hamburger Senat die Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen. Das ist ein Fehler. Aber das macht die Idee nicht schlecht, kommentiert ZEIT:Hamburg-Ressortleiter Florian Zinnecker; lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Text. Zu den Einwänden kommen wir gleich. Aber selbst die härtesten Gegner der Neubau-Pläne für die Hamburgische Staatsoper müssen einräumen, dass das, was gerade in Hamburg geschieht, nichts anderes ist als ein Wunder: ein unwahrscheinlicher, mit den Mitteln der Logik nicht zu erklärender Vorgang, der in den Augen aller Beteiligten eigentlich als unmöglich gilt. Wobei man das "eigentlich" auch streichen könnte: Ein in Hamburg engagierter Dirigent, unglücklich über den baulichen Zustand der bestehenden Oper, wandte sich an einen als Opernfreund bekannten Milliardär, und der beschloss, das Problem zu lösen, auf eigene Kosten ein neues Opernhaus zu bauen und es der Stadt zu schenken. Diese Darstellung ist ein wenig verkürzt, denn sie unterschlägt die jahrelangen Verhandlungen des Kultursenators mit dem Milliardär. Am Ergebnis aber ändert das nichts, und dieses Ergebnis ist – wir kommen gleich zu den Einwänden, wie gesagt – für Hamburg eine Jahrhundertchance, so groß, dass sie eigentlich nicht zu fassen ist. Kein Wunder also, dass viele Menschen in Hamburg damit überfordert sind. Denn normalerweise haben Geschenke dieser Dimension mindestens einen kleinen Haken, meist sogar einen riesengroßen. Normalerweise sind Projekte dieser Größenordnung nie so uneingeschränkt toll, wie sie in Senatspressekonferenzen klingen, sondern erstaunlich kompliziert. Und, das kommt dazu, normalerweise sind Opernhäuser für kommunale Haushalte dicke Probleme, nicht nur wenn – wie in Hamburg – eine Sanierung ansteht, aber besonders dann. Wenn es wirklich stimmt, dass all das in diesem Fall anders läuft, dann ist es nicht damit getan, dass der Kultursenator bei der Präsentation der Architektur darauf hinweist, man dürfe sich jetzt auch mal freuen. Mit mindestens derselben Mühe, mit der sie die Verträge zum Bau des Opernhauses verhandelt haben, hätten der Hamburger Senat und auch die Kühne-Stiftung als Geldgeber die Menschen in der Stadt mitnehmen, einladen, informieren müssen. Welche Schnitzer auf dem Weg zum neuen Opernhaus noch passiert sind , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de , oder ab morgen in Papierform in der neuen ZEIT:Hamburg-Ausgabe. DER SATZ "Es sei Christina Block wichtig gewesen, dass die Kinder vom ersten Moment an verstünden: Diese Entführer handeln im Auftrag der Mutter." Im Fall Block sorgt die Aussage des mutmaßlichen Chef-Entführers David Barkay für Wirbel. Das Protokoll umfasst 327 Seiten und enthält eine ganze Reihe von Interna zur "Rückholung" von Christina Blocks Kindern DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Die Sonderausstellung "Druckfrisch aus den Zwanzigern. Einblicke in Chinas Moderne" im Museum am Rothenbaum zeigt eine Auswahl Druckgrafiken aus der weltweit einzigartigen Sammlung des Museums, die zwischen 1927 und 1932 entstand. Museum am Rothenbaum, Rothenbaumchaussee 64, bis 12. Juli 2026, geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Im Restaurant. Ein Gast sagt: "Das sieht aber gut aus!" Ein Angestellter, vermutlich einer der Köche, entgegnet: "Das schmeckt auch gut. Sollte es zumindest, sonst sagst du Bescheid. Dann rollen Köpfe!" Gast: "Und die gibt es dann morgen." Gehört von Lutz Kräckel Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .