Zeit 03.12.2025
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: A26 Ost, ich habe heute leider kein Foto für dich


Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit steigender Müllgebühr, Schüssen in einem Burger-Restaurant und einer kleinen (vernichtenden) Kritik der Kunst im öffentlichen Raum

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: A26 Ost, ich habe heute leider kein Foto für dich
Liebe Leserin, lieber Leser, es gibt Anlass für einen verkehrspolitischen Zwischenruf: Hamburg ist – wieder einmal – nicht in der Spitzengruppe eines Wettbewerbs gelandet, dessen oberste Ränge allerdings auch nicht sonderlich erstrebenswert sind. Es geht um den Titel der sogenannten Stauhauptstadt, über den ich gleich noch schreiben muss, was einigen von Ihnen möglicherweise bekannt vorkommen wird: nämlich warum der Begriff in die Irre führt. Gestern hat das Verkehrsdatenunternehmen Inrix seinen jährlichen Geschwindigkeitsvergleich aus den Ballungsräumen der Welt veröffentlicht. Am schlimmsten verknoten sich die Blechschlangen, in dieser Reihenfolge, in Istanbul, Mexiko-Stadt, Chicago und New York. Auf den Plätzen 7 und 8 folgen erstmals europäische Großstädte, London und Paris. Und Hamburg? Kommt auf Platz 83, weit hinter den deutschen Städten Köln, Berlin, Düsseldorf, München, Stuttgart, Frankfurt und Hannover. In Deutschland werden Rangfolgen dieser Art gewöhnlich unter der Überschrift "Stauhauptstadt" veröffentlicht. Das klingt skandalös, erheischt Aufmerksamkeit, steht aber nur lose in Kontakt zur Wirklichkeit. Tatsächlich ermitteln die Datenunternehmen Inrix und TomTom anhand von Navi-Ortsangaben und anderen mobilen Datenquellen, wie schnell Verkehrsteilnehmende wo vorankommen. Die Ergebnisse vergleichen sie mit einem theoretischen Wert: jenen Geschwindigkeiten, die erreicht würden, wenn eine kleine Zahl von Fahrerinnen und Fahrern die Straßen für sich allein hätte. Im nächsten Schritt erfolgt eine Verkürzung: Man habe einen jährlichen Zeitverlust durch "Stau" ermittelt, verkünden die Unternehmen. Letzter Akt: die Preisverleihung. Deutsche "Stauhauptstadt" wäre dann laut Inrix in diesem Jahr Köln. Natürlich sind es lokale Besonderheiten, die zu den Ergebnissen führen, zuallererst die Größe der jeweiligen Städte. Wo viele Wege sich kreuzen, weil viele Autos unterwegs sind, kommen die einzelnen nun einmal schlecht voran. Es ist also nicht überraschend, dass von den vier deutschen Millionenstädten Berlin, Hamburg, München und Köln drei unter den ersten vieren in der Verstopfungsrangfolge stehen. Aber warum schneidet Hamburg, die zweitgrößte deutsche Stadt, so gut ab? In der verkehrspolitischen Auseinandersetzung des Stadtstaats konkurrieren zwei Wirklichkeitsdeutungen: In der Erzählung des rot-grünen Senats entlastet der Ausbau von Radwegen und öffentlichen Verkehrsmitteln die Straßen, sodass Autos besser vorankommen. In der Gegenerzählung der konservativen Opposition ist der ÖPNV unterentwickelt und überteuert, während die Fahrradförderung Autos den Platz nimmt, um motorisierte Verkehrsteilnehmende zu schikanieren. Vielleicht sollte man in dieser Frage Autofahrerinnen und Autofahrer aus jenen sieben deutschen Großstädten zu Rate ziehen, deren Verkehr laut Inrix zäher fließt als in Hamburg. Kommen Sie gut durch die Stadt! Ihr Frank Drieschner WAS HEUTE WICHTIG IST Zum 1. Januar 2026 steigen einige städtische Gebühren teilweise deutlich. Die Müllabfuhr wird um 3,4 Prozent teurer – für einen durchschnittlichen Hamburger Haushalt im Geschosswohnungsbau ergäben sich so zusätzliche Ausgaben von monatlich 74 Cent oder 8,88 Euro im Jahr, teilte die Finanzbehörde mit. Für die Beseitigung von Schmutz- und Niederschlagswasser werden 3,3 Prozent aufgeschlagen – für einen Durchschnittshaushalt sind das rund acht Euro mehr im Jahr. Die Verwahrung von Fundsachen wird bis zu einem Drittel teurer. Die Gebühr zur Zweckentfremdung von Wohnraum, etwa wenn dieser als Ferienwohnung angeboten wird, steigt ebenfalls. In einem Burger-Restaurant im Stadtteil Hoheluft-West hat ein Mann mehrfach auf einen 30 Jahre alten Mitarbeiter geschossen und ihn dabei lebensgefährlich verletzt. Am Montagabend habe der Täter den Mitarbeiter zunächst nach der Toilette gefragt, teilte die Polizei mit. Anschließend sei es zu einem Streit gekommen und der unbekannte Mann habe die Waffe gezogen und mehrfach auf die Beine des 30-Jährigen geschossen. Unmittelbar danach sei der Täter – zusammen mit einem vor dem Laden auf ihn wartenden Mann – geflüchtet. Die Polizei fahndet nach den Männern und hat einen Zeugenaufruf gestartet. Hamburg und Schleswig-Holstein sehen sich auf einem guten Weg, in den kommenden vier Jahren zu einem führenden Standort in Sachen Fusionsforschung zu werden. Mit dem Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY) und dem Röntgenlaser European XFEL verfüge der Norden "über zwei Großforschungsinfrastrukturen von weltweiter Bedeutung und damit über ideale Voraussetzungen", sagte Hamburgs Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne). Bei der Kernfusion werden Atomkerne nicht gespalten, sondern verschmolzen. Die Hoffnung ist, dass Fusionskraftwerke eines Tages in großen Mengen CO2-frei Energie erzeugen können. Die Bundesregierung will für die Fusionsforschung bis 2029 mehr als zwei Milliarden Euro bereitstellen. Nachricht des Tages 23 neue Autobahnen und Bundesstraßen in ganz Deutschland sollen in den kommenden Jahren entstehen, das gab das Bundesverkehrsministerium gestern bekannt. Nicht darunter ist ein seit Jahren geplantes Hamburger Vorhaben, die A26 Ost, die südlich der Elbe die Autobahnen A1 und A7 verbinden und vor allem die Harburger Innenstadt von Durchgangsverkehr entlasten soll. Das Bundesverkehrsministerium hat sich angesichts knapper Mittel entschieden, vorerst nur baureife Vorhaben zu fördern, und in diese Kategorie fällt die A26 Ost nicht. Anfang Oktober hatte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einer Klage mehrerer Umweltverbände gegen den Planfeststellungsbeschluss der SPD-geführten Hamburger Wirtschaftsbehörde stattgegeben, weil Klimaschutzgesichtspunkte in der Planung unzureichend berücksichtigt worden waren. Nun müssen die Pläne überarbeitet werden – und die A26 Ost fiel aus der Liste der förderfähigen Vorhaben heraus. "Dieses Versäumnis des Senats aus SPD und Grünen führt zu langen Verzögerungen und untergräbt die Planungssicherheit sowie die Wettbewerbsfähigkeit unserer Infrastruktur", kommentiert die Hamburger CDU die Förderzusagen der Bundesregierung. Und "ob der Bund künftig noch einmal Mittel bereitstellt, ist völlig ungewiss". Frank Drieschner In aller Kürze • Die Schulleitungen von Gymnasien und Stadtteilschulen in Hamburg arbeiten laut einer Befragung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zu viel (durchschnittlich 51 Stunden pro Woche) und haben gleichzeitig nur wenig Zeit für Leitungsaufgaben • Beim Brand einer Matratze ist ein Obdachloser in Hamburg-Wandsbek schwer verletzt worden. Zu dem Feuer kam es in einer als Lagerstätte genutzten früheren Spielhalle – das Landeskriminalamt nahm Ermittlungen zur Brandursache auf • Der FC St. Pauli steht im Viertelfinale des DFB-Pokals . Der Tabellen-17. der Fußball-Bundesliga gewann bei Borussia Mönchengladbach mit 2:1 (1:0) und erreichte wie zuletzt vor zwei Jahren wieder die Runde der letzten acht Teams. THEMA DES TAGES Was geschah im achten Stock? Ein 15-Jähriger stürzt von einem Hochhausbalkon in den Tod. Zehn Männer sind angeklagt, ihn in Panik versetzt zu haben. Aber wie kam er überhaupt in die Wohnung? ZEIT-Autorin Elke Spanner hat den Fall aufgeschrieben; lesen Sie hier einen Auszug. Der Vater hat ein gerahmtes Foto seines Sohnes dabei, er hält es vor sich, als er den Flur entlang zum Gerichtssaal läuft. Darauf zu sehen ist ein freundlich lächelnder junger Mann mit erstem Bartflaum über der Oberlippe. Der Vater will das Bild auch mit in den Gerichtssaal nehmen, damit alle sehen, welchen Verlust er erlitten hat. Das aber wird ihm verwehrt. Der Sohn, Sahid I., wurde nur 15 Jahre alt. In der Nacht des 14. April ist er vom Balkon eines Hochhauses in Harburg gestürzt, aus dem achten Stock, direkt in den Tod. Sahid lebte mit seiner Familie in Billstedt, besuchte auch die dortige Stadtteilschule. Warum bloß war er in dieser Nacht überhaupt in jener Wohnung, am anderen Ende der Stadt? Und wie konnte es geschehen, dass er dort sein Leben verlor? Das sind die Fragen, auf die die Eltern des Jungen eine Antwort wollen. Sie sind beide Nebenkläger in dem Prozess, aber am ersten Verhandlungstag kommt der Vater allein, ohne seine Frau. Sein Platz ist an der Stirnseite des Saales, direkt vor der Richterbank und mit Blick auf die zehn Angeklagten, die für den Tod seines Kindes verantwortlich sein sollen. Wie sich die Ereignisse rund um den Balkonsturz entwickelten , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de . DER SATZ "Der städtische Raum ist ein Raum mit spezifischen Anforderungen. Er ist eben gerade kein Museum. Hier gelten andere Voraussetzungen für die Wahrnehmung von Kunst." Was in Hamburg als Kunst in die Stadt gestellt wird, wirkt oft nicht sehr durchdacht. Die Kunsthistorikerin Anne Simone Kiesiel fragt: Geht das nicht besser ? DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Zum dritten Mal findet der Buchmarkt der unabhängigen Verlage im Lichthof der Staats- und Universitätsbibliothek statt. Die über 30 Verlage präsentieren ihre Verlagsprogramme, und man kann stöbern, Bücher kaufen oder einfach ins Gespräch kommen. Am Freitag um 19 Uhr gibt es ein Speeddating einiger in Hamburg lebender Autoren, bei dem sie jeweils in fünf Minuten ihr Lieblingsbuch aus der Hamburger Verlagsszene vorstellen. Am Samstag können sich Besucher vom "Poetomaten" überraschen lassen: Man reicht einen Begriff ein, "echte" Dichter:innen, verfassen vor Ort daraufhin ein Gedicht. Ab 11.30 Uhr gibt es Lesungen, Vorträge und Buchpräsentationen. Buchmarkt der unabhängigen Verlage, Fr 5.12., 17–21 Uhr; Sa 6.12., 11–18 Uhr; Lichthof der Staats- und Universitätsbibliothek, Von-Melle-Park 3; Eintritt frei MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Mein Versicherungs-Ansprechpartner zu mir: "Hamburg ist die letzte Weltmetropole vor dem Nordpol – aber eben leider auch sehr teuer." Gehört von Wiebke Neelsen Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .