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26.11.2025
09:37 Uhr
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Erstmals will sich die ESA ein Verteidigungsprogramm zulegen. In Bremen geht es um das Geld dafür und um die Frage, wie europäische Astronauten in Zukunft ins All kommen.

Weg von der zivilen Ausrichtung – hin zum Militärischen: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte plant die Europäische Weltraumorganisation ein militärisches Programm. Das jedenfalls ist der Vorschlag der ESA-Chefs für die Ministerratskonferenz, die diese Woche in Bremen stattfindet. Die 23 für Raumfahrt zuständigen Minister der ESA-Mitgliedsstaaten werden das Budget für die kommenden drei Jahre beschließen. Es geht um gut 20 Milliarden Euro – und fünf Prozent davon sollen an ein neues Programm gehen, in dem zivile und geheime militärische Aufklärungsdaten zusammenfließen. Sein Name: European Resilience from Space, kurz: ERS. Streng genommen ist das ein Verstoß gegen das Gründungsstatut der ESA. In dessen zweitem Artikel heißt es, die Zusammenarbeit im Weltraum solle "ausschließlich friedlichen Zwecken" dienen. Doch das sei eigentlich schon immer eine Illusion gewesen, erklären mittlerweile Vertreter der ESA, der nationalen Raumfahrtagenturen und der einschlägigen Industrie. "Im Weltraum ist fast alles Dual Use", sagte etwa ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher Anfang November auf einer Pressekonferenz des Bundesverbands der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Und Walther Pelzer, Chef der deutschen Raumfahrtagentur, ergänzte ein Beispiel: "Die Technik, die man braucht, um Weltraumschrott aus dem Orbit zu entfernen, ist auch militärisch nutzbar." In beiden Fällen gehe es um: Erkennen, Annähern, Einfangen, Ablenken. Der Grund für die Abkehr von einer ausschließlich zivilen Ausrichtung ist simpel: Geld. Viele Verteidigungsminister aus Mitgliedsländern kämen auf sie zu, erklärte ESA-Generaldirektor Aschbacher, und überall würden die Verteidigungsausgaben erhöht. Allen voran in Deutschland. 35 Milliarden Euro will Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius in den nächsten fünf Jahren im Weltraum investieren – für die Abwehr von Störungen und Angriffen auf Satelliten. Für die Entwicklung schnell verfügbarer kleiner Trägerraketen, den Aufbau paralleler und vernetzter Satellitenkonstellationen, für die Lageerfassung im Orbit und für Cybersicherheit. "Zusätzlich müssen wir auch über Offensivfähigkeiten sprechen", sagte Pistorius Ende September auf dem Weltraumkongress des Bundesverbands der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Wer wird investieren, wer nicht? In Bremen wird sich zeigen, welche Staaten sich an dem geplanten militärischen Programm ERS beteiligen wollen. Es fällt nämlich nicht ins sogenannte Pflichtprogramm der ESA, zu dem alle Mitgliedsstaaten entsprechend ihrem Bruttoinlandsprodukt beitragen müssen. Den weit größeren Teil des ESA-Budgets machen freiwillige Programme aus – und auch das Militärprogramm ERS wird freiwillig sein. Die Mitgliedsstaaten können sich daran beteiligen, aber sie müssen es nicht tun. Die Interessen der nationalen Raumfahrtindustrien sind dafür entscheidend. Denn die ESA funktioniert nach dem Prinzip des sogenannten Geo-Returns: Aufträge für Raketen oder Satelliten darf sie nur an Unternehmen in denjenigen Staaten vergeben, die das entsprechende Programm finanzieren – und zwar genau im Verhältnis zur Höhe ihrer jeweiligen Beiträge. Anders gesagt: Wer viel einzahlt, bekommt auch viel zurück. Das macht die Verhandlungen auf der Ministerratskonferenz enorm kompliziert. Denn längst nicht jedes ESA-Mitglied hat für die gewünschten Produkte ein nationales Unternehmen, das sie herstellen kann. Gesucht werden also auch Unterauftragnehmer und Zulieferer. Neben Dutzenden Ministern, Beamten und Juristen reisen deshalb viele Industrielobbyisten an, insgesamt erwartet die ESA in Bremen rund 500 Teilnehmer.