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08.12.2025
09:43 Uhr
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In ihrem Buch "Wohnen" erzählt Doris Dörrie autobiografisch und essayistisch genau davon: vom Wohnen. Unser Autor hat Dörrie in einem Berliner Möbelladen getroffen.

Eigentlich habe sie ja lieber übers Schlafen schreiben wollen, sagt Doris Dörrie, "weil ich sehr gerne schlafe und es sehr schlecht kann". Und weil sie aus einer Familie von Schlaflosen komme. Schlafen war als Thema aber schon weg; die Autorin Theresia Enzensberger hat sich in der Reihe kleiner Bücher zu Lebensgroßthemen (Lieben, Arbeiten usw.) aus dem Hanser Berlin Verlag damit beschäftigt. Für Dörrie blieb nur noch Wohnen – dabei habe das erst Elke Heidenreich nehmen wollen. Doch die landete dann beim Altern und damit den Megabestseller des vergangenen Jahres . Vielleicht verrät diese wenig divenhafte Go-with- the-flow- Haltung etwas über Dörries Lebensphilosophie, auf jeden Fall passt sie ganz gut zu ihrem Wohnideal. Das ist nicht das des Westens, wo wir gerne nach genauen Vorstellungen die Räume um uns herum formen und uns untertan machen, was einem womöglich eine Kücheninsel und ein paar perfekte Horzon-Regale bringt, aber nicht den Raum zum Atmen, der ist totdesignt. In Japan dagegen, das wie oft auch in ihren Filmen Dörries Fluchtpunkt im Büchlein Wohnen ist, achte man seine Umgebung mehr und respektiere ihre Vorgaben. Man nimmt nicht bloß den Raum ein, sondern lässt sich auch von ihm einnehmen. Zeit, sich also einmal in dem Raum umzuschauen, den Dörrie für das Gespräch ausgesucht hat – den vollgestellten Verkaufsraum des Chairs, eines Secondhandladens für Designermöbel am Zionskirchplatz in Berlin-Mitte. Am Schaufenster stapeln sich diese Eames-Schalensitze; auf Regalbrettern unter der Decke sind Metallhocker in den Farben von Zahnspangendosen aufgereiht, die wirken wie aufgeblasen. Draußen, im Schummerlicht des Herbstabends, kommen Michelinmenschen in ihren puffigen Daunenjacken vorbei. Ähnlich eingepackt, in Schal und weite Wollhose, hat sich Doris Dörrie in den dunklen Lederpolstern eines Corbusier-Sofaklotzes eingerichtet. Sie ist erkältet und macht aus dem Papier ihres Hustenbonbons erst ein Origami-Figürchen, dann Fetzen. Ziemlich genau da, wo sie jetzt sitzt, saß vor bald zwanzig Jahren Birgit Minichmayr während des Drehs von Dörries Film Kirschblüten – Hanami und empfing in ihrem Mitte-Möbelladen die befremdeten Eltern aus Oberbayern, gespielt von Hannelore Elsner und Elmar Wepper. Sie habe den Laden damals im Vorbeigehen entdeckt, erzählt Dörrie, und er habe ihr gleich gefallen: sehr Berlin. Gedreht hätten sie dann höchstens ein paar Stunden hier, es ging ja alles immer ganz schnell bei ihr – kleines Team, semiprofessionelle Kameras, fertig. "Woher kommt es, dass ich ein eher unruhiger Geist bin und ungern länger an einem Ort verweile? Was waren meine Eltern für Wohnmenschen? Welche Fantasien vom Wohnen haben sie uns mitgegeben?" Solche Fragen habe sie sich beim Schreiben gestellt, sagt Dörrie. Sie hat sich dann doch einnehmen lassen für die Idee, sie könnte etwas übers Wohnen zu sagen haben, obwohl sie "gar nicht so der Wohntyp" sei. Meist war sie ja im Hotel, unterwegs auf einem Filmdreh. Und wenn nicht, dann richtete sie die Wohnungen ihrer fiktiven Figuren ein – "da kann ich nicht noch nach Hause kommen und über mein eigenes Wohnen nachdenken", sagt sie. Zu Hause, in ihrem Bauernhaus in Bayern, gebe es durchgesessene Stühle und ein durchgesessenes Sofa. Für den Film, an dem sie gerade arbeitet – Frau Winkler verlässt das Haus, die dystopische Geschichte einer alt gewordenen Schauspielerin und ihrem Pflegeroboter –, hat sie hingegen erst zwei Tage zuvor Vorhänge ausgesucht. Dass Dörrie selbst eher nebenbei wohnt und sich wenige Gedanken über ihre sogenannte Wohnsituation macht, umso mehr aber darüber, was die der anderen über deren Leben aussagt, verleiht ihr den geschärften Blick der Außenstehenden. Aufs Wohnen schaut sie wie eine Herumtreiberin, die durch Fenster in fremde Zimmer sieht und sich denkt: Aha, interessant. In Wohnen – teils Autobiografie, teils Essay – schneidet sie von ihrer eigenen Geschichte zu der einer jungen Bundesrepublik, die nach der totalen Niederlage ihren Platz suchte und sich langsam einrichtete. Stuck und Parkett, heute Statussymbole, wollte man da noch loswerden, zusammen mit dem restlichen Gestern. Die Zukunft sollte hell sein, also auch die Tapete. Dörrie, 1955 geboren, und ihre Nachkriegsgeneration mochten es sich dann aber nicht mehr einfach bequem machen, drinnen im Privaten – für sie waren die eigenen vier Wände kein Versprechen, sondern eine Drohung, "die Beschreibung einer Gefängniszelle". Der Enge und der Kleinfamilie galt es zu entfliehen, in Wohngemeinschaften und andere vorübergehende Unterkünfte, ins ewige Aufbrechen. Bloß nie ankommen.