Zeit 13.12.2025
08:54 Uhr

Diebstahl von Nikolausgeschenken: Der Stiefel ist weg! Wer macht denn so was?


In der Nacht zu Nikolaus wird im Hausflur der Schuh mit den Geschenken für das Kind geklaut. Warum gerade das besonders wehtut, obwohl der materielle Schaden klein ist.

Diebstahl von Nikolausgeschenken: Der Stiefel ist weg! Wer macht denn so was?
Das Lachen kriecht mir ins Ohr, als ich noch nicht ganz wach bin. "Da scheint jemand eine gute Nacht zu haben", murmelt mein Mann. Unser Schlafzimmer geht zur Straße heraus, wir haben uns längst daran gewöhnt, dass wir am Wochenende von Gesprächsfetzen draußen auf dem Bürgersteig geweckt werden. Später werde ich aber immer wieder an das denken, was die jung und fröhlich klingende Stimme vor unserem Fenster gerufen hat: " What was yours is now mine ", was deins war, ist jetzt meins. Denn etwa eine halbe Stunde später an diesem Nikolausmorgen stehen wir ungläubig in der Wohnungstür: Der Stiefel unserer 12-jährigen Tochter ist verschwunden. Wie kann man nur so leichtsinnig sein, könnte man jetzt fragen, ein Geschenk, überhaupt irgendetwas, das man behalten möchte, vor! der! Wohnungstür! stehen zu lassen. Und das auch noch in einer Großstadt? Diese Frage quält uns in den folgenden Stunden auch. Zu unserer Rechtfertigung: Das Haus, in dem wir wohnen, ist klein. Ein und aus gehen fast nur Menschen, die auch dort wohnen. Alle Nachbarn sind miteinander per du. Im Sommer essen wir manchmal gemeinsam an einem langen Tisch im Hof. Und an Nikolaus beschenken alle einander. Auch an diesem Morgen liegen Tütchen mit Süßigkeiten und Gebäck auf unserer Fußmatte. Nur fehlt eben der dunkelblaue Gummistiefel, den ich am Abend zuvor mit bunten Wollsocken, Lippenpflege, einem langersehnten Stiftset und einem Schokoladennikolaus gefüllt hatte. Das Jahr war anstrengend, mit einem großen Umzug, Job- und Schulwechsel, vielen Arztterminen. Nicht alles ist so gelaufen, wie wir es uns vorgestellt hatten, aber der Nikolaustag sollte ein Easy Win werden: Auspacken, gemütliches Frühstück mit Kartenspielen, Baumschmücken und Basteln am Nachmittag. Die Geschenke können wir neu besorgen. Aber der erhoffte Heile-Welt-Morgen ist hin. Eilig verlassen wir drei die Wohnung, in der die Enttäuschung in der Luft hängt wie ein übler Geruch. Ein Cafébesuch und etwas Bummeln sollen die Stimmung retten. Vorher hänge ich noch einen verkniffen formulierten Zettel an die Haustür, auf dem ich dem Dieb mitteile, er möge den Stiefel zurückgeben. Er habe ein Kind sehr traurig gemacht. In Wahrheit nimmt unsere Tochter den Verlust zunächst erstaunlich stoisch hin. Sie lässt sich aufzählen, was im Stiefel drin war, und gibt sich dann bemüht erwachsen: "Ich freue mich aber, dass ihr so schöne Sachen für mich ausgesucht habt." In die Erleichterung darüber, dass sie mit ihren zwölf Jahren schon so abgeklärt reagiert, mischt sich bei mir fast noch mehr Enttäuschung: War’s das mit der Phase der Kindheit, in der man noch Ansprüche an ein wenig Magie im Alltag stellt? Später am Nachmittag, als etwas völlig anderes schiefgeht, fließen bei dem Mädchen aber plötzlich doch heiße Tränen. "Warum passierte das ausgerechnet mir", schluchzt sie, "sind wir verflucht?" Ganz unrecht hat sie nicht: Bei keinem der Nachbarn sind Nikolausstiefel abhandengekommen. Anderswo aber schon, wie eine schnelle Internetsuche ergibt: In diesem Jahr verschwanden Nikolausgeschenke etwa im niedersächsischen Westerstede, 2024 in Neustadt an der Weinstraße, 2021 in Cottbus, 2017 im thüringischen Arnstadt. Gewiss auch in Berlin und in weiteren Städten, allerdings erfasst die Polizei Diebstähle von Geschenken nicht gesondert. Trotzdem empfiehlt ein Sprecher Betroffenen, die Tat zu melden: "Wenn Ihnen Unrecht widerfahren ist, sollten Sie das anzeigen." Schon weil die Polizei auf diesem Weg feststellen kann, ob und wo sich Diebstähle häufen. Der Vorfall macht alle bei uns im Haus beklommen. Um Mitternacht war der Stiefel noch da, berichtet die Pendlerin aus dem dritten Stock, früh um sechs auch, sagen die Hundebesitzer aus dem zweiten. Entweder jemand aus dem Haus war es, grübelt der Familienvater aus der Wohnung über uns, oder jemand Fremdes hat sich Zutritt zum Haus verschafft, um von vielen Gegenständen zielgerichtet den einen zu nehmen, der sichtbar mit Bedacht für ein Kind zusammengestellt wurde. Beide Vorstellungen sind verstörend. Ich denke wieder und wieder an die Stimme vor meinem Fenster: " What was yours is now mine ." "Das ist ganz mies, das verletzt so viele Regeln", entfährt es Dr. Viola Kappel, als ich ihr von dem Erlebnis erzähle. Dann erklärt mir die Berliner Psychotherapeutin und Coachin, warum ausgerechnet der Nikolausstiefel uns so betroffen macht, obwohl wir genau wissen, dass tagtäglich weitaus schlimmere Dinge passieren: "Mit einem Diebstahl wird bei dem Betroffenen das Gefühl von Sicherheit, Kontrolle und Vorhersehbarkeit angegriffen." Besonders schlimm fühlt es sich bei uns aus zwei Gründen an: Einmal, weil der Dieb direkt vor unserer Wohnung zugeschlagen hat, während wir drinnen in den Betten lagen. "Die Haustür ist Teil eines geschützten Raums – psychologisch spricht man auch vom erweiterten Selbst." Zum anderen sind Rituale wie das Nikolausfest mit einer besonderen Bedeutung aufgeladen, sagt Kappel. "Man geht von einem gesellschaftlichen Gefüge aus, das es sicher macht, diesen Ritualen nachzugehen. Nun wurde diese Grundannahme zerstört. Es tut sich damit ein Raum der Fragen auf: Welche anderen Dinge, die man bislang für sicher gehalten hat, sind das überhaupt?" Dass die gestohlenen Geschenke kein so großes Loch in die Familienkasse reißen, wie es etwa ein verschwundenes Smartphone täte, spiele dabei keine Rolle, im Gegenteil. "Das macht die Tat besonders schwer verdaulich," sagt Kappel. "Es löst eine kognitive Dissonanz aus: Man kann sich die Beweggründe logisch nicht ganz erklären. Das ist bedrohlich und verursacht Ängste." Und das gilt offenbar nicht nur für die Menschen, denen es selbst passiert ist. Uns wurde viel mehr Mitgefühl zuteil, als es der letztlich triviale Verlust vermuten lassen würde. Eine Freundin steht mit Orangen vor der Tür, "weil man nicht allein sein soll, wenn etwas Doofes passiert". Und den ganzen Nachmittag über klingeln Kinder aus dem Haus mit Keksen und Nikoläusen, die meine Tochter trösten sollen. Das entspricht genau dem, was die Psychologin Kappel rät: "Es gilt, sich wieder in Sicherheit zu fühlen. Helfen kann dabei, Freunde zu treffen, sich darüber zu unterhalten, was passiert ist, und zu erleben, dass wir emotional sicher verbunden sind mit Anderen." Nach dem Gespräch mit Viola Kappel nehme ich den wütenden Zettel ab. Ich will auch den übrig gebliebenen Stiefel wegwerfen, aber meine Tochter ist dagegen: "Den können wir doch nächstes Jahr benutzen." Auch wahr. Ob wir uns aber noch einmal trauen werden, ihn vor die Tür zu stellen?