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19.02.2026
12:28 Uhr
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Einparteienherrschaft oder starker Führer: Die Deutschen werden laut einer Studie offener für Autoritarismus. Besonders gilt das in strukturschwachen Regionen im Osten.

Mehr als ein Fünftel der Bundesbürger ist einer Studie zufolge offen für autoritäre Ideen. 21 Prozent seien "für autoritäre Ideen zumindest in Teilen empfänglich", heißt es im Deutschland-Monitor 2025, der von der Ostbeauftragten Elisabeth Kaiser und zwei Autoren der Studie in Berlin vorgestellt wurde. In Ostdeutschland sind es sogar mehr als ein Viertel (26 Prozent). Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (77 Prozent) hat dem Deutschland-Monitor zufolge kein autoritäres Staatsverständnis. Bei knapp zwei Prozent ist demnach davon auszugehen, dass diese "ein Gesellschaftsbild haben, das mit der rechtsstaatlichen und pluralistischen Demokratie unvereinbar ist"; im Osten ist dies bei vier Prozent der Fall. Mehr als 30 Prozent befürworten Einparteienherrschaft Explizit danach gefragt, befürworten fast alle Bundesbürger die Demokratie (99 Prozent). "Doch die ideelle Zustimmung zur Demokratie als Staatsform muss keinesfalls gleichbedeutend mit der Zustimmung zu den Wesensmerkmalen rechtsstaatlicher sozialer und liberaler demokratischer Verfassungsstaaten sein", heißt es in der Studie. Deshalb haben die Autoren auch demokratiegefährdende Einstellungen untersucht. Immerhin vier Prozent stimmen der Aussage zu, dass unter bestimmten Umständen "eine Diktatur die bessere Staatsform" sei, weitere sieben Prozent tragen die Aussage teilweise mit. In Ostdeutschland findet dies bei sechs Prozent der Befragten volle Zustimmung, weitere zwölf Prozent antworteten mit "teils/teils". Elf Prozent finden, dass "politische Entscheidungen von einer starken Führungspersönlichkeit getroffen werden sollten", ohne Rücksicht auf ein gewähltes Parlament (nur 68 Prozent lehnen dies ab – der Rest ist unentschlossen). 31 Prozent der Befragten befürworten eine Einparteienherrschaft – also "eine einzige starke Partei, die den Willen des Volkes insgesamt verkörpert" (nur 45 Prozent lehnen dies ab, der Rest ist unentschlossen). Im Vergleich zu einer ähnlichen Messung aus dem Vorjahr bedeutet das eine Verschlechterung: Für eine Einparteienherrschaft waren 2024 nur 26 Prozent der Befragten. Eine "starke Führungspersönlichkeit" lehnten damals deutlich mehr Menschen ab (82 Prozent). Rechte besonders empfänglich für autoritäre Ideen Ob jemand für autoritäre Einstellungen empfänglich ist, hängt der Studie zufolge vor allem von seiner politischen Einstellung ab. "Unter Personen, die sich sehr weit rechts verorten, sind 61 Prozent wenigstens teilweise empfänglich für diktaturaffine Einstellungen", heißt es darin. Unter Anhängern der AfD trifft das demnach auf die Hälfte zu. Bei Personen, die den Grünen, den Linken oder der SPD nahestehen, seien diktaturaffine Einstellungen hingegen seltener anschlussfähig als im Bevölkerungsdurchschnitt. Deutliche Unterschiede zeigen sich auch mit Blick auf die Region und ihre wirtschaftliche Entwicklung. In strukturschwachen ostdeutschen Kreisen wie Wittenberg und Stendal sind autoritäre Einstellungen am stärksten verankert. Hier unterstützen 33 Prozent der Befragten – wenigstens in Teilen – diktaturaffine Einstellungen. In strukturstarken ostdeutschen Kreisen wie Weimar und Potsdam-Mittelmark sowie in allen westdeutschen Kreisen unabhängig von der Strukturstärke sind es jeweils nur zwischen 21 und 24 Prozent. Damit bestätigt sich ein Trend, den die Vorläuferstudie schon 2024 ausgemacht hatte. 40 Prozent unzufrieden mit Funktionieren der Demokratie Die erhöhte Anschlussfähigkeit in den strukturschwachen ostdeutschen Kreisen erkläre sich "zu einem erheblichen Teil durch das dort weiter verbreitete Gefühl des Abgehängtseins", teilten Everhard Holtmann vom Zentrum für Sozialforschung Halle/Saale und Reinhard Pollak vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Mannheim, genannt Gesis, mit. Die Autoren hoben die "Bedeutung gleichwertiger Lebensverhältnisse" und die "gleichwertige Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen" für die demokratische Resilienz hervor. 40 Prozent der Bundesbürger sind der Studie zufolge unzufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie. In Ostdeutschland waren es 49 Prozent, im Westen 38 Prozent. Im Westen ist der Wert seit Jahren recht stabil, im Osten zeigte sich eine leichte Verbesserung zum Vorjahr: 2024 hatten sich noch 53 Prozent der Befragten im Osten und 36 Prozent im Westen unzufrieden gezeigt. Zukunftsängste und geringeres Einkommen Die Ostbeauftragte Kaiser sieht angesichts der Studienergebnisse das "demokratische Zusammenleben unter Druck". Die geringe Zufriedenheit mit der Funktionsweise der Demokratie sei bedenklich. Sie fügte hinzu: "Der Zusammenhang zwischen populistischen Einstellungen und der Strukturschwäche vieler Regionen, insbesondere im Osten, ist offensichtlich." Als Grund dafür, warum besonders die strukturschwachen ostdeutschen Regionen empfänglicher für Populismus und autoritäre Ideen sind und sich auch mit dem Funktionieren der Demokratie unzufriedener zeigen, nennt sie mehrere Faktoren. Zu der schlechten wirtschaftlichen Lage kämen im Osten persönliche Zukunftsängste angesichts von Stellenabbau und schlechtere Einkommensverhältnisse. Wo weniger verdient werde, machten sich die Folgen von Krisen viel eher bemerkbar. Auch deshalb gelte: "Man muss überall gut leben können." Deutsche sind nicht veränderungsmüde Im Rahmen des Deutschland-Monitors 2025 wurde auch die Veränderungsbereitschaft der Bundesbürgerinnen und -bürger untersucht – unter anderem in den Bereichen Verteidigung und Migration. Ein knappes Viertel (23 Prozent) zeigt sich demnach offen für gesellschaftlichen Wandel und nimmt ihn als Chance wahr, gut die Hälfte (52 Prozent) steht dem Wandel ambivalent gegenüber, ein Viertel (26 Prozent) äußert sich kritisch und verbindet Veränderungen primär mit Risiken. Dabei zeigen sich kaum Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Ausnahme sind auch hier die strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland. Hier ist die Veränderungsskepsis mit 25 Prozent "Bewährungsorientierten" besonders hoch. Kaiser wertet dies grundsätzlich als positives Zeichen. Die Menschen in Deutschland seien nicht veränderungsmüde. Ob sie Veränderungen positiv oder negativ bewerteten, hänge stark mit ihren persönlichen Ressourcen zusammen. "Veränderungen werden eher akzeptiert, wenn sie als sozial und generationengerecht wahrgenommen werden", sagte Kaiser. Mehrheit sieht keine Verschlechterung durch Zuwanderung Die Mehrheit der Bundesbürger (51 Prozent) findet dem Deutschland-Monitor zufolge nicht, dass sich "durch Zuwanderung vieles zum Schlechten verändert". 28 Prozent sehen eine Verschlechterung, 22 Prozent sind unentschieden. 59 Prozent finden, Deutschland sollte mehr für die Integration tun, 19 Prozent sind dagegen, der Rest unentschieden. 57 Prozent der Befragten finden, die Bundeswehr sollte Teil einer neuen europäischen Armee sein, 23 Prozent sind dagegen, 21 Prozent sind unentschlossen. 44 Prozent fühlen sich "persönlich durch den Krieg in Europa bedroht", 22 Prozent sehen keine Bedrohung, der Rest ist unentschieden. Der Deutschland-Monitor wird von Forschenden der Universitäten Jena und Halle-Wittenberg sowie des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften in Mannheim erstellt. Zwischen dem 23. April und dem 30. Mai 2025 wurden dazu 4.005 Menschen befragt. An einer auf bestimmte Regionen spezialisierten Befragung zwischen dem 23. Juli und dem 12. September 2025 nahmen 4.018 Menschen teil. Der Deutschland-Monitor erscheint seit 2023 jedes Jahr und wird von der Ostbeauftragten gefördert.