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20.11.2025
14:21 Uhr
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Duelle wie Becker gegen McEnroe machten den Davis Cup zum Megaevent. Nun trifft Deutschland auf Argentinien – in einer Zeit, in der das Turnier um seine Zukunft ringt.

Der spanische Stadionsprecher wusste genau, was er tat. Er zählte jeden Erfolg Rafael Nadals einzeln auf. Das dauerte. Nach jedem Erfolg tönte ein noch lauteres Olé durch die umfunktionierte Stierkampfarena in Valencia. Die deutschen Spieler auf der Bank sowie der mit Nadal auf dem Platz stehende Nachwuchsstar Alexander Zverev versuchten, sich mit gegenseitigen Blicken Halt zu geben. Aber den gab es für die Gäste an diesem Apriltag 2018 vor rund 8.000 spanischen Fans nicht. Beim letzten Olé wackelten die Tribünen. Nadal gewann. Und der Lärm der Fans war lauter als irgendwo sonst im Profitennis. Davis-Cup eben. Es war die letzte Erfahrung eines deutschen Teams im so prestigeträchtigen "alten" Davis-Cup, wie ihn die Profispieler siebeneinhalb Jahre später alle nennen – ausgetragen in ausschließlich Auswärts- oder Heimspielatmosphäre, mit vier Einzeln und einem Doppel über drei Gewinnsätze. Genau das, was den Wettbewerb zu einem der prestigeträchtigsten im Tennis machte. Doch dieser so stimmungsvolle, älteste jährlich ausgetragene Wettbewerb im Sport überhaupt hat in den vergangenen Jahren einige Wandlungen durchmachen müssen. Und seine Zukunft ist unsicherer denn je. Carl-Uwe Steeb als Held Der amerikanische Student Dwight Filley Davis ahnte sicher kaum, was folgen würde, als er im Jahr 1900 britische Spieler herausforderte, über den Atlantik zu kommen und gegen sein Harvard-Team anzutreten. Die Briten reisten in die USA und unterlagen im Longwood Cricket Club in Brookline, Massachusetts. Vier Jahre später öffnete sich der Ländervergleich für andere große Nationen. Die International Lawn Tennis Challenge Trophy bekam nach Davies Tod 1945 ihren heutigen Namen. Über die Jahrzehnte entwickelte sich auch wegen der langen Historie ein weltweit ausgespielter, weit über die Grenzen der Tennisblase anerkannter Teamwettbewerb. Er erreichte mit dem Tennisboom um Boris Becker, Steffi Graf und Michael Stich in Deutschland in den Achtziger- und Neunzigerjahren seinen medialen Höhepunkt. Bis heute legendär ist etwa die Partie 1987 zwischen den USA und Deutschland in Hartford, als Becker einen gewissen John McEnroe nach sechs Stunden und 21 Minuten mit 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2 mitten in der deutschen Nacht vor einem Millionenpublikum niederkämpfte und dem deutschen Verband DTB den Klassenerhalt in der Weltgruppe sicherte. Damals verdienten der Weltverband sowie der DTB mit TV-Rechten und Sponsoren Millionen. Das ausufernde Format über drei Tage mit je zwei Einzeln, einem Doppel und wieder zwei Einzeln über drei Gewinnsätze und ohne Tiebreak kam den großen Verbänden entgegen, versprach mehr Sendezeit und damit mehr Aufmerksamkeit für Sponsoren und den Wettbewerb, der zum damaligen Zeitgeist passte. 1988, ein Jahr später, gewann das DTB-Team als Außenseiter gegen das übermächtig scheinende Schweden in Göteburg den ersten Davis-Cup-Titel. Angeführt von Becker schlug es die skandinavischen Stars um Mats Wilander (Nr. 1 der Welt), Stefan Edberg (Nr. 5) und Kent Carlsson (Nr. 6). Zum Helden wurde der Weltranglisten-74. Carl-Uwe Steeb, der Wilander im Auftakteinzel nach einem 0:2-Satzrückstand noch besiegte und für den entscheidenden Vorteil sorgte. Ein Jahr später verteidigte Deutschland den Titel. 1993 gelang, dieses Mal angeführt von Michael Stich, der bis heute letzte deutsche Erfolg. In der Post-Becker-und-Stich-Ära wurden die deutschen Erfolge weniger. Der Davis-Cup brachte international aber weiter Heldengeschichten hervor. Rafael Nadal etwa gewann mit Spanien gleich fünfmal. Roger Federer, Novak Djokovic und Andy Murray rührte der jeweils einzige Erfolg für ihr Land zu Tränen. Der in Frankreich so beliebte Teamwettbewerb zog 2014 im umgebauten Fußballstadion von Lille mit 27.360 Zuschauern eine Rekordkulisse an. Legendär sind die TV-Bilder der Fußballlegende Diego Maradona, der 2016 zum Finale seiner Argentinier nach Kroatien einflog, sich drei Tage lang mit kroatischen Fans foppte und sah, wie Juan Martín del Potro den ersten Davis-Cup für sein Land holte. "Emotionen dort, die bekommt man im Sport so einfach sonst nicht" Der großen Historie des Cups ist sich Deutschlands bester Tennisspieler Alexander Zverev durchaus bewusst: "Jeder in meiner Familie hat Davis-Cup gespielt", sagt er vor dem deutschen Viertelfinale gegen Argentinien (Donnerstag ab 17 Uhr) am Rande der Davis-Cup-Finals in Bologna. Sein Vater habe für die ehemalige UdSSR gespielt, sein Bruder schlug für Deutschland auf, unter anderem ebenfalls in einer Stierkampfarena in Spanien. "Das waren Emotionen dort, die bekommt man im Sport so einfach sonst nicht. Diese Auswärts- und Heimspiele sind etwas ganz Besonderes", sagte Zverev. Zverev, nach einigen Absagen der einzige Top-10-Spieler bei der diesjährigen Endrunde und mit dem deutschen Team nun Mitfavorit, hatte sich seit der Einführung 2019 rasch zu einer Art Chefkritiker des neuen Formats aufgeschwungen: Zu spät im Jahr, zu wenig Flair, zu wenig Bedeutung. Diesem Image ist er sich in Bologna, bei seiner ersten Finals-Teilnahme, bewusst. "Ich will wirklich nicht immer wieder und wieder ein Hater des neuen Formats sein und wiederholen, das neue Format ist scheiße und alles ist doof. Aber ich vermisse dieses alte Format einfach so sehr."