Zeit 09.01.2026
11:19 Uhr

Crans-Montana: "Selbst einem Ungläubigen wie mir gaben alle kollektiven Akte Kraft"


Der Politiker Josef Lang hat das Attentat im Zuger Kantonsrat von 2001 überlebt. Er sagt: Neben Anteilnahme braucht es für die Opfer von Crans-Montana einen Hilfsfonds.

Crans-Montana:
DIE ZEIT: Herr Lang, heute gedenkt die ganze Schweiz an einem nationalen Trauertag der Opfer von Crans-Montana. Sie überlebten als Politiker das Attentat im Zuger Kantonsparlament vom 27. September 2001. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag? Josef Lang: Ich erinnere mich an jede Minute dieses Tages seit dem ersten Schuss um 11.32 Uhr. Ich sah nichts und hörte nichts – außer der unglaublich hasserfüllten Stimme des Täters, den Schüssen und der Detonation. Danach vergingen etwa zwei Stunden, bis mir das Ausmaß der Tragödie bewusst wurde. Nie vergessen werde ich die Frau eines Regierungsrates, die wie wir nicht wusste, ob ihr Mann noch lebt. Bis heute weiß ich nicht, was die richtigen Worte vor der traurigen Gewissheit gewesen wären. ZEIT: Damals gab es einen großen Trauergottesdienst. Was bringt ein solcher kollektiver Akt den Überlebenden? Lang: Es gab eine riesige Solidarität, die lange andauerte: auf dem Platz vor dem Regierungsgebäude, am großen Trauergottesdienst, an den folgenden Beerdigungen in sieben Gemeinden, an spontanen Trauerkundgebungen. Selbst einem Ungläubigen wie mir gaben alle kollektiven Akte, auch die religiösen, viel Kraft. ZEIT: Nach einer gewissen Zeit geraten die Opfer allerdings trotzdem nach und nach in Vergessenheit. In Zug hingegen wird bis heute jedes Jahr am 27. September der Opfer gedacht. Wie kam es dazu? Lang: Tatsächlich findet jedes Jahr eine ökumenische Gedenkveranstaltung statt, die auch gegenüber Kirchenfernen respektvoll ist. Es gibt sie noch heute, weil es jedes Mal genug Leute gab, die sie weiterführen wollten. Erleichtert wird diese Beständigkeit auch durch den Umstand, dass den Zuger Behörden keine Fehler oder Unterlassungen vorgeworfen werden konnten. ZEIT: Was braucht es sonst noch, damit die Angehörigen und Überlebenden sich vom Staat oder von der Gesellschaft nicht im Stich gelassen fühlen? Lang: Der Kanton hat zusammen mit den Gemeinden und den Schulen die Pflicht zur jährlichen Erinnerung und zur Pflege des schlichten Denkmals. Für die Medien muss der 27. September ein Schlüsseldatum bleiben. Angehörige und Überlebende sind auch nach 25 Jahren ernst zu nehmen, wenn ihre Seele von der Tragödie eingeholt wird. ZEIT: Wie wichtig ist die finanzielle Unterstützung, und was würden Sie diesbezüglich im Fall von Crans-Montana raten? Lang: Die Opfer und ihre Angehörigen müssen schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen. So sind Eltern, die ihr Kind in einem weit entfernten Spital besuchen, die Reise- und Hotelkosten selbstverständlich zu bezahlen. Damit dieser Aufwand bezahlbar ist, braucht es einen öffentlichen Hilfsfonds wie seinerzeit nach dem Massaker von 1997 in Luxor. ZEIT: Nach einer Katastrophe, einem Amoklauf oder einem Terroranschlag werden jeweils Konsequenzen gefordert – damit sich so etwas nie mehr wiederholt. Was waren die wichtigsten Veränderungen, die das Attentat von Zug hervorbrachte? Lang: Das Zuger Attentat führte unmittelbar dazu, dass Sicherheitsmaßnahmen in Parlaments- und Regierungsgebäuden geschaffen und verbessert wurden. Nach ein paar Jahren ist es nicht zuletzt mithilfe der Zuger Regierung gelungen, eine völlig verantwortungslose Waffengesetzgebung zu verschärfen. Das Interview wurde schriftlich für Grüezi! – Der Newsletter der ZEIT Schweiz geführt.