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09.10.2026
08:31 Uhr
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Cochrane steht für strenge Evidenz in der Medizin. Nun streicht die Bundesregierung dem deutschen Ableger die Förderung – und schwächt damit die Gesundheitsversorgung.

Mal angenommen, man wollte in Zeiten gro\u00dfer Unsicherheit eine Institution st\u00e4rken, die verl\u00e4ssliches medizinisches Wissen verbreitet. Gesundheitsinformationen, die auf aktueller wissenschaftlicher Erkenntnis beruhen und nicht auf Bauchgef\u00fchl. Die unseri\u00f6sen alternativen Heilsversprechen genauso entgegentritt wie medizinischen Mythen. Die dazu beitr\u00e4gt, dass unn\u00f6tige Therapien keinen Schaden anrichten, und gleichzeitig daf\u00fcr sorgt, dass Kosten gespart werden k\u00f6nnen. Die Behauptungen der Pharmaindustrie nicht einfach \u00fcbernimmt, sondern untersucht, ob Medikamente auch wirklich einen Nutzen haben. Angenommen also, man hielte all das f\u00fcr eine gute Sache. Dann sollte man die Arbeit des Cochrane-Netzwerks unterst\u00fctzen: Es setzt sich seit Jahrzehnten weltweit daf\u00fcr ein, dass Evidenz die Grundlage f\u00fcr medizinische Ma\u00dfnahmen bildet. Die Institution tut das vor allem, indem sie wissenschaftliche \u00dcbersichtsarbeiten ver\u00f6ffentlicht, in denen sie die verf\u00fcgbaren Fakten zu einer medizinischen Fragestellung bewertet und dabei Nutzen und Risiken abw\u00e4gt. F\u00fcr Laien gibt es allgemein verst\u00e4ndliche Kurzfassungen. So unterst\u00fctzt Cochrane die Entscheidung f\u00fcr oder gegen bestimmte Therapien. Wirkt eine neue Therapie besser gegen Krebs als eine alte, herk\u00f6mmliche? Hilft Bewegung gegen R\u00fcckenschmerzen? Wie viel Vitamin D ben\u00f6tigen Neugeborene? Helfen Probiotika bei der Behandlung von Durchfall? Doch das Bundesgesundheitsministerium (BMG) streicht die finanzielle Zuwendung f\u00fcr die deutsche Cochrane-Stiftung . Ohne die Bundesmittel wird es die Stiftung schwer haben, weiterzubestehen. Im kommenden Jahr will das BMG die F\u00f6rderung nach zehn Jahren auslaufen lassen. Es fehlen dann etwa 1,3 Millionen Euro, die die Cochrane-Stiftung seit 2017 nach einem Beschluss des Bundestages j\u00e4hrlich erh\u00e4lt. 1,3 Millionen Euro: Das sind 0,006 Prozent der Gesamtausgaben von 21,77 Milliarden Euro des BMG f\u00fcr 2026 . Eine Klitzekleinigkeit f\u00fcr das Haus von Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU), aber ein riesiger Einschnitt f\u00fcr Cochrane in Deutschland. Schon rein wirtschaftlich kann die Rechnung kaum aufgehen: Wenn es den Cochrane-Mitarbeitern blo\u00df in einigen wenigen F\u00e4llen gel\u00e4nge, eine medizinische Fehlentscheidung abzuwenden, weil \u00c4rzte oder Patienten auf Grundlage der besten Informationen entscheiden, w\u00e4re das Geld rasend schnell eingespielt. Doch es geht noch um sehr viel mehr als um Geld. Es geht um die Frage, welche Grunds\u00e4tze die Gesundheitspolitik in Deutschland bestimmen \u2013 und wof\u00fcr der Minister steht. W\u00e4re Evidenz eine seiner Grundlagen, der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisstand also, w\u00e4re das ein Signal daf\u00fcr, dass er objektive Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr seine Politik anlegen w\u00fcrde, er also unabh\u00e4ngig von den Interessen der vielen Lobbyisten entscheiden w\u00fcrde und sich nicht so sehr von parteipolitischen Motiven leiten lie\u00dfe. Die Cochrane-Streichung dagegen vermittelt das Signal: Das Evidenz-Ged\u00f6ns ist nicht so wichtig. Da reicht es nicht, dass das BMG auf Anfrage schreibt, es messe der evidenzbasierten Medizin \u00bbeine hohe Bedeutung\u00ab zu, und dass es Aufgaben, die bislang die deutsche Cochrane-Stiftung \u00fcbernommen hat, nun beim Institut f\u00fcr Qualit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) b\u00fcndeln will, um \u00bbdie dort vorhandenen Strukturen und Kompetenzen effizient zu nutzen\u00ab. Das allerdings klingt nicht nach einem Ausbau beim IQWiG \u2013 und damit bliebe unterm Strich eine K\u00fcrzung. Ob das IQWiG \u00fcberhaupt davon wusste, dass es k\u00fcnftig Aufgaben der Cochrane-Stiftung \u00fcbernehmen soll, ob sich deswegen etwas \u00e4ndern wird \u2013 zu all dem \u00e4u\u00dfert sich das IQWiG aktuell nicht, wie es auf eine Anfrage schrieb. Inzwischen sind auch medizinische Fachgesellschaften alarmiert, etwa die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Gerade wenn im Gesundheitswesen Priorit\u00e4ten gesetzt und \u00f6ffentliche Mittel gezielt eingesetzt werden m\u00fcssten, \u00bbbraucht es eine verl\u00e4ssliche und unabh\u00e4ngige Grundlage f\u00fcr solche Entscheidungen\u00ab wie durch die Cochrane Deutschland Stiftung, sagt ihre Pr\u00e4sidentin Eva Hummers, Direktorin des Instituts f\u00fcr Allgemeinmedizin an der Universit\u00e4tsmedizin G\u00f6ttingen. \u00bbWir brauchen nicht weniger, sondern eher mehr Wissen dar\u00fcber, was nachweislich wirkt und was den Menschen tats\u00e4chlich nutzt.\u00ab Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Sozialmedizin und Pr\u00e4vention, der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Medizinische Soziologie und dem Netzwerk Evidenzbasierte Medizin hat die DEGAM gestern die G\u00f6ttinger Erkl\u00e4rung ver\u00f6ffentlicht . Darin fordern sie die Bundesregierung und das BMG auf, \u00bbdie \u00f6ffentliche F\u00f6rderung der Cochrane Deutschland Stiftung \u00fcber 2027 hinaus sicherzustellen und Cochrane Deutschland als unabh\u00e4ngigen Bestandteil der deutschen Infrastruktur f\u00fcr evidenzbasierte Gesundheitsversorgung dauerhaft zu etablieren\u00ab. Der Gesundheitsminister sollte die Entscheidung darum noch einmal \u00fcberdenken. F\u00fcr einen Rundungsfehler im Etat lohnt es sich nicht, die evidenzbasierte Medizin und damit die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu schw\u00e4chen.