Zeit 19.11.2025
14:25 Uhr

Bundeswehrübung: Feuergefecht im U-Bahn-Tunnel


Gewehrsalven dröhnen, Verwundete schreien: Die Bundeswehr übt den Kampf gegen Separatisten. Anschläge auf die Bahn in Polen zeigen, wie realistisch das Szenario ist.

Bundeswehrübung: Feuergefecht im U-Bahn-Tunnel
Vermummte Soldaten rennen eine Treppe hinunter, auf einen Bahnsteig und weiter in einen Tunnel hinein. Sie sind mit Sturmgewehren bewaffnet, einer trägt ein Maschinengewehr. Schreie sind zu hören, das Rattern automatischer Waffen hallt aus dem Tunnel. Die Soldaten sollen die Lage in dem Tunnel aufklären, mögliche Angreifer zurückdrängen oder gefangen nehmen. Berlin in der Nacht zu Mittwoch, wenige Minuten vor zwei Uhr. Im U-Bahnhof Jungfernheide simulieren Soldatinnen und Soldaten der Quick Reaction Force der Bundeswehr den Kampf gegen bewaffnete Gegner, sogenannte irreguläre Kräfte, die keine Uniformen tragen, deren Herkunft nicht sofort zu erkennen ist. In dem Szenario haben diese Angreifer einen U-Bahn-Zug mit vier Waggons, der Bundeswehrangehörige transportierte, gewaltsam gestoppt. Sie nennen sich Separatisten Havelland, mehr wissen die Soldatinnen und Soldaten nicht, die sich in dem Tunnel zu der U-Bahn vorankämpfen, während die Separatisten auf sie feuern. Weitere Soldaten riegeln den Bahnhof von außen ab, bilden einen Sicherungsring. Scharfschützen gehen in Stellung. Militärpolizisten mit Sprengstoffspürhund rücken an. Separatisten, die gegen Soldaten kämpfen – das hat die Ukraine 2014 erlebt, als Russland die Krim besetzte und im Osten des Landes, im Donbass, bewaffnete Milizen Gebiete annektierten. Nun trainiert die Bundeswehr die Abwehr solcher Kräfte mitten in Berlin. Geschossen wird mit Platzpatronen, die Verwundeten, die um Hilfe schreien, spielen ihre Verletzungen nur. Sprengstoffanschläge auf die Eisenbahn in Polen in dieser Woche zeigen, wie realistisch das Szenario ist. Bollwerk Bärlin III heißt die Übung, die aus verschiedenen Einsätzen an drei Orten besteht. Neben dem U-Bahnhof Jungfernheide nutzt die Truppe auch die Fighting City in Ruhleben, ein Trainingsareal der Landespolizei, und das Gelände des früheren Chemiewerks Rüdersdorf. Dort übten in Fabrikgebäuden mit mehreren Stockwerken Soldaten den Häuserkampf, sagt der Kommandeur des Wachbataillons, Maik Teichgräber. Auch in Bremen oder Bayern An trainierende Soldaten mitten in der Hauptstadt, daran ist Berlin nicht gewöhnt. Die Bundeswehr hat die Anwohner mit Flyern vorgewarnt, dazu eine Telefonhotline eingerichtet und einen Infotisch aufgebaut. "Damit sich keiner wundert, wenn vermummte Soldaten aus ihren Fahrzeugen steigen und in den U-Bahnhof laufen", sagt ein Sprecher. Schließlich soll die Bevölkerung nicht beunruhigt werden. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 trainiert die Bundeswehr wieder intensiv die Verteidigung Deutschlands – auch außerhalb von abgesperrten Truppenübungsplätzen und Kasernen. In Bremerhaven etwa übte das Militär im vergangenen Jahr bei der Übung Fishtown Guard den Kampf in der Stadt. Im September dieses Jahres fand in Hamburg dann Red Storm Bravo statt: Soldatinnen und Soldaten fuhren in einem Konvoi durch die Stadt, simulierten den Umgang mit Störern und Demonstranten und wehrten Drohnen ab. Die Übungen inmitten des zivilen Lebens sind eine Herausforderung, auch organisatorisch: Im bayerischen Erding unterlief den Akteuren ein folgenschwerer Fehler: Polizisten rückten aus, nachdem ein Anrufer einen Mann in Flecktarn mit einem Gewehr gemeldet hatte. Die Polizisten wussten nichts von dem Bundeswehrtraining und eröffneten das Feuer , der Mann wurde verletzt. Doch er war ein Soldat, der an der Übung teilnahm. Am Berliner U-Bahnhof Jungfernheide gibt es keine Missverständnisse, BVG-Mitarbeiter betreuen die Soldaten, ein Polizeivertreter ist vor Ort, alles läuft Hand in Hand. Und ebenso wenig Proteste gegen Bollwerk Bärlin. Als gegen 1.10 Uhr die letzte U-Bahn einfährt, schimpft auch kein Fahrgast über die vielen Uniformierten, die den Bahnsteig bevölkern und die Übung vorbereiten. Das eigentliche Training bekommt dann kein Passant mit. Hauptschauplatz ist das Tunnelstück, das in den 1970er-Jahren gebaut wurde, aber nie Teil des Bahnnetzes wurde. Hybride Angriffe durch Saboteure, Attentäter und Spione sind eine neue Gefahr für die Bundeswehr. Deutschland sei noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden, heißt es bei der Truppe, auch Bundeskanzler Friedrich Merz spricht über die Bedrohung, die von Russland ausgehe. Drohnen über Flughäfen, Kasernen und Kraftwerken, Anschläge auf die Bahn, Mordpläne gegen Armin Papperger, den Chef von Deutschlands größtem Rüstungskonzern Rheinmetall – die Liste der hybriden Attacken, die größtenteils dem russischen Regime zur Last gelegt werden, ist lang.