|
05.12.2025
11:48 Uhr
|
Das neue Wehrdienstgesetz ist beschlossen. Ab kommendem Jahr werden junge Männer verpflichtend gemustert. Der Dienst an der Waffe bleibt freiwillig. Ein Überblick

Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 ist die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr wieder in den Fokus gerückt. Um sich selbst und Nato-Gebiete im Ernstfall verteidigen zu können, benötigt Deutschland laut Generalinspekteur Carsten Breuer unter Einbezug von Reservisten 460.000 Soldatinnen und Soldaten . Davon ist die Bundeswehr mit derzeit 183.100 dienenden Männern und Frauen weit entfernt. Der Bundestag hat das "Wehrdienst-Modernisierungsgesetz" beschlossen, um die Armee wieder kriegstüchtiger zu machen. Es soll 2026 in Kraft treten. Was sieht das Gesetz vor? Der neue Wehrdienst basiert zunächst auf Freiwilligkeit. Sobald das Gesetz in Kraft tritt, werden alle Frauen und Männer, die in dem Jahr 18 Jahre alt werden, angeschrieben. Die kontaktierten Männer sind verpflichtet, einen Fragebogen online auszufüllen. Allen anderen ist die Beantwortung freigestellt. Wer den Bogen ausfüllt, muss Auskunft darüber geben, ob er einen Wehrdienst leisten würde. Auch persönliche Daten werden abgefragt, etwa Adresse, Familienstand und zusätzliche Staatsangehörigkeiten. Weitere Fragen soll es zu Bildungsabschlüssen und sonstigen Qualifikationen geben sowie eine Selbsteinschätzung zur körperlichen Fitness. Mit dem Fragebogen soll die Erfassung aller wehrpflichtigen Männer reaktiviert und modernisiert werden. Denn: "Aktuell verfügt die Bundeswehr nicht über ausreichende Daten darüber, wer im Falle eines Wiederauflebens der Wehrpflicht herangezogen werden kann, wie geeignet die Männer sind und welche Qualifikationen sie haben", wie es bereits im Referentenentwurf hieß, den Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) Ende August im Parlament präsentierte. In dem verabschiedeten Gesetz ist festgeschrieben, dass in dem Anschreiben nun auch auf die Freiwilligendienste, etwa den Bundesfreiwilligendienst, hingewiesen wird. Es werden 15.000 zusätzliche Plätze bei den Freiwilligendiensten finanziert. Wie lange soll der Wehrdienst dauern? Der neue Wehrdienst dauert sechs bis 23 Monate. Sechs Monate waren vom Ministerium zuvor "mit Blick auf die erforderliche militärische Ausbildung" als Minimum genannt worden. Diese Zeit werde benötigt, um Grundfertigkeiten zu erlernen. Wer länger als sechs Monate bleibt, kann sich spezialisieren. Wie soll mehr Freiwilligkeit erreicht werden? Die Bundesregierung will den Wehrdienst in vielerlei Hinsicht attraktiver gestalten . Bezahlung: Wer sich freiwillig für den Wehrdienst entscheidet, soll ein attraktives Angebot erhalten. Dazu gehören eine moderne Ausbildung und eine monatliche Vergütung von rund 2.600 Euro brutto. Geworben wird auch mit "unentgeltlicher Unterkunft, kostengünstiger Verpflegung, kostenlosem Bahnfahren und freier Heilfürsorge" – man zahlt also keine Krankenkassenbeiträge. Status: Ab zwölf Monaten Verpflichtungsdauer wird der Status 'Soldat auf Zeit' eingeführt. Berufsbildung: Weitere Anreize sollen beispielsweise ein überarbeitetes Ausbildungskonzept und die Berufsförderung schaffen. Anreize: Bei einer Verpflichtung für mindestens ein Jahr wird ein Zuschuss für den Pkw- oder Lkw-Führerschein gewährt. Kandidatenkreis: Das Verteidigungsministerium hofft, durch eine höhere Attraktivität und einen "sinnhaften, anspruchsvollen Dienst" die Bereitschaft zum Wehrdienst insgesamt zu steigern. "Dazu gehört auch, den Anteil von Frauen und von Menschen mit Migrationsgeschichte in der Bundeswehr zu erhöhen", hieß es bereits im Referentenentwurf von August. Wird die verpflichtende Musterung wieder eingeführt? Ja. Sie soll im kommenden Jahr starten. Allerdings werden da noch nicht alle Strukturen wieder aufgebaut sein. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 wurden auch die 52 Kreiswehrersatzämter abgeschafft, in denen der körperliche Eignungstest durchgeführt wurde. Das soll künftig in angemieteten Liegenschaften geschehen. Im Sommer 2027 sollen die Kapazitäten für die Musterung wieder flächendeckend zur Verfügung stehen. Zur verpflichtenden Musterung heißt es: "Mit Inkrafttreten des Gesetzes beginnt zudem die verpflichtende Musterung der ab dem 1. Januar 2008 geborenen Männer, die schrittweise entsprechend dem Aufbau der Musterungskapazitäten auf den gesamten Jahrgang ausgeweitet wird." Ältere Jahrgänge sollen nur im Spannungs- oder Verteidigungsfall gemustert werden. Der Spannungsfall ist eine Ausnahmelage, die der Bundestag feststellen muss. Sie liegt zwischen Frieden und Verteidigungsfall und dient der Mobilmachung des Staates. Auf Basis der Fragebögen und der Musterungsergebnisse kann die Bundeswehr im Verteidigungsfall auf einen Pool potenzieller Rekruten zurückgreifen. Können alle jungen Männer eingezogen werden? Geplant ist das nicht. Die Koalitionäre haben sich aber auf eine sogenannte Bedarfswehrpflicht geeinigt, sollte die Zahl der Freiwilligen nicht ausreichen, um den Personalbedarf der Bundeswehr zu decken. Diese wird jedoch nicht automatisch aktiviert. "Der Bundestag entscheidet durch Gesetz über die Einsetzung einer Bedarfswehrpflicht, insbesondere wenn die verteidigungspolitische Lage oder die Personallage der Streitkräfte dies erforderlich macht." Die Entscheidung, ob es dann eine Zufallsauswahl wie durch das zuletzt diskutierte strittige Losverfahren geben soll, ist dem Bundestag vorbehalten. Davon unabhängig kann die allgemeine Wehrpflicht – wie bisher auch – im Spannungs- oder Verteidigungsfall wieder aktiviert werden. Welchen Zuwachs der Truppe plant die Regierung? Wie viele neue Soldatinnen und Soldaten zu der Truppe stoßen sollen, ist mit einem "verbindlichen Aufwuchspfad" festgeschrieben worden. Für die Jahre 2026 bis 2035 gibt es jeweils einen Korridor. Der liegt für das kommende Jahr bei 186.000 bis 190.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten, 2035 sollen es 255.000 bis 270.000 Wehrdienstleistende sowie weitere 200.000 Reservisten sein. Das Verteidigungsministerium will halbjährlich über den Personalbestand berichten. Ein Jahrgang umfasst etwa 300.000 junge Männer, die künftig angeschrieben werden und darauf verpflichtend antworten sollen. Nach Angaben aus dem Verteidigungsministerium werden im laufenden Jahr 15.000 Soldatinnen und Soldaten den bisherigen freiwilligen Wehrdienst leisten, im Sommer lag ihre Zahl bei 11.350 . Neben der Stärkung der aktiven Truppe soll mit dem neuen Wehrdienstmodell vor allem auch die Zahl der Reservisten erhöht werden.