Zeit 24.01.2026
05:51 Uhr

Brennerbasistunnel: Die Verborgenen


Tausende Arbeiter sprengen und bohren sich durch die Alpen, um ein Jahrhundertbauwerk zu vollenden: den Brennerbasistunnel. Doch sie bleiben fast unsichtbar. Warum?

Brennerbasistunnel: Die Verborgenen
Dicht an dicht stehen die Container in der Landschaft, drei Stockwerke hoch, verschraubt, nummeriert. Im Hintergrund rauscht der Verkehr der Brennerautobahn . Für Reisende sind die Dörfer aus Blech und Stahl nicht mehr als ein flüchtiger grauer Schatten, rasch vergessen auf dem Weg in den Süden. Orte, die nur einen Blick aus dem Autofenster lang existieren. Für die Einheimischen sind sie seit Jahrzehnten eine beständige Erinnerung an das Jahrhundertprojekt, das ihre Berge untertunneln wird. Ein Vorbote der Zukunft. Hunderte Männer leben in diesen Containern: die Arbeiter im Brennerbasistunnel, kurz BBT. Sie graben sich durch die Alpen in Europas Herz, bohren und sprengen Meter um Meter der 230 Kilometer Tunnelsystem aus dem Gestein, durch das bald der längsten Eisenbahntunnel der Welt führen wird. Der BBT ist ein Gemeinschaftsprojekt von Österreich und Italien . Kosten: über zehn Milliarden Euro. Er soll die transitgeplagte Brennerachse entlasten und den europäischen Schienenverkehr revolutionieren. Die gigantischen Baustellen prägen seit Jahren das Wipptal, das sich von Innsbruck bis Brixen in Südtirol zieht. Doch so sichtbar ihre Arbeit, so unsichtbar ist das Heer an Arbeitern, die das Jahrhundertbauwerk vorantreiben. Tausende werden es am Ende gewesen sein. Wer sich auf die Suche macht nach ihren Geschichten, muss selbst tief graben und wird auf eine Mauer des Schweigens treffen. Zumindest auf einer Seite des Tunnels. Wenn es etwas zu feiern gibt, ist die Öffentlichkeit natürlich erwünscht. So wie im September des Vorjahres, als der Tunneldurchschlag im Erkundungsstollen des BBT erfolgte, 1.400 Meter unter der Grenze zwischen Österreich und Italien, den Nachbarländern, die nun erstmals auch unterirdisch verbunden sind. Kanzler Christian Stocker (ÖVP) reiste an, seine Amtskollegin Giorgia Meloni von den Fratelli d’Italia, tausend Gäste insgesamt, dazu Dutzende Fernsehteams. Zwischen Anzügen, Kostümen, Trachtenjankern leuchteten einzelne orangefarbene Kluften: Tunnelarbeiter, an einer Hand abzuzählen. Wer ihnen und ihrer Welt näherkommen will, wird von der Projektgesellschaft BBT SE auf eine Baustelle auf Nordtiroler Seite geladen, kurz vor der Grenze, ans Baulos – so heißen die einzelnen Bauabschnitte branchenintern – H53. Mineure, Sprengmeister, Mechaniker, Elektriker, Maurer, Fahrzeuglenker verbringen hier bis zu zwölf Stunden im Tunnel; 330 Meter unter der Erde, wo es warm ist, feucht und sehr laut. Ein Projektleiter der BBT SE führt umher, er versucht, das Rattern des Förderbands zu übertönen. Er spricht von einem "Ameisenstaat" unter Tage. Geisterhaft huschen Arbeiter durch Kunstlicht und Baulärm. Am schlammigen grauen Boden Zigarettenstummel. Ein Apfelbutzen, achtlos hingeworfen. Am Tunneleingang eine Statue: die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Mineure. "Die wichtigste Person hier", sagt der Projektleiter. Ein paar Kilometer weiter, das Baulos H41, ein Büro der Baufirma Implenia. Welke Barbarazweige hängen aus einer gläsernen Vase, die Wände sind vollgepflastert mit Papierbögen: der Zeitplan für das Baulos. Viele der rund 500 Arbeiter hier kommen aus Kärnten. Das Bundesland hat Generationen an Mineuren hervorgebracht, das Mölltal etwa gilt als "Tal der gelben Stiefel", nach der Farbe der Gummistiefel der Tunnelarbeiter. Ein Treffen ist nur mit einem der Baustellenverantwortlichen möglich. Die Zitate aus dem Gespräch wird die Implenia-Zentrale in der Schweiz nicht freigeben, der Tonfall sei "zu negativ". Eine Anfrage an die Gewerkschaft Bau-Holz läuft ins Leere. Genau wie in Stafflach, einem Ortsteil von Steinach in Nordtirol, wo seit 2019 Arbeiter des Baukonzerns Porr wohnen. "Voll ausgelastet" seien sie, teilt die Pressestelle der BBT SE mit, die Porr will Fragen an Arbeiter nur schriftlich beantworten. Stattdessen erzählen im Containerdorf von Stafflach schlammverdreckte Stiefel vor den Zimmertüren, die Autos auf dem Parkplatz – und Steinachs Bürgermeister Florian Riedl (ÖVP). Die Arbeiter blieben oft nicht lange, sie wechseln mit den Bauphasen, sagt Riedl. Ein Aufwand für die Gemeinde: 50 bis 70 An- und Abmeldungen im Monat. Der Bürgermeister lädt zum Rundgang in einen Container, zeigt vom Flur ins Gemeinschaftsbad: "Weil zu Spitzenzeiten fast alle gleichzeitig duschen, mussten wir für genügend Wasserdruck eine zweite Ringleitung zuschalten." Riedl berichtet von der Skepsis in seiner Gemeinde, als es hieß, Hunderte Arbeiter würden in Stafflach untergebracht. Von Großbaustellen der Siebziger- und Achtzigerjahre kannte man in Tirol "Baraber", trink- und streitlustige Bauarbeiter. Die Sorgen waren unberechtigt, sagt Riedl: "Die Männer kommen meist aus dem Osten und fallen überhaupt nicht auf." Außer in der Gemeindekassa. Zwischen 350.000 und 400.000 Euro Kommunalsteuer fließen jährlich bei Vollbetrieb der Baustelle, dazu der Deponiezins für die Lagerung von Gestein aus dem BBT. "Mit Abschluss der Arbeiten bricht ein Wirtschaftsfaktor weg", sagt Riedl. Er grüßt die Insassen eines abfahrenden Autos, Kennzeichen: Kroatien. Daneben parken Wagen aus Polen, Ungarn, der Slowakei, Südösterreich. Wer in Österreich nach Arbeitern sucht, begegnet auch der dunklen Seite des Jahrhundertbaus, den Toten des BBT: fünf seit dem Baubeginn 2009, alle auf österreichischem Boden. "Wir hatten leider mehr Pech", sagte BBT-Bauleiter Wolfgang Holzer im April 2025 der Tiroler Tageszeitung . In Italien sieht man das anders. Nein, widerspricht Marco Nardini, nicht Glück habe Tote auf den italienischen Baustellen bisher verhindert. Sondern kürzere Schichten, strenge Sicherheitsprotokolle sowie ein gutes Verhältnis zu Baufirmen und -herrin.