Zeit 30.12.2025
18:59 Uhr

Böllerverbot: Gebt den Wutbürgern kein Futter


Böllerverbot an Silvester?! Dafür gibt es viele gute Argumente. Doch in diesem Jahr spricht ein Wichtiges dagegen. Es ist die Politik.

Böllerverbot: Gebt den Wutbürgern kein Futter
Seit Montag darf Feuerwerk verkauft werden – und schon knallt es an allen Ecken und Enden. Meine beiden Kater trauen sich kaum noch heraus, und in den nächsten Tagen kommt es noch schlimmer. Dabei wohnen wir in einem grünen Vorort. In Berlin-Kreuzberg, wo meine Tochter mit ihrer Familie lebt, ist jetzt schon die Hölle los. Dort verlor ich an Silvester vor 50 Jahren weitgehend das Gehör im linken Ohr, nachdem ich beim Absingen der "Internationalen" vor unserer Parteikneipe mit einem Böller beworfen wurde. Auch dieses Jahr wird es in vielen deutschen Innenstädten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen. Ärztinnen und Ärzte werden Sonderschichten schieben müssen, weil sich vor allem junge Männer ihre Finger oder Augen wegballern oder sich Brandwunden zuziehen. Am nächsten Tag wird es vielerorts riechen und aussehen wie in einer Kriegszone. Und deshalb wird wie jedes Jahr über ein Böllerverbot diskutiert , mit den üblichen Verdächtigen auf beiden Seiten. Für ein Verbot sind Ärzteverbände, Tier- und Umweltschützer, "Brot statt Böller"-Moralisten, viele Polizisten, Feuerwehrleute und Angestellte der Stadtreinigung und viele genervte Bürger, die ihre Ruhe wollen. Dagegen sprechen sich vor allem die Hersteller und Verkäufer von Feuerwerk aus sowie diverse Politiker und Publizisten, meistens eher rechts der Mitte, die meinen, einmal im Jahr müsse es den Menschen doch erlaubt sein, die Sau rauszulassen. Und natürlich die Millionen, die legal und illegal Böller und Raketen kaufen und abfeuern. Vorbild Niederlande? In den Niederlanden freilich haben die Befürworter des Feuerwerks den Kampf vorerst verloren. Dort wird dieses Jahr zum letzten Mal legal geballert. Obwohl die Niederländer zu den hingebungsvollsten Knallern Europas gehören und jedes Jahr ein Kilo Feuerwerk pro Einwohner verballern, hat das Parlament ab 2026 die private Knallerei – außer in extra dafür ausgewiesenen Zonen – verboten. Das finden zwei Drittel der Niederländer auch richtig. Ich selbst, Haustiere hin, Gehörprobleme her, bin eigentlich gegen ein Verbot. Die Vernunft spricht zwar dafür. Meine antiautoritäre und liberale Grundhaltung – kurz: mein Gefühl – spricht jedoch dagegen, wie gegen ein Verbot von Cannabis oder Alkohol, Rauchen und Vapen, Pornografie und ähnlichen eher unvernünftigen bis unangenehmen, aber für manche Leute wichtigen Dingen. Dieses Jahr kommt eine politische Überlegung hinzu. In den Niederlanden wurde der Antrag auf ein Verbot privaten Feuerwerks vom Listenbündnis aus Sozialdemokraten und Grünen und von der Partei für die Tiere eingebracht. Dagegen waren vor allem die rechtspopulistische Freiheitspartei von Geert Wilders und die ebenfalls rechte Bauer-Bürger-Bewegung. Man kann sich natürlich freuen, dass diese Gruppierungen im Parlament überstimmt wurden und auch in der Bevölkerung keine Mehrheit finden. Aber erstens ist das eine Drittel der Bevölkerung, das gegen ein Verbot ist, keine ganz winzige Minderheit; und zweitens bedient das generelle Verbot von privatem Feuerwerk ein Narrativ, mit dem die Rechtspopulisten ihre Kernanhängerschaft nur umso fester um sich scharen. Jede demagogische Erzählung enthält auch ein Körnchen Wahrheit Dieses Narrativ geht in etwa so, und ich bitte, die Anführungszeichen mitzulesen und die Ironie auch ohne Emojis zu verstehen: Im Interesse von Volksgesundheit, Umwelt- und Klimaschutz sowie anderen mehr oder weniger hehren Zielen wie Integration und Gendergerechtigkeit wird uns normalen Bürgern seit Jahren alles Mögliche verboten, was zu unserer Kultur, unseren Traditionen und schlicht zur Lebensfreude gehört. In Kindergärten und Kantinen soll möglichst vegetarisch und mit Rücksicht auf Muslime auch noch halal gegessen werden. Bald kommt der Zwangs-Veggie-Day oder der verordnete alkoholfreie Januar. Weihnachtsmärkte heißen nur noch Wintermärkte und müssen trotzdem polizeilich geschützt werden. Die Sprache wird geregelt. Der Humor gegängelt. Die Meinung polizeilich kontrolliert. Und nun wird eine ganze Branche, die Pyrotechnik, zugrunde gerichtet. Bloß, weil in unseren Innenstädten vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund aus harmloser Knallerei ein Kriegsspiel machen. Soll wegen linksgrüner Bedenkenträgerei im Zusammenspiel mit migrantischer Zügellosigkeit der Familienvater in einer Kleinstadt nicht wie sein Vater und Großvater vor ihm seinen Kindern zeigen, wie man verantwortungsvoll eine Rakete anzündet und zusehen, wie ihre Augen leuchten, während die Rakete zur Feier eines neuen Jahrs, das wir übrigens nach Christi Geburt zählen, in den Himmel steigt? So in etwa. Und trotz Anführungszeichen und Ironie: Wie jede demagogische Erzählung enthält auch diese ein Körnchen Wahrheit. Die Innenstädte sind tatsächlich die wichtigste Problemzone. Der Beitrag einer einzigen Silvesternacht zum Klimawandel und zur Feinstaubbelastung dürfte etwa im Vergleich zum Straßenverkehr gegen null gehen. Verletzungen sind vor allem die Folge illegal importierter oder selbst zusammengebastelter Feuerwerkskörper. Man duldet 364 Tage im Jahr bellende Hunde, die Gehwege und Grünflächen verdrecken, und freilaufende Katzen, die Singvögel jagen und ihre Nester ausrauben. Ihnen und ihren Besitzern ist wohl eine Nacht im Haus zuzumuten. Unabhängig aber von solchen Überlegungen und auch unabhängig von der Schlüssigkeit der Erzählung von der Erstickung unserer Tradition durch moralinsaure Spaßverderber: Muss man ausgerechnet an diesem Punkt den Wutbürgern und Demagogen, die von der Erziehungsdiktatur einer linksgrünen Elite schwafeln, einen weiteren Punkt liefern, an dem sie ihren Ressentiments Futter geben können? Feuerwerksverbotszonen an sozialen Brennpunkten: warum nicht? Zentrale und dezentrale Pyrotechnikshows bei freiem Eintritt, um möglichst vielen Menschen eine Alternative zur heimischen Ballerei zu bieten: sicher sinnvoll. Aber ein flächendeckendes Verbot: bitte nicht. Jedenfalls nicht jetzt.