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04.02.2026
15:53 Uhr
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Der ugandische Oppositionsführer Bobi Wine musste nach der Präsidentschaftswahl fliehen. Er fürchtet um sein Leben – und meldet sich nun aus seinem Versteck zu Wort.

Am Schluss des Gesprächs, das er aus seinem Versteck irgendwo in Uganda führt, tut er das, was ihn berühmt gemacht hat: Er singt. "One day, everything is gonna be fine", eines Tages wird alles gut werden. Die Stimme ist brüchig, das leise Lachen klingt bitter. Bobi Wine, einer der populärsten Musiker Ostafrikas und zuletzt einer der populärsten Politiker in seiner Heimat Uganda, sitzt in der Falle. Er ist im eigenen Land auf der Flucht vor der Polizei, der Armee und deren Befehlshaber, der ihm in den sozialen Medien schon alles Mögliche angedroht hat, unter anderem Enthauptung und Kastration. Gut zwei Wochen ist es her, da verschaffte sich Ugandas Machthaber Yoweri Museveni eine siebte Amtszeit . Über 70 Prozent der Stimmen soll er bekommen haben, nur 25 Prozent sein größter Widersacher, Bobi Wine. Im Wahlkampf wurden dessen Kundgebungen systematisch gestört, seine Anhänger verprügelt, mehrere getötet; schließlich wurde das Internet abgestellt. In der Nacht nach den Wahlen drangen dann Polizei und Armee in das Haus des Oppositionspolitikers ein. Der konnte fliehen und ist nun untergetaucht. Die ZEIT hatte seither immer wieder versucht, mit ihm in Kontakt zu treten. Zu gefährlich, erklärten Weggefährten, sein Standort könnte geortet werden. Dann, am Abend des 3. Februar, kommt über Umwege doch ein Gespräch zustande. Es ist eines der seltenen Male seit seinem Verschwinden, dass Wine es wagt, mit einer Journalistin am Telefon zu sprechen. DIE ZEIT: Wie geht es Ihnen? Bobi Wine: Ich bin am Leben. Und ich will so lange wie möglich am Leben bleiben. ZEIT: Offenbar befinden sich nach wie vor Soldaten in Ihrem Haus. Nach Ihnen wird gefahndet. Wine: Ich habe gegen kein Gesetz verstoßen. Für die Präsidentschaft zu kandidieren, ist kein Verbrechen. ZEIT: Der Chef der Armee hat Ihnen auf X mit Folter oder Tod gedroht. Wine: Ich weiß – und ich nehme das ernst. Bobi Wine bleibt fürs Erste untergetaucht. Sich im eigenen Land verstecken zu müssen, kaum kommunizieren zu können, für seine Anhänger unsichtbar geworden zu sein – das ist der vorläufige Tiefpunkt für den Mann, den Zehntausende während des Wahlkampfs feierten und auf den so viele junge Menschen in Uganda und in der ganzen Region gehofft haben. Wine, 43 Jahre alt, mit bürgerlichem Namen Robert Kyagulanyi Ssentamu, ist in einem Slum in der Hauptstadt Kampala aufgewachsen und landete mit 18, 19 Jahren erste Musikhits – zunächst über Partys, schnelle Autos und schöne Mädchen, dann über Korruption, steigende Preise und Polizeigewalt. 2017 schaffte er auf Anhieb die Wahl ins Parlament. "Ghetto-Präsident" nennen ihn seine Anhänger bis heute. 2021 wagte er zum ersten Mal, Museveni selbst herauszufordern. Er bekam bei den Präsidentschaftswahlen offiziell 35 Prozent der Stimmen, inoffiziell lag die Zahl wahrscheinlich sehr viel höher. Mehr als drei Viertel der rund 50 Millionen Uganderinnen und Ugander sind jünger als 40, sie haben nie einen anderen Staatschef als Museveni kennengelernt, der seit vier Jahrzehnten an der Macht ist. Zunächst beliebt als einer der afrikanischen Reformer der 1980er-Jahre, heute, mit 81 Jahren, Oberhaupt einer Regierungselite, in der vor allem Familienmitglieder Posten und Pfründen unter sich aufteilen. Der Armeechef, Muhoozi Kainerugaba, ist Musevenis Sohn und gilt als sein aussichtsreichster Nachfolger. Vergangenes Jahr machte er Schlagzeilen, als er öffentlich erklärte, einen verhafteten Freund und Leibwächter Bobi Wines in seinem Keller zu foltern. ZEIT: Vor einigen Tagen gab es Medienberichte, wonach Soldaten in Ihrem Haus Ihre Frau misshandelt haben sollen. Wissen Sie, wie es ihr geht? Wine: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste und sich nun ebenfalls versteckt. Mit Kainerugaba war Bobi Wine schon 2022 aneinandergeraten. Damals hatte der Präsidentensohn auf X den Angriff Russlands auf die Ukraine gefeiert – und zwar im Namen "der Mehrheit der Menschheit (die nicht weiß ist)". Wine fuhr kurz darauf nach Kyjiw und Butscha, um dort der Opfer der russischen Invasion zu gedenken. Seinen Landsleuten erklärte er, dieser Krieg im fernen Europa stelle genau die koloniale Aggression dar, die Afrikaner in ihrer Geschichte so oft erlebt hätten. ZEIT: Sie waren immer wieder in Europa, Sie sind auch mit Menschenrechtspreisen geehrt worden. Welche Unterstützung erfahren Sie jetzt? Wine: Schwer zu sagen. Ich muss extrem vorsichtig sein, kann nur schwer kommunizieren. Aber mich enttäuscht sehr, dass offenbar kaum internationale Kritik am Regime von Museveni und an diesen Wahlen geäußert wird. Deren Ausgang erkennen meine Anhänger und ich nicht an. Das war eine gestohlene Wahl. Wie irregulär das offizielle Ergebnis ist, wird sich wohl nie genau nachvollziehen lassen. Museveni ist vor allem unter älteren Wählern durchaus beliebt, er gilt ihnen als Garant für Ruhe und Stabilität in einem Land mit einer langen Geschichte von Bürgerkriegen. Und er profitierte von einer klassischen Schwäche so vieler oppositioneller Kräfte: Auch in Uganda konnten sie sich nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen. Doch für viele junge Wähler repräsentiert Museveni die erstickende Herrschaft alter Männer auf dem Kontinent über eine immer jüngere Bevölkerung. Wahlbeobachter der Afrikanischen Union wollten keine größeren Manipulationen in den Wahllokalen beobachtet haben, beklagten aber den Internet-Blackout und ein Klima der Einschüchterung. Das Büro der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas nahm das Wahlergebnis "zur Kenntnis", bedauerte die Gewalt gegen Wine und seine Anhänger und erklärte, man freue sich auf die Zusammenarbeit mit der ugandischen Regierung und Zivilgesellschaft. Doch der Spielraum dieser Zivilgesellschaft wird immer kleiner. ZEIT: Was raten Sie Ihren Wählern und Anhängern? Sollen sie den Ausgang der Wahlen hinnehmen oder protestierten? Wine: Ich kann ihnen nur raten, nicht aufzugeben. Keine Diktatur, kein autoritäres Regime hält ewig. Das zeigt die Geschichte. Und wir fordern ja nichts anderes als das, was auch in den ugandischen Gesetzen steht: Demokratie, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit. Ich rate meinen Anhängern, auf alle erdenkliche kreative und gewaltfreie Weise zu protestieren. Und ich hoffe wirklich auf mehr Unterstützung aus dem Ausland. Europäische Regierungen finden sehr klare Worte, wenn es um die Verurteilung von Herrschern wie Lukaschenko in Belarus oder das Regime in Venezuela geht. Aber bei afrikanischen Regimes gelten offenbar andere Standards. Als ob wir nicht dasselbe Recht auf Demokratie und Menschenrechte hätten. Für mich ist das eine Form von Rassismus.