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02.12.2025
18:20 Uhr
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Karl Kraus wird von seinen Fans als unerbittlicher Sprachkritiker verehrt. Doch er war keineswegs perfekt, wie eine neue Biografie zeigt. So dachte er etwa über Frauen.

Toll trieben es die alten Wiener, vor allem eine Literatenclique, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts regelmäßig im Café Griensteidl am Michaelerplatz versammelte und zu der Hermann Bahr, Peter Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Felix Salten und auch Karl Kraus gehörten. Die Autoren diskutierten hitzig über Symbolismus, Nervenkunst und Seelenzustände und verstanden sich als Propheten einer am Horizont heraufdämmernden literarischen Moderne. Darüber hinaus aber widmeten sie sich einem von Libertinage geprägten und recht zügellosen Liebes- und Sexualleben. Vor allem Felix Salten, der spätere Autor der Tiergeschichte Bambi, galt als Oger in sexualibus, der seinen Trieben freien Lauf ließ. Im Bunde Saltens mit der Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Lotte Glas war Karl Kraus der Dritte. Das Triumvirat zelebrierte eine innige, womöglich auch erotisch gelebte Freundschaft. Doch die Allianz zerbrach, weil Kraus der Meinung war, dass Salten seine schwangere Freundin schäbig behandelte. In dem Essay Die demolirte Literatur rechnete der Polemiker mit Felix Salten und der "Jung-Wien"-Clique aus dem Griensteidl ab. Dies trug ihm eine physische Attacke vonseiten des Geschmähten ein, die Arthur Schnitzler in seinem Tagebuch maliziös kommentierte: "Gestern abends hat Salten im Kaffeehaus noch den kleinen Kraus geohrfeigt, was allseits freudig begrüßt wurde." Solche Belege des Allzumenschlichen in der Heiligenlegende von Karl Kraus, dem unerbittlichen Phrasenjäger und Sprachkritiker, hat Katharina Prager, stellvertretende Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus, im Buch Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe zusammengetragen. Es geht der Zeithistorikerin nicht darum, das Monument Kraus zu schleifen. Sie interessiert sich für die Masken und literarischen Strategien des Spielers und selbst ernannten "Spielverderbers", der nach der Gründung seiner Zeitschrift Die Fackel im Jahr 1899 den "Productivgehalt kritischer Zerstörerarbeit" im Medium der Satire erkannte und danach handelte. Aber sie macht deutlich, dass die Heiligsprechung des Meisters, die ergebene Jünger schon zu dessen Lebzeiten vollzogen hatten, fragwürdige Aspekte überdeckt. Denn der "irrsinnige Interpunktionsmönch", wie ihn sein Antipode, der Aphoristiker und Stegreifredner Anton Kuh genannt hatte, irrlichterte ziemlich erratisch durch die politisch-gesellschaftlichen Umbruchmilieus des beginnenden 20. Jahrhunderts. Vor allem sein Frauenbild erscheint dubios: Karl Kraus verherrlichte in seinen Twen-Jahren, durchaus um das Spießbürgertum zu schockieren, sexuelle Befreiungsenergien und weibliche Promiskuität. Den Feministinnen seiner Zeit, die sich für Regulierung oder Abschaffung der Prostitution einsetzten, schleuderte er entgegen: "Weg mit diesen Tugendmegären, bei denen sich verhinderte sexuelle Notwendigkeiten in Sozialpolitik umgesetzt haben!" Das ging einher mit der Abwertung des Femininen jenseits der körperlichen Dimension. Im Kraus-Zirkel wandte man sich gegen Frauen, welche "die männliche Domäne des Geistes" betraten und nicht nur der "sinnliche Urquell" sein wollten, "an dem sich der Geist des Mannes Erneuerung hole". Wagten sie es gar, selbst Verse zu schmieden, ereilte sie Kraus’ Verdikt in der Gestalt des derben Herrenwitzes: "Je besser das Gedicht, desto schlechter das Gesicht." Das Sprachgenie als misogyner Schenkelklopfer – auch das ist eine Facette von Karl Kraus, die seine umfangreiche Fangemeinde lieber nicht zur Kenntnis nehmen möchte. Katharina Prager arbeitet in ihrer Biografie heraus, dass sich Kraus’ Frauenbild im Laufe seines Lebens durchaus differenzierte. Wobei er selbst gegenüber Partnerinnen, die er intellektuell respektierte wie die Schauspielerin Bertha Maria Denk, einen unangenehm patriarchalen Tonfall beibehielt. "Wenn ich Dir schreibe, ist es mir, als ob ich einem Mann über Dich schreibe", heißt es in einem Brief an die Geliebte. "Dein Brief ist – trotz der primitiven Auffassung meiner Thätigkeit – ungewöhnlich klug. Und es ist wirklich so, dass ich an Dir liebe, was ich an anderen Frauen hasse. Dein Verstand – ein Aphrodisiakum." Der stets gern belehrende und dozierende "Ethepete-tos" mit "Pathoskoller" (Anton Kuh) ließ sich die Pose der Überlegenheit und des arroganten Nonkonformismus nicht nehmen. Immerhin aber kam er zu der Erkenntnis: "Haß muss produktiv machen. Sonst ist es gleich gescheiter, zu lieben." Durch die Einbettung seiner Persönlichkeit in einen Chor von zeitgenössischen Stimmen, darunter viele weibliche, werden die Paradoxien und Widersprüchlichkeiten im Leben von Karl Kraus auf den 160 Seiten ausgelotet. So wird das konfliktreiche Verhältnis des 1874 im böhmischen Jicin geborenen Schriftstellers zu seinem Judentum thematisiert, das 1911 sogar die Konversion zum Katholizismus zur Folge hatte. Oder sein Schwanken zwischen Kulturkonservatismus und dem Herbeischreiben von gesellschaftspolitischen Erneuerungsimpulsen. In diesem Sinne stand Karl Kraus, obwohl "gesinnungslos", in den 1920er-Jahren den Sozialdemokraten nahe. Umso irritierender war es, dass er, der 1922 die Nationalsozialisten in der Fackel als "Gezücht von Hakenkreuzottern" bezeichnet hatte, ausgerechnet im Ständestaat-Kanzler Engelbert Dollfuß den Retter aus der Nazi-Not erkennen wollte. Der gesundheitlich bereits angeschlagene Kraus starb 1936. Den "Anschluss" erlebte er nicht mehr. Den Austrofaschismus sah er als Schutz vor Hitler, und seine Enttäuschung über die zögerliche Sozialdemokratie führte dazu, dass er die ab März 1933 systematisch betriebene Ausschaltung der österreichischen Demokratie nicht kritisierte, sondern unterstützte. Mit dieser Volte irritierte er selbst ergebenste Adoranten. Katharina Prager zitiert Gerda Lerner, die 1920 geborene Pionierin der Frauengeschichtsforschung, eine "Krausianerin", die die Sache differenziert sieht und damit eine Balance zwischen kritikloser Anbetung und kategorischer Ablehnung herzustellen vermag: Es sei ihr bis ins hohe Alter schleierhaft geblieben, schreibt Lerner, welche Gründe den "Meister" bewogen haben könnten, das Hohelied der "Hahnenschwanzler" (so wurden Mitglieder der Heimwehr abfällig bezeichnet, Anm. d. Red.) zu singen. "Ich aber", schreibt sie, "stieß erst zu dieser Zeit auf sein Werk und verfiel ihm trotz meiner gegenteiligen politischen Überzeugung voll und ganz." Die Meisterschaft in der Beherrschung der Sprache, die Kraft seiner Poesie und seine Ehrfurcht vor dem Wort hätten sie zutiefst entzückt: "Das ließ mich seine reaktionäre Politik vergessen und vergeben." Katharina Prager: "Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe". Das Leben des Satirikers Karl Kraus; Sonderzahl Verlag, Wien 2025; 176 S., 22,– €