Zeit 12.02.2026
15:46 Uhr

Bibliothek Utrecht: Viel Glück!


Die Bibliothek in Utrecht zeigt nun auch unveröffentlichte Bücher. Vorbeibringen kann jeder sein eigenes, für das sich kein Verlag gefunden hat.

Bibliothek Utrecht: Viel Glück!
Auweia, die Bibliothek von Utrecht eröffnet einen neuen Flügel, und zwar für bisher unveröffentlichte Bücher. Jeder kann seines vorbeibringen. Ob das eine gute Idee ist? Sie erinnert an die Kartengrüße, die man als Kind an einen Luftballon knüpfte, um die eigene Botschaft einem unbekannten Adressaten entgegenwehen zu lassen. Und es erinnert mich als Literaturkritiker an eine berufliche Situation: Leute, die mich bitten, ihr Manuskript zu lesen, sie seien sehr an meinem Urteil interessiert. Als sei das eine Auszeichnung. Im Anhang: ein 700-Seiten-Word-Dokument. Ich schreibe dann zurück, dass Lesen ein zeitaufwendiger Vorgang sei und mein Beruf darin bestehe, bereits lektorierte Bücher zu beurteilen. Dass das ein gewaltiger Unterschied ist, dürfen jetzt alle Nutzer der Bibliothek von Utrecht am eigenen Leib erfahren. Das Problem, das die Kulturpessimisten aller Länder nie aussprechen, ist dieses: Es gibt mehr Autoren als Leser. Lesen ist ein langsamer Prozess, Schreiben geht vielen, denen das Herz voll ist, schnell von der Hand. So ist das Verhältnis zwischen Produktion und Rezeption in keinem gesunden Gleichgewicht. Das Angebot wächst, die Nachfrage schrumpft, schon weil man ja nicht lesen kann, während man schreibt. Natürlich wissen die Utrechter das. Deshalb bekommen die unveröffentlichten Bücher in der Bibliothek kein dauerhaftes Bleiberecht, sondern werden durch nachrückende Neuankömmlinge ersetzt. Wird Utrecht nun zu einem Begegnungsort, wo das eine Buch den einen Leser findet, für den es bestimmt war? Wie in Kafkas Parabel Vor dem Gesetz?: "Dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn"? Dabei gibt es längst einen Ort für unverlangt eingesandte Manuskripte. Man nennt ihn das Internet.