Zeit 07.12.2025
20:08 Uhr

Bibel und Koran: "Unser Gott und eurer ist einer"


Neben Mohammed treten im Koran bedeutende Figuren des Alten Testaments auf: Abraham, Moses und Jesus. Wie tief der Islam in jüdisch-christlicher Tradition wurzelt.

Bibel und Koran:
Luxor, am 31. Dezember 1977: Zum Abschluss eines Staatsbesuches lädt der damalige Präsident Ägyptens, Anwar al-Sadat, den deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt zu einer Reise von Luxor nach Assuan ein, zu einer Schiffsfahrt auf dem Nil. Es wird Nacht, und die beiden ziehen sich auf dem Oberdeck zu einem Gespräch zurück. Schmidt wird diese Stunden nie mehr vergessen – nicht wegen des großartigen nächtlichen Sternenhimmels, sondern wegen der Lektion in Sachen Bibel und Koran, die Sadat ihm erteilt. In seinem Erinnerungsband Weggefährten von 1996 hat Schmidt diese "Sternstunde" eines interreligiösen Gesprächs festgehalten. Der Kanzler lernt etwas, das für jeden Staatsmann, der Friedenspolitik betreiben möchte, von großer Bedeutung ist: Bei allen Differenzen teilen die prophetischen Religionen in ihren heiligen Schriften gemeinsame Überlieferungen. "Die monotheistischen Religionen", so habe Sadat ihm erklärt, hätten ihre "gemeinsamen geschichtlichen Wurzeln auf dem Sinai". Der Ursprung des Glaubens an den alleinigen Gott aber liege bei Abraham: Juden, Christen und Muslime glaubten, von Abraham abzustammen. Der erste der gemeinsamen großen Propheten sei Moses gewesen, aber auch die meisten anderen Hauptfiguren im Alten Testament erkenne der Koran an: Noah, Abraham, Ismael, Isaak, Jakob, Joshua, David, sogar Adam. Schmidt erfährt, dass Jesus der zweitwichtigste Prophet im Islam nach Mohammed sei. Sadat habe mit einem Unterton der Enttäuschung hinzugefügt: "Ihr Europäer wisst dies alles nicht." Im Jahr 610 sieht sich ein Mann namens Mohammed, geboren um 570 und aufgewachsen in der Handelsstadt Mekka auf der Arabischen Halbinsel, sozialisiert in der altarabischen Kultur und Religion seiner Heimat, mit Offenbarungen eines Gottes konfrontiert, die sich radikal von seinen religiösen Traditionen unterscheiden. Sie machen ihn zum Propheten dieses Gottes. Um die empfangene Botschaft auszuschmücken, zieht dieser arabische Prophet nicht nur Überlieferungen aus seiner Kultur heran, die geprägt ist von polytheistischer Frömmigkeit, sondern auch religiöse Traditionen aus dem Umkreis der Arabischen Halbinsel: Überlieferungen jüdischer und christlicher Herkunft. Von Anfang an kritisiert der Prophet jene, die statt des Gottes allein des "diesseitigen Lebens" gedenken, also gottvergessen leben und handeln. Ihnen wird in einer der frühesten Suren des Koran eingeschärft: "Das Jenseitig-Letzte aber ist besser und beständiger." Bevor gewissermaßen die Quellenangabe folgt: "Das steht auf den früheren Blättern, den Blättern von Abraham und Moses". Der Koran, wörtlich "die Lesung", ist nach muslimischem Verständnis die unverfälschte, direkte Rede Gottes. Autor jeder Sure ist demnach Gott allein. Darin unterscheiden sich Bibel und Koran: Juden und Christen verstehen ihre heilige Schrift zwar als Gottes Wort, das aber niedergeschrieben wurde von menschlichen Verfassern. Sowohl den prophetischen Büchern der hebräischen Bibel als auch den vier Evangelien des Neuen Testaments werden namentlich Autoren zugerechnet. Die 114 Suren des Koran dagegen wurden nach muslimischem Glauben Mohammed offenbart – anfangs gilt ein "Geist der Heiligkeit" als Vermittler, später der Erzengel Gabriel. In zwei Abschnitten erfolgte die Offenbarung, dem mekkanischen und dem medinensischen: Der erste reicht vom Jahr 610 bis 622, der zweite von 622 bis 632. Auch das ist ein Unterschied: Im Vergleich zur Bibel ist es ein sehr enger Zeitraum. Unter den Anhängern Mohammeds wurden die Suren anfangs mündlich weitergegeben. Im Laufe der Jahre haben einige islamische Gläubige, die des Schreibens mächtig waren, Dinge festgehalten. Die erste verbindliche schriftliche Kodifizierung des Koran stammt aus der Zeit des dritten Kalifen Uthman, der um 650 regierte. Die Kalifen verstanden sich als Statthalter des Propheten. Bereits etwa 35 Jahre nach dem Tod Mohammeds ist eine verbindliche Sammlung des Textkorpus abgeschlossen und ein offizieller Standardtext des Koran erstellt.