Zeit 26.02.2026
08:13 Uhr

Berlinale: Filmschaffende stellen sich hinter Tricia Tuttle


700 Kulturschaffende protestieren in einem Brief gegen die mögliche Abberufung von Festivalchefin Tricia Tuttle. Volker Schlöndorff warnt vor "einem Ende der Berlinale".

Berlinale: Filmschaffende stellen sich hinter Tricia Tuttle
Hunderte Filmschaffende haben sich in einem offenen Brief gegen eine mögliche Abberufung von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle ausgesprochen. Sie verfolgten die Debatten mit großer Sorge, heißt es in dem Schreiben, das von einer Filmagentur verschickt wurde und knapp 700 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner auflistet, darunter Regisseur Tom Tykwer (Babylon Berlin) , Schauspielerin Tilda Swinton (The Room Next Door) und den früheren Jurypräsidenten und Filmemacher Todd Haynes (Carol) . "Wenn in einer außerordentlichen Sitzung über die Zukunft der Festivalleitung entschieden wird, steht mehr auf dem Spiel als eine Personalfrage. Es geht um den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit", heißt es in dem Schreiben. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat für diesen Donnerstag eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen . Laut Bild -Zeitung könnte die US-Amerikanerin Tuttle, die die Berlinale seit 2024 leitet, vorzeitig ihren Posten verlassen. Weimers Sprecher und die Berlinale äußerten sich dazu nicht. Vor der Sitzung hatte bereits die Deutsche Filmakademie vor politischer Einflussnahme auf die Berlinale gewarnt . Europäische Filmakademie, Volker Schlöndorff und Daniel Kehlmann positionieren sich Auch die Europäische Filmakademie stellte sich hinter Tuttle. In einem Statement äußerte die Akademie ihre "aufrichtige Wertschätzung für die Arbeit von Tricia Tuttle als Festivaldirektorin". Unter ihrer Leitung habe die Berlinale ihre Rolle "als zentrales internationales Festival und als Marktplatz für den europäischen Film weiter gefestigt". In einem weiteren Brief an Wolfgang Weimer warnten Regisseur Volker Schlöndorff und Schriftsteller Daniel Kehlmann, dass eine mögliche Entlassung Tuttles "das Ende der Berlinale auf viele Jahre hinaus" wäre. In dem Schreiben, das der ZEIT vorliegt, hinterfragen die beiden Verfasser den politischen Kurs Weimers und mahnen, dass die Position der Festivalleitung zu einem "Himmelfahrtsposten" werden könnte. Die Berlinale würde zu einer "Provinzveranstaltung" verkommen, ihr Image und das "des Kulturlandes Deutschland" sowie von Kulturstaatsminister Weimer "wären auf Dauer beschädigt". Während des Festivals gab es mehrfach Debatten zum Umgang mit dem Nahostkonflikt. Mehrere Filmschaffende, darunter Swinton und Javier Bardem, hatten der Berlinale in einem offenen Brief eine mangelnde Positionierung zum Gazakrieg vorgeworfen. In Deutschland stieß eine Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib auf heftigen Widerspruch. Er hatte der Bundesregierung vorgeworfen, Partner "des Völkermords im Gazastreifen" zu sein. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen. Auch die Bundesregierung weist den Vorwurf zurück. Warnung vor Kontrolle statt Diskurs Die Filmschaffenden schreiben in dem Brief, zuletzt seien Äußerungen kritisiert worden, die auf der Bühne gefallen seien: "Keine dieser Aussagen stammt von der Festivalleitung selbst, sondern von eingeladenen Filmschaffenden." Ein internationales Festival sei kein diplomatisches Ereignis, sondern ein schützenswerter Ort der Demokratie. "Seine Stärke liegt darin, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und vielfältige Stimmen sichtbar zu machen." Auch ein Foto der Festivalleitung mit Filmschaffenden, auf dem eine palästinensische Flagge zu sehen gewesen sei, sei kritisiert worden. "Sich mit internationalen Gästen fotografieren zu lassen, gehört zur Praxis eines solchen Festivals", heißt es dazu in dem Brief. "Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck", heißt es in dem Schreiben. Wenn jede Kontroverse institutionelle Konsequenzen nach sich ziehe, "wird aus Diskurs Kontrolle", warnen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner.