|
19.01.2026
07:53 Uhr
|
Mit invasiver Bergbautechnik wollen zahlreiche Staaten die Rohstoffe des Meeres ausbeuten. Forscher rätseln über die Folgen und wie Ökosysteme das überleben sollen.

Über viertausend Meter tief liegt eine Welt, von der Menschen fast nichts wissen. Und trotzdem findet dort, in völliger Dunkelheit, ein Wettlauf statt – zwischen Erforschen und Zerstören. Das Ergebnis des Rennens wird zeigen, ob das Wissen um ein Ökosystem dabei hilft, dieses zu bewahren. Oder nicht. Einer der Flecken in dieser dunklen Welt ist die Clarion-Clipperton-Zone (kurz: CCZ), eine Gegend, etwa halb so groß wie Europa. Hier, drei bis sechs Kilometer unter der Wasseroberfläche, besteht der Meeresboden aus weiten, sandigen Flächen. Und diese Unterwasserwelt birgt zwei sehr unterschiedliche Schätze. Den ersten zeigen Fotos, die von Tauchrobotern aufgenommen wurden. Auf sandigem Untergrund sieht man dort unregelmäßige Anordnungen schwarzer, faustgroßer Klumpen. Manganknollen heißen sie, nach einem der Metalle, die sie enthalten. Doch auch Eisen und Kupfer zählen dazu und vor allem: Kobalt und Nickel. Das Wissenschaftsmagazin Science erklärt in seiner neuesten Ausgabe: " Der Wettlauf um Metalle, die für Technologien wie etwa E-Auto-Batterien benötigt werden, wird immer intensiver. " Fachleute warnen vor unregulierter Ausbeutung . Denn die gefährdet den anderen, den biologischen Schatz der Tiefsee. Schwämme, Seelilien, Haarsterne und Korallen leben auf den Knollen. Seeigel und Seegurken, Blumentiere, Seesterne und Tiefseeoktopoden leben zwischen ihnen. Eine grün-weiß lackierte Raupe frisst sich durch die Dunkelheit "Tausende Arten wurden erst in den letzten Jahren entdeckt", schwärmt die österreichische Meeresökologin Sabine Gollner vom Königlich-Niederländischen Institut für Ozeanografie auf der Insel Texel. Gollner kennt aber auch die Bedrohung dieser Vielfalt: "Die Technik, um Manganknollen abzubauen, existiert bereits." So fraß sich im Jahr 2021 das zehn Meter lange, grün-weiß lackierte Raupenfahrzeug Patania II mit seinen Saugrüsseln durch eine rund vier Kilometer tief gelegene Ebene der Clarion-Clipperton-Zone – der erste industrielle Test dieser Art. Zweieinhalb Jahre später berichteten Forscher im Fachjournal Frontiers in Marine Science von den Veränderungen im Ökosystem . Ihr Tauchroboter hatte die Spuren der Raupenketten noch deutlich fotografieren können. Wie sehr schweres Bergbaugerät die Lebensgemeinschaften am Meeresboden schädigt, haben Forscher um Eva Stewart vom Natural History Museum London im Dezember im Fachjournal Nature Ecology & Evolution beziffert : An jener Stelle der CCZ, wo eine kanadische Firma testweise Knollen geschürft hatte, sei die Artenvielfalt hinterher um ein Drittel geringer gewesen. Können solche Narben mit der Zeit heilen? Diese Frage ist offen. Beantworten lässt sie sich nur durch wiederholte Tauchfahrten zur selben betroffenen Stelle. Deswegen besucht im Herbst 2026 das deutsche Forschungsschiff Sonne erneut jenes Zerstörungswerk, dass Patania II 2021 anrichtete. "Auf der Fahrt werden wir untersuchen, wie der Umweltzustand der Testgebiete nach fünf Jahren ist", sagt der Expeditionsleiter Matthias Haeckel vom Meeresforschungsinstitut Geomar in Kiel . Auf dem Grund des Ozeans verläuft Entwicklung oft in Zeitlupe Seit 2015 koordiniert Haeckel das europäische Forschungsprojekt MiningImpact (auf Deutsch: Auswirkungen des Abbaus), an dem mehr als hundert Fachleute aus neun Ländern mitwirken. Eine dritte Fahrt solle 2027 stattfinden, sagt Haeckel, dann wolle man erforschen, "wie die Verbindung der Arten auf Hunderten bis Tausenden Kilometern ist". Zeugen identische Genvarianten an verschiedenen Orten von regem Austausch oder ihre Abwesenheit von langer Einsamkeit? Das ist entscheidend für die Regenerationsfähigkeit in der Tiefe. An der Oberfläche kann sich binnen ein paar Jahren die Welt ändern – für die Tiefsee sind sie kaum mehr als ein Wimpernschlag. Dort verläuft das Leben wie in Zeitlupe. "Die Kälte und das geringe Nahrungsangebot sorgen dafür, dass natürliche Prozesse wie etwa das Wachstum langsam sind", beschreibt Meeresbiologin Gollner. Entsprechend zeitversetzt muss man die Reaktion von Tieren und Pflanzen messen. Und entsprechend erleichtert waren Umweltschützer, als sich die zuständige UN-Behörde International Seabed Authority (ISA) im vergangenen Sommer noch nicht auf Regeln für das Schürfen einigen konnte . Die Ergebnisse von MiningImpact sind auch als Input für die ISA gedacht. Mit ihnen könnten die Forscher eine Basis liefern für Förderbeschränkungen, die zumindest verhindern, dass ganze Ökosysteme unwiederbringlich zerstört werden. Vorausgesetzt, die Menschen bringen bei aller Gier die nötige Geduld auf.