|
06.02.2026
17:56 Uhr
|
Im Stadtteil Wilhelmsburg will die Stadt zehn Hektar Wald abholzen, damit dort Wohnungen gebaut werden können. Ist das noch zeitgemäß?

Grün ist es schon sehr lang hier. Einst befanden sich Kleingärten auf diesem Gebiet im Norden Wilhelmsburgs, zwischen Ernst-August-Kanal und Harburger Chaussee. Dann kam die Sturmflut von 1962 und begrub sie unter Wassermassen. Weil die Stadt das Gelände danach sich selbst überließ, entstand ein dichter Wald – der Wilde Wald, wie ihn die Anwohner nennen. Den gibt es noch heute. Noch. Nun könnte er gerodet werden. Ein neues Wohnviertel soll entstehen: das Spreehafenquartier. Auf rund zehn Hektar plant der Senat 1.100 Wohnungen, dazu Gewerbeflächen und Sportanlagen. Noch aber ist das Bauvorhaben nicht genehmigt, und Protest regt sich: Mehrere Bürgerinitiativen stemmen sich gegen die Pläne, unterstützt werden sie von Umweltschützern. Der Wald sei nicht nur Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, sagen sie, sondern auch wichtig fürs Stadtklima. Der Streit steht exemplarisch für einen Grundkonflikt, der Hamburg vielerorts beschäftigt: Wohnraum wird knapp, die Mieten steigen, ganze Berufsgruppen wie Pflegekräfte oder Erzieherinnen können sich die Stadt kaum noch leisten. Die Politik setzt auf Neubau. Doch die zunehmende Versiegelung von Böden verschärft die Folgen des Klimawandels: Wo Asphalt und Beton dominieren, heizt sich die Stadt auf, und Regenwasser kann kaum versickern. Bei Starkregen staut es sich, überflutet Keller und Tiefgaragen. Grünflächen wie Gärten oder Waldstücke könnten diese Effekte abmildern. Ist es in Zeiten von Klimakrise und Artensterben noch vertretbar, einen Wald in der Stadt zu roden – vor allem nach dem Klimaentscheid aus dem vergangenen Jahr, der eine Hamburger Klimaneutralität bis 2040 festschreibt? Was zählt mehr: neuer Wohnraum oder Lebensqualität für die Menschen, die schon da sind? Und schließt das eine das andere wirklich aus? Die Umweltbehörde stuft das Gehölz als "wertvoll" ein Wer den Wilden Wald erkunden will, muss sich durch die Büsche schlagen. Am nördlichen Ende der Provinzialbrücke, die über den Ernst-August-Kanal führt, geht es links die Böschung hinab. Wege gibt es keine, nur schmale Trampelpfade, die sich zwischen stattlichen Weiden, Pappeln und Erlen hindurchschlängeln. Die Luft ist merklich frischer als auf der Brücke und einige Grad kühler. Der Verkehrslärm der nahen Haupthafenroute ist nur noch gedämpft zu hören. Vogelgezwitscher dringt aus dem Unterholz. "Hier brüten mindestens 30 verschiedene Vogelarten", erzählt Sigrun Clausen von der Initiative Waldretter*innen Wilhelmsburg, die regelmäßig Interessierte durch den Wald führt. "Dazu kommen Libellen, Fledermäuse und Erdkröten sowie Eisvögel, die im Kanal fischen." In einem naturschutzfachlichen Gutachten der Hamburger Umweltbehörde wurde das Gehölz als "wertvoll" eingestuft. Es ist zudem eines der letzten verbliebenen Waldstücke im ganzen Bezirk Mitte. Clausen wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wald, so wie viele aus der Initiative. Aus ihrem Fenster blickt sie auf die Wipfel der Bäume, die einen Sichtschutz zur vielbefahrenen Hafenrandstraße und auch eine Barriere für Lärm und Luftverschmutzung bilden. "Hier in Wilhelmsburg leben viele Menschen mit geringem Einkommen", sagt die Kulturanthropologin. "Die können es sich nicht leisten, am Wochenende an die Ostsee zu fahren." Stattdessen gingen sie am Kanal spazieren und in den "Wilden Wald". Dessen östlicher Teil ist über den Uferweg leichter zugänglich. Hier liegt auch eine Lichtung – eine große Freifläche, die vielfältig genutzt wird. Tagsüber etwa von Kitagruppen und Schulklassen, abends von Jugendlichen oder auch Wohnungslosen. Im Herbst haben die Initiativen hier eine gemeinsame Mahnwoche für den Wald abgehalten, inklusive Camp und Einsteigerkurs in Baumbesetzung. Von den Grünen gab es Rückenwind – eine Zeit lang Der Protest währt schon viele Jahre. Er formierte sich, nachdem die Pläne für das Spreehafenviertel 2017 konkreter wurden. Seitdem haben die Aktivistinnen aus eigener Sicht viel für ihren Wilden Wald erreicht. "Zum Beispiel, dass der WiWa jetzt überhaupt als Wald gilt", sagt Clausen. Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing habe dessen Existenz ehemals bestritten, mit Verweis auf einen alten Flächennutzungsplan, in dem die Fläche als Gewerbegebiet ausgewiesen ist. Einen Ortsbesuch des Chefplaners Höing habe es bis heute nicht gegeben, sagt sie. Aber die Proteste hätten schließlich zu einer Einsicht bei den Behörden geführt . Die städtische Projektentwicklungsgesellschaft IBA, die mit der Umsetzung des Spreehafenviertels betraut ist, musste ihr Baukonzept um die Suche nach geeigneten Ausgleichsflächen erweitern. Auch von der Politik bekamen die Waldretter*innen mehr und mehr Rückenwind. Nicht nur die Linke stellte sich hinter ihre Forderung, sondern auch die Grünen – nachdem die Regierungspartei das Wohnungsbauprojekt zuvor lange mitgetragen hatte, schwenkte sie gegen Ende der letzten Legislaturperiode um. In ihrem Regierungsprogramm Gute Gründe für Grün , das die Partei vergangenes Jahr im Vorfeld der Bürgerschaftswahl veröffentlichte, sprach sie sich explizit für den "vollständigen Erhalt des Pionierwaldes in Wilhelmsburg" aus. "Das hätten wir kaum zu hoffen gewagt", sagt Aktivistin Clausen. Umso größer war die Enttäuschung, als der neue Koalitionsvertrag zwischen SPD und Grünen vorgestellt wurde. Darin kommt das Wort Wald kein einziges Mal vor – stattdessen steht dort, die Bebauungspläne sollten "zügig vorangetrieben" werden. Es solle lediglich geprüft werden, "wie bei der Umsetzung möglichst viele Bäume erhalten bleiben können."