Zeit 21.01.2026
20:05 Uhr

Autonomes Fahren: Wenn das Auto fahren kann, aber nicht darf


Teslas Fahrassistent ist in den USA erlaubt, Mercedes verkauft seinen in China. In Deutschland bleibt es beim Test. Warum ist eine Zulassung hier so schwer?

Autonomes Fahren: Wenn das Auto fahren kann, aber nicht darf
Bitte, bitte, Sie können gerne abbiegen! Der Mann im weißen Transporter macht eine klare Geste mit dem Arm. Der Tesla steht in einer Seitenstraße, er hat keine Vorfahrt. Doch als der Lieferfahrer ihn höflich reinwinkt, rollt das Elektroauto los. Umsichtig, irgendwie menschlich, wie ein souveräner Chauffeur. Die Passagiere im Tesla sind beeindruckt. Und doch ist das nur eine Momentaufnahme. Minuten zuvor hatte derselbe Tesla einen unakzeptablen Fehler gemacht: Obwohl die Verkehrszeichenerkennung eine Spielstraße in einem Hamburger Wohngebiet korrekt identifiziert hat, beschleunigte er auf 13 km/h, statt die erlaubte Schrittgeschwindigkeit einzuhalten. Am Steuer des Teslas sitzt zwar ein Sicherheitsfahrer, der notfalls eingreift. Die Entscheidungen hat aber das Auto getroffen. Genau genommen hat es das sogenannte Full Self-Driving (FSD) Supervised, das KI-gestützte Fahrautomatisierungssystem von Tesla, entschieden. Hier in Hamburg und in neun weiteren Städten können Neugierige das FSD ausprobieren . Sie wählen das Ziel aus, und das Elektroauto fährt die Strecke von selbst. Das zumindest ist der Anschein. Denn trotz des Namens: FSD ist nicht autonom. Es assistiert lediglich, und es muss permanent überwacht werden. Eine gesetzliche Zulassung für den allgemeinen Straßenverkehr gibt es nicht – noch nicht. Warum eigentlich? Die künstliche Intelligenz ahmt nach Sowohl die Deutung der Armgeste als auch der Fehler in der Spielstraße wurden von der künstlichen Intelligenz in Echtzeit verarbeitet, mithilfe sogenannter neuronaler Netzwerke. Diese Systeme lernen aus Millionen von Realdaten, die andere Teslas über die je acht Kameras eingelesen haben: "Diese beiden Situationen zeigen, wie genial und zugleich problematisch das System arbeitet", erklärt Zamina Ahmad. Die Beraterin für faire und sichere KI betont, dass die Software den Menschen möglichst gut nachahmen möchte – und hierbei kann es auch Schwächen wie die Neigung zur Geschwindigkeitsübertretung übernehmen. "Bisherige Assistenzsysteme im Auto folgen eindeutigen Regeln", sagt Ahmad. Ein Radar zum Beispiel misst den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und regelt die Distanz auf Basis von festgelegten Werten. Der Pkw bremst, oder er beschleunigt. Die KI dagegen könne "Ereignisse vorwegnehmen, also anhand von Bewegungsmustern, Blickrichtung und Körpersprache zum Beispiel erkennen, dass ein Mensch gleich die Straße überqueren wird." Was dem Tesla mutmaßlich fehlt, sind Ergänzungen, die in der KI guardrails genannt werden: Leitplanken. Das könnte zum Beispiel die Vorgabe sein, Tempolimits grundsätzlich zu befolgen. Mercedes kann es auch In der Fanbase von Tesla sorgt Full Self-Driving (Supervised) trotzdem für Begeisterung. Auf YouTube kursieren zahlreiche Videos aus den USA, in denen das System scheinbar mühelos den Verkehr meistert. Sie werden gefeiert, gelikt, geteilt. Tesla hatte FSD Supervised in den USA ab 2020 erst ausgewählten Nutzern zur Verfügung gestellt. Inzwischen ist es für alle erlaubt und kostet 99 Dollar im Monat. Immer wieder taucht unter den Tesla-Fans ein Verdacht auf: Die europäischen Behörden, so die Vermutung, würden FSD nicht zulassen, um die heimische Autoindustrie zu schützen, die dazu nicht in Lage wäre. Das ist beides falsch. Denn Mercedes verkauft jetzt schon in China eine CLA-Limousine, deren Assistenzsysteme nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Dort ist das genehmigt. Für 2026 strebt Mercedes die Zulassung in den USA und perspektivisch in der Europäischen Union an. Anders als Tesla setzt die Marke mit dem Stern allerdings nicht ausschließlich auf Kameras; vielmehr kommen zusätzlich fünf Radare und zwölf Ultraschallsensoren zum Einsatz. Bei der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) 2025 in München konnten Interessierte mit dem CLA an ähnlichen Testfahrten teilnehmen, wie sie auch Tesla anbietet. Zuletzt hatte Mercedes die Zusammenarbeit mit Nvidia bekannt gemacht: Der Drive Assist Pro, so heißt das Gegenstück zu FSD, kann gleichfalls die Start-Ziel-Führung übernehmen. Dieses System ist kooperativ; der Mensch am Steuer kann unter anderem Lenkbefehle korrigieren, ohne dass es wie bei Tesla sofort abschaltet.