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16.12.2025
07:58 Uhr
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Wer Geld vom Amt braucht, muss durch komplexe Anträge und vielen Kontrollen. Das kostet und frisst Zeit. Geht das auch einfacher? Ja, glauben drei Ökonomen.

Grundsicherung – so einfach wie das Kindergeld: Das Finanzamt prüft automatisch, wer bedürftig ist und wer zum Beispiel einen Kinderzuschlag, aufstockende Grundsicherung oder auch Wohngeld bekommen muss – und die Leistungen wird automatisch aufs Konto überwiesen. Klingt utopisch? Und es ist zugegebenermaßen schwer vorstellbar, dass der deutsche Sozialstaat sich von seiner heutigen Form mit überkomplexen Anträgen, Doppelprüfungen und vielen Kontrollen zu einem automatischen, über die Steuern abgewickelten System der Sozialleistungen entwickeln könnte. Doch drei Ökonomen und Sozialpolitikforscher halten genau das für möglich. Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der frühere Grünen-Abgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn und Michael Opielka vom Institut für Sozialökologie (ISÖ) wollen mit diesem neuen Vorschlag die Diskussion über die Leistungsfähigkeit des deutschen Sozialstaats aufmischen. Die Idee ist erst einmal einfach: Statt dass Menschen mit schmalem Einkommen mehrere Behörden aufsuchen, Formulare ausfüllen, Nachweise sammeln und sich durch widersprüchliche Regeln kämpfen, wird der Anspruch dort geprüft, wo die meisten Daten ohnehin zusammenlaufen: beim Finanzamt. "Das kennt doch sowieso schon unsere Einkommen weitgehend, und sogar intime Details über unsere Lebens- und Familienverhältnisse", sagt der DIW-Ökonom Bach. Die Forscher wollen darauf aufbauen und schlagen ein sogenanntes "integriertes Steuer-Transfer-System (ISTS)" vor, so der zugegeben etwas sperrige Name dieses Konzepts: Wer Kinder hat, wenig verdient und Anspruch auf Zuschläge oder Wohngeld hätte, würde diese künftig über das ISTS automatisch erhalten. "Das würde zu viel weniger verdeckter und versteckter Armut führen", sagt Bach. Nicht etwa, weil Menschen mehr Anspruch auf Sozialleistungen hätten. Sondern: "Vor allem für Erwerbstätige ist das System schwer zu durchschauen, weil es für sie mit Bürgergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag gleich mehrere Leistungen gibt, die sich aber teilweise gegenseitig ausschließen. Sie verzichten deshalb häufig aus Unwissenheit oder weil es schlicht zu aufwendig ist", sagt Strengmann-Kuhn. Politisch dürfte es aber schwer sein, den Vorschlag durchzusetzen. Denn vor allem konservative und liberale Kräfte würden darin kein Problem sehen, gibt der Soziologe Michael Opielka zu bedenken, der auch an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena lehrte. Dennoch könnte auch die Union dem Vorschlag etwas abgewinnen. "Das Modell schafft mehr Fairness, weil die Regeln endlich aus einem Guss wären, die Grenzbelastung sinkt und sich zusätzliche Arbeit immer lohnt." Nicht mehr das Amt bittet, sondern zahlt automatisch Heute führt das Nebeneinander vieler Zuständigkeiten zu absurden Ergebnissen. Oft prüft eine Stelle das Einkommen, eine zweite macht es noch einmal, eine dritte fragt dieselben Unterlagen an – alle nach eigenen Regeln mit eigenen Einkommensgrenzen. Und laufend plagen sich Bürger und Verwaltungen mit Medienbrüchen herum: Der eine druckt aus und schickt es mit der Briefpost, der andere scannt wieder ein. Das ist nicht nur ineffizient, sondern kann auch dazu führen, dass sich Mehrarbeit häufig kaum lohnt. In der Studie ist von "Abrisskanten" die Rede: Weil jede Leistung einzeln auf das Einkommen reagiert, summieren sich bei Mehrarbeit oft Wohngeldkürzungen, der Verlust des Kinderzuschlags und höhere Gebühren, plus Sozialbeiträge und Lohnsteuer, sodass am Ende nichts oder kaum etwas übrig bleibt. Der Vorschlag der drei Forscher würde das glätten, mit einem einheitlichen Verlauf der Unterstützung, sodass pro zusätzlich verdientem Euro ein fester, nachvollziehbarer Anteil der Zahlung sinkt – aber eben nicht sprunghaft. "Die Logik unseres Modells lautet: Verdient jemand mehr, dann sinken die Zahlungen nicht abrupt, sondern nach einer einheitlichen, gut nachvollziehbaren Kurve", sagt DIW-Ökonom Bach. "So gibt es keine Abrisskante mehr, an denen ein zusätzlicher Euro Lohn gleich wieder weg ist." Genau diese Glättung stärkt die Anreize, mehr Stunden zu arbeiten oder überhaupt in den Job zurückzukehren, was besonders für Alleinerziehende und Zweitverdienende wichtig ist.