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03.12.2025
08:14 Uhr
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Es arbeitet nach dem "Hit to Kill"-Prinzip und soll auch Europa schützen: Mit dem Raketenabwehrsystem Arrow aus Israel will Deutschland Verteidigungslücken schließen.

Bis zu 2.400 Kilometer weit und 100 Kilometer hoch: Mit dem israelisch-amerikanischen Raketenabwehrsystem Arrow verfügt die Bundeswehr bald erstmals über die Fähigkeit zur Frühwarnung und zur Bekämpfung von ballistischen Flugkörpern außerhalb der Erdatmosphäre. Am Mittwoch erfolgt der erste Schritt für die Inbetriebnahme auf dem Fliegerhorst Holzdorf in Schönewalde. Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Arrow Was kann Arrow? Das System ist für die Abwehr von Langstreckenraketen konzipiert und gilt als leistungsfähig genug, um auch benachbarten EU-Ländern Schutz zu gewähren. Es kann ballistische Raketen, die aus einer Entfernung von bis zu 2.400 Kilometern abgefeuert wurden, oberhalb der Atmosphäre in einer Höhe von 100 Kilometer abfangen. Das System besteht aus einem Führungsgefechtsstand, Radargeräten, Startgeräten und Lenkflugkörpern vom Typ Arrow 3. Die Arrow-Raketen haben eine deutlich höhere Reichweite als das bisher in Deutschland eingesetzte Patriot-Luftabwehrsystem und das System IRIS-T SLM. Arrow wäre somit eine Ergänzung der bestehenden deutschen Raketenabwehr. "Die Bundeswehr schließt mit dem Erwerb eine Fähigkeitslücke", sagt Patrick Keller, Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) der ZEIT. "Arrow-3 ist ein Baustein unserer Verteidigung gegen Raketen, denen aufgrund ihrer Eigenschaften, insbesondere ihrer Flughöhe, durch bestehende deutsche Fähigkeiten wie IRIS-T SLM nur begrenzt begegnet werden kann." Als israelisch-amerikanisches Produkt habe sich Arrow in Israel bereits bewährt, sagt der Sicherheitsexperte. Wie soll Arrow funktionieren? Das Raketenabwehrsystem arbeitet nach dem "Hit to Kill"-Prinzip: "Der Gefechtskopf verfügt nicht über einen herkömmlichen Sprengsatz, sondern ist darauf ausgelegt, durch den bloßen Aufschlag zu wirken", schreibt die Bundeswehr auf ihrer Seite. Demnach wird der zu bekämpfende Gefechtskopf außerhalb der Atmosphäre durch die dabei entstehende kinetische Energie zerstört. So würden Trümmerteile beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre größtenteils verglühen, ohne am Boden Schaden anzurichten. Arrow könnte einen entscheidenden Beitrag zum europäischen Luftverteidigungsprojekt European Sky Shield leisten. Der Initiative zur Stärkung der gemeinsamen Luftverteidigung haben sich bisher laut dem Verteidigungsministerium 23 europäische Staaten angeschlossen. "Während die Entwicklung eines europäischen Systems Jahre gedauert hätte, bietet Arrow eine bereits erprobte und mehrfach im Einsatz bewährte Lösung", schreibt die Bundeswehr. Darüber hinaus trage Arrow zum Schutz kritischer Infrastruktur, dem Bevölkerungsschutz sowie dem Schutz eigener Kräfte bei, heißt es im Rüstungsbericht des Verteidigungsministeriums aus dem vergangenen Jahr. "'Glaubwürdige Abschreckung' heißt das Gebot der Stunde", sagt Patrick Keller von der DGAP mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und "Nadelstichen" Russlands gegen Europa, etwa durch regelmäßige Luftraumverletzungen. Zur Abschreckung gehöre unter anderem eine starke Verteidigung gegen Angriffe ("Deterrence by Denial") – in diese Kategorie falle Arrow 3, sagt der Sicherheitsexperte. Arrow ist in seinen Augen auch eine sinnvolle Investition, "um gegen russische Neuentwicklungen gewappnet zu sein". Seit Jahren arbeitet die Nato daran, die Abwehr ballistischer Raketen auszubauen. Deutschland beherbergt die Nato-Kommandozentrale für dieses Langzeitprojekt auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein. Bisher befindet sich in der Türkei ein US-Radar für die Abwehr solcher Raketen, in Rumänien ein Aegis-Kampfsystem der Vereinigten Staaten. Wann ist Arrow einsatzbereit? Am Mittwoch werden Generalinspekteur Carsten Breuer und der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, auf dem Fliegerhorst Holzdorf am Standort Schönewalde die sogenannte Anfangsbefähigung des neuen Waffensystems erklären. Dies markiert den ersten Schritt für die Inbetriebnahme. Der Fliegerhorst liegt an der Grenze zwischen Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen und ist der erste von drei geplanten Arrow-Standorten in Deutschland. Wer baut das Raketensystem Arrow? Das Arrow-System wird von dem Unternehmen Israeli Aerospace Industries in Zusammenarbeit mit dem US-Flugzeugbauer Boeing entwickelt und hergestellt. Die Hälfte der Komponenten werde in den USA von einem IAI-Tochterunternehmen hergestellt, sagte Moshe Patel, welcher beim israelischen Verteidigungsministerium für Raketenabwehr zuständig ist. Wie kam es zu dem Deal? Die vergangene Bundesregierung hat nach Beginn des Ukraine-Kriegs Verhandlungen mit Israel zum Kauf des Raketenabwehrsystems Arrow aufgenommen. Da Israel das System zusammen mit den USA entwickelt hat, musste die Regierung in Washington, D. C. den Verkauf billigen. Der Regierungskaufvertrag mit Israel wurde laut dem Verteidigungsministerium im November 2023 geschlossen. Was kostet der Rüstungsdeal? Die Kosten für Arrow wurden 2023 auf rund vier Milliarden Euro geschätzt. Diese sollen aus dem Sondervermögen für die Bundeswehr finanziert werden, welches sich insgesamt auf 100 Milliarden Euro beläuft. Welche Reaktionen gab es zu dem Rüstungsgeschäft? Israels Botschafter in Berlin, Ron Prosor, sprach 2023 mit Blick auf die Lieferung des Raketenabwehrsystems von einer neuen Qualität der beiderseitigen Beziehungen. "Dies ist ein historischer Tag, der die Zeitenwende in den Beziehungen zwischen Israel und Deutschland markiert", teilte Prosor damals mit. "Zum ersten Mal wird ein israelisches System den Himmel über Deutschland und ganz Europa schützen." Verteidigungsminister Boris Pistorius bezeichnete das Beschaffungsvorhaben als essenziell, um Deutschland künftig vor ballistischen Raketenangriffen schützen zu können. "Darüber hinaus liefern wir einen Beitrag im Rahmen des Nato-Bündnisses. Wir möchten das System in die Nato-Luftverteidigung integrieren", sagte der SPD-Politiker. Deutschland unterstütze damit auch die Sicherheit seiner Nachbarländer. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gab allerdings zu bedenken, dass jede Entscheidung für ein nicht-europäisches System negative Auswirkungen auf die europäische Industrie habe und die strategische Souveränität Europas beeinträchtigen könnte. Es gebe in allen Schlüsselsegmenten der Luftverteidigung zahlreiche europäische Lösungen, sagte er. Ähnliche Kritik äußert DGAP-Sicherheitsexperte Patrick Keller. Arrow sei zwar ein "Beitrag zur sicherheitspolitischen Festigung der europäischen Zusammenarbeit". Perspektivisch wäre es aber wünschenswert, "dass solche militärischen Fähigkeiten von deutschen und europäischen Unternehmen selbst entwickelt, hergestellt und beschafft werden können". Die Wissenschaftlerin Lydia Wachs schrieb 2023 in einer Analyse für die Stiftung Wissenschaft und Politik, die Beschaffung von Arrow entspreche keinem der Fähigkeitsziele, die im Rahmen des Nato-Verteidigungsplanungsprozesses für alle Verbündeten festgelegt worden seien. Das einzige russische System, das einer ballistischen Mittelstreckenrakete gleiche, sei die Kinschal-Rakete. In der Ukraine habe sich allerdings erwiesen, dass diese auch mit bereits vorhandenen Patriot-Abwehrsystemen abgefangen werden könne. Welches Raketenabwehrsystem nutzt die Bundeswehr bislang? Das Flugabwehrsystem IRIS-T SLM gilt laut der Bundeswehr als das modernste Flugabwehrraketensystem. Es kann demnach Flugzeuge, Hubschrauber, Marschflugkörper und Lenkwaffen in einer Entfernung von bis zu 40 Kilometern bekämpfen. Daneben verfügt die Bundeswehr über insgesamt zwölf Patriot-Abwehrsysteme aus US-amerikanischer Produktion. Laut den Daten der Truppe kann ein System bis zu fünf Ziele gleichzeitig bekämpfen, die Raketen reichen knapp 70 Kilometer weit. Erkennt das Radar ein Flugobjekt, können Soldaten einen Lenkflugkörper darauf abfeuern, um dieses noch in der Luft zu zerstören. Allerdings befinden sich nicht alle zwölf Patriot-Systeme in Deutschland, mehrere wurden in den östlichen Bereich der Nato verlegt. Ein durchgehender Schutzschirm wäre somit unmöglich. Zudem gilt das erstmals in den Siebzigerjahren entwickelte Luftverteidigungssystem als veraltet. In den vergangenen Jahren gab es deshalb bereits Überlegungen, stattdessen Meads oder das darauf basierende Taktische Luftverteidigungssystem in Auftrag zu geben. Aus Kostengründen entschied sich die Bundesregierung stattdessen für eine Modernisierung von Patriot und bestellte 2022 neue Abwehrraketen für 400 Millionen US-Dollar. Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, AFP und Reuters