Zeit 16.12.2025
09:39 Uhr

Antislawismus: Menschen aus Osteuropa erleben in Jobcentern häufig Diskriminierung


Ukrainischen Geflüchteten wird einer Studie zufolge in Jobcentern Sozialtourismus unterstellt. Die Folge: Sie werden vorschnell in Niedriglohnjobs gedrängt.

Antislawismus: Menschen aus Osteuropa erleben in Jobcentern häufig Diskriminierung
Menschen aus Osteuropa erleben in Jobcentern häufig Diskriminierung und stoßen in Deutschland nach wie vor auf erhebliche Hürden beim Zugang zu Arbeit und Sozialleistungen. Das zeigt eine von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) geförderte qualitative Studie, die der ZEIT exklusiv vorliegt. Menschen aus dem östlichen Europa werden in Jobcentern demnach häufiger misstrauisch geprüft, ihre Ansprüche enger ausgelegt und ihre Qualifikationen systematisch unterschätzt. Die Benachteiligungen entstehen der Studie zufolge einerseits durch individuelle Ermessensspielräume von Mitarbeitenden in Jobcentern. Andererseits sind sie das Ergebnis struktureller und institutioneller Diskriminierungen gegenüber Menschen aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa. "Das Thema Antislawismus wurde lange übersehen", sagt Ferda Ataman, unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung. Ein Grund dafür sei die Vorstellung, dass Rassismus Menschen mit blonden Haaren und blauen Augen nicht treffen könne. Doch auch Menschen mit osteuropäischer Migrationsgeschichte würden rassistische Zuschreibungen erleben. Ukrainischen Geflüchteten wird "Sozialtourismus" unterstellt Besonders sichtbar werde dies am Beispiel der Geflüchteten aus der Ukraine . Seit dem 24. Februar 2022 haben etwa eine Million Menschen aus der Ukraine in Deutschland Schutz gefunden. In mehreren Jobcentern sei ukrainischen Geflüchteten von Mitarbeitenden unterstellt worden, "Sozialtourismus" zu betreiben . "Solche Ressentiments können dazu führen, dass Menschen aus der Ukraine vorschnell in Niedriglohnjobs gedrängt werden, weil die schnelle Arbeitsvermittlung einer qualifizierten Arbeitsaufnahme vorgezogen wird", sagt Ferda Ataman. Das habe zum Beispiel zur Folge, dass einem ukrainischen Facharzt ein Reinigungsjob vermittelt werde. Menschen aus dem östlichen Europa werden laut Ataman zudem besonders oft in prekäre Beschäftigung gedrängt – nicht, weil es ihnen an Motivation fehlt, sondern weil rechtliche und politische Rahmenbedingungen ihnen keine Alternative lassen. Das schade nicht nur den Menschen, sondern auch der Wirtschaft, sagt Ataman. Ein weiteres Problem, das die Studie aufzeigt, ist: Ukrainer stoßen wie auch andere Leistungsbeziehende mit Migrationsbiografie auf erhebliche Zugangsbarrieren zum Arbeitsmarkt . Dazu gehörten vor allem die langwierige und ineffiziente Anerkennung von beruflichen Abschlüssen, aber auch der befristete Aufenthaltsstatus , schreibt Aleksandra Lewicki, Soziologin und Leiterin des Sussex European Institute und Co-Autorin der Studie. Zudem gebe es die Erwartungshaltung, dass gut ausgebildete Ukrainerinnen und Ukrainer sich mit einem Job weit unter ihrem Qualifizierungsniveau zufriedengeben würden. Dass qualifizierte Fachkräfte in Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor gelenkt würden, trage zur Prekarisierung ukrainischer Geflüchteter bei. Stark von rassistischer Diskriminierung betroffen seien außerdem Sinti und Roma aus Osteuropa. Je mehr beispielsweise bulgarischen und rumänischen Staatsbürgern das Stereotyp der sozial abgehängten und mit Roma assozierten ‚Armutsmigranten‘ zugeschrieben werde, desto stärker würden diese abgewertet. Denn Sinti und Roma werde oft unterstellt, sie seien ‚ärmlich‘, ‚ungebildet‘, ‚faul‘, ‚arbeitsunwillig‘ oder ‚kriminell‘ veranlagt. "Strukturelle Hürden verhindern den Arbeitsmarkterfolg" Lewicki und ihre Kolleginnen und Kollegen Jure Leko, Aleksandra Lewicki, Jannis Panagiotidis und Hans-Christian Petersen kommen daher zu dem Schluss, dass Jobcenter nicht nur neutrale Verwaltungsstellen sind, sondern zentrale Schnittstellen, an denen sich gesellschaftliche Machtverhältnisse verdichten. "Nicht mangelnde Motivation oder Leistungsbereitschaft verhindern den Arbeitsmarkterfolg, sondern strukturelle Hürden: langwierige Anerkennungsverfahren, fehlende Sprachkurse, unzureichende Kinderbetreuung und eine Verwaltungspraxis, die auf schnelle Aktivierung statt auf nachhaltige Integration setzt", schreiben die Autoren in der Studie. Als Konsequenz formulieren die Forschenden mehrere politische Handlungsempfehlungen, etwa die nachhaltige Finanzierung von Integrationskursen, abgesicherte Bleibeperspektiven für ukrainische Geflüchtete, den Ausbau antirassistischer Schulungen in Jobcentern sowie die langfristige Förderung zivilgesellschaftlicher Beratungsstrukturen. Die Autorinnen betonen, dass Untätigkeit nicht nur gesellschaftlich, sondern auch ökonomisch teuer sei, insbesondere angesichts des Fachkräftemangels. Methodisch basiert die von der ADS geförderte Studie auf 82 qualitativen Interviews mit Mitarbeitenden aus 22 Jobcentern sowie Menschen aus Osteuropa, darunter Zugewanderte aus der EU und ukrainische Geflüchtete. Ausgewertet wurden die Interviews mittels qualitativer Inhaltsanalyse, differenziert nach struktureller, institutioneller, individueller und intersektionaler Diskriminierung. Rassismus gegen Menschen aus Osteuropa besteht seit Jahrhunderten Stereotype über osteuropäische "Armutsmigration" reichen historisch so weit zurück, wie die Migration selbst. Schon im 19. Jahrhundert wurden Arbeitskräfte aus Polen unter prekären Bedingungen zur Erntehilfe und Kohlegewinnung in Deutschland eingesetzt. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft erreichten Ausbeutung und Zwangsarbeit neue Dimensionen. Millionen Menschen wurden aus Polen, Russland, der Ukraine und Belarus ins Deutsche Reich verschleppt und zur Arbeit auf Bauernhöfen, in Haushalten oder Fabriken gezwungen. In der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus galten sie als "slawische Untermenschen". Gesellschaftlich verbreitete Vorstellungen von "Osteuropa" als zivilisatorisch rückständig, traditionell und ärmlich gingen damit einher, dass seinen Bewohnern zugeschrieben wurde, sie seien besonders für manuelle oder körperliche Tätigkeiten geeignet. Diese Vorstellungen wirkten weit über den Nationalsozialismus hinaus, teilweise bis heute. Im Kalten Krieg war die formelle Migration stark eingeschränkt, informelle Arbeitsmigration existierte jedoch weiter. In den 1980er- und 1990er-Jahren gab es rechtlich gesteuerte Einwanderungsrouten für sogenannte Spätaussiedler aus ostmittel- und südosteuropäischen Staaten und aus dem zerfallenden Sowjetimperium. Aus der ehemaligen Sowjetunion kamen ab den 1990er-Jahren außerdem jüdische, sogenannte Kontingentflüchtlinge. Die Arbeitsmigration aus dem östlichen Europa wurde im Kontext der drei Erweiterungen der Europäischen Union in den Jahren 2004, 2007 und 2013 rechtlich eingebettet. Seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine 2022 wird zudem die Fluchtmigration aus der Ukraine in ihren arbeitsrechtlichen und sozialpolitischen Konsequenzen diskutiert. Heute sind Menschen aus Osteuropa die größte Gruppe mit Migrationsbiografie in Deutschland.