|
23.12.2025
15:32 Uhr
|
Anne Bouverot ist oberste KI-Beraterin von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Sie sagt: Europa braucht nicht in erster Linie große Firmen. Sondern Pionierforschung.

Die ehemalige Topmanagerin Anne Bouverot berät den französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu künstlicher Intelligenz (KI). Sie ist Mitinitiatorin eines offenen Briefs, der mehr KI-Grundlagenforschung in Europa propagiert . DIE ZEIT: Madame Bouverot, beginnen wir mit einer grundsätzlichen Frage. Sie setzen sich dafür ein, dass Europa im Rennen um künstliche Intelligenz zu China und den USA aufholt. Müssen wir das denn unbedingt? Anne Bouverot: Ja. Denn es geht hier nicht um das Rennen an sich. Bei künstlicher Intelligenz handelt es sich um eine transformative Technologie, sowohl aus ökonomischer als auch aus gesellschaftlicher Perspektive. Wenn wir nur auf chinesische oder US-amerikanische Technologien setzen, werden wir ein Kontinent der Konsumenten sein. Wir brauchen eigene Wirtschaftszweige, eigene Unternehmen. Sonst werden wir es mit Chatbots zu tun haben, die ihre Vision der Welt propagieren. ZEIT: Was meinen Sie damit? Die Computerwissenschaftlerin wurde bereits 1991 mit einer Arbeit über künstliche Intelligenz promoviert. Sie hat lange in der Telekommunikationsbranche gearbeitet, war unter anderem CEO der Mobilfunkorganisation GSMA. Seit 2024 ist sie KI-Sonderbeauftragte des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. In dieser Funktion organisierte sie unter anderem den AI Action Summit in Paris im Februar 2025. Bouverot: Stellen Sie einem chinesischen KI-Modell eine politische Frage oder selbst einem US-amerikanischen Modell, entsprechen die Antworten oft nicht der europäischen Denkweise. KI-Chatbots sind konzentrierte Ausdrucksformen von Kulturen. ZEIT: Ihre Sorge ist, dass wir genauso abhängig von den USA im Bereich KI werden, wie es aktuell bei Betriebssystemen, Suchmaschinen oder sozialen Medien der Fall ist? Bouverot: Durchaus. Wenn wir nichts tun, wird künstliche Intelligenz zu einer großen Machtkonzentration führen. Wir dachten bei sozialen Medien zuerst: Ach, ist das nett, ist das niedlich, das wird nicht wirklich wichtig werden. Aber sie haben einen großen Einfluss darauf, wie wir miteinander interagieren. Und sogar auf unsere Wahlen. ZEIT: Und was bedeutet das jetzt für KI? Was müssen wir anders machen? Bouverot: Europa muss seine Position gegenüber den USA überdenken. Wir brauchen mehr digitale Unabhängigkeit. Dieser Eindruck wird seit der Münchner Sicherheitskonferenz ... ZEIT: ... auf der US-Vizepräsident JD Vance Europa einen Demokratieverlust vorwarf ... Bouverot: ... gefühlt jede Woche stärker. Unglücklicherweise. Oder vielleicht auch glücklicherweise. Denn es ist ein Weckruf für Europa, endlich etwas zu tun. ZEIT: Kann Europa im KI-Rennen denn überhaupt noch aufholen? Bouverot: Das glaube ich ganz fest. Die USA haben im Januar 500 Milliarden US-Dollar für ihre KI-Offensive namens Stargate angekündigt. Das Geld soll in Infrastruktur in den USA fließen. Das war eine klare Botschaft. Nur wenige Tage später wurde DeepSeek vorgestellt, das chinesische KI-Modell, das für nur sechs Millionen US-Dollar entwickelt wurde, also für einen Bruchteil des Geldes, das in Modelle wie GPT und andere geflossen ist. Das zeigt, dass das Rennen nicht vorbei ist. ZEIT: Was ist für die Aufholjagd nötig? Bouverot: In Europa leben viele Talente. In Deutschland, Frankreich und anderen Ländern bilden wir Ingenieure aus, Mathematikerinnen, Computerwissenschaftler. Wir haben auch die Rechenkapazität, die es braucht, um Basismodelle für künstliche Intelligenz zu trainieren. Nicht die größten Kapazitäten der Welt, aber beachtliche. Den Supercomputer Jupiter in Deutschland zum Beispiel. Wir planen Gigafactories, also gigantische KI-Rechenzentren. Und wir sitzen auf Daten, die nicht für alle Welt verfügbar sind. Daten aus Krankenhäusern, Unternehmen, Industrien. Diese Daten sind sehr wertvoll. All diese Faktoren, kombiniert mit Agilität und Dringlichkeit, können uns einen Platz weit vorn im KI-Rennen sichern. ZEIT: Mehr Ressourcen für KI-Pionierforschung aus Europa – das fordern führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Yoshua Bengio oder Yann LeCun in einem offenen Brief, den Sie mitinitiiert haben . Was wollen Sie erreichen? Bouverot: Wenn wir aufholen wollen, dürfen wir nicht genau das Gleiche machen wie die USA und China. Die beiden Länder sind vorangegangen bei der Entwicklung von Sprachmodellen, sie haben in diesem Bereich nahezu uneinholbar großen Vorsprung. Wir müssen andere Bereiche erforschen. ZEIT: Also weder die USA noch China kopieren? Bouverot: Ganz genau. Wir müssen darüber hinausgehen. Bisher ist es ja so: Die Architektur von künstlicher Intelligenz besteht aus Transformermodellen ... ZEIT: ... also Modellen, die auf künstlichen neuronalen Netzwerken basieren und gewissermaßen selbst lernen. In der heutigen Form machte das erst die 2017 entwickelte Transformer-Architektur möglich. Bouverot: Die werden mit Texten gefüttert und verbessern sich selbst. Aber es gibt ja nicht nur Sprache. Man könnte auch darüber nachdenken, wie man mit KI Stimmen erzeugt, wie man sie in der Robotik einsetzt. Und es lohnt sich auch, über neue Architekturen nachzudenken. ZEIT: In der Forschung hat Europa doch schon einen guten Ruf. Was fehlt, sind große Unternehmen. Muss man nicht eher überlegen, wie man die Forschung in Geschäftsmodelle übersetzt? Bouverot: Auf der Start-up-Ebene sehen wir erste Erfolge. Wir haben KI-Unternehmen wie Mistral in Frankreich oder Black Forest Labs in Deutschland. Aber wenn wir wirklich unsere eigenen großen Firmen aufbauen wollen, brauchen wir mehr Forschungskapazitäten. Wir müssen noch weiter in die Zukunft denken. Das Ziel des offenen Briefs ist es, mehr Ressourcen für die Forschung zu bekommen. Wir können nicht alles auf einmal machen.