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30.11.2025
12:29 Uhr
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Anna Prizkau hat einen Debütroman mit dem Titel "Frauen im Sanatorium" geschrieben. Dafür ließ sie sich selbst in eine Klinik einweisen. Begegnung mit einer Ruhelosen

Eigentlich wollten wir in den Zoo, um Flamingos zu sehen. Schließlich besucht die Protagonistin in Anna Prizkaus Roman Frauen im Sanatorium regelmäßig einen Flamingo, um ihm ihre Familiengeschichte zu erzählen: von den Affären des Vaters, der Krankheit der Mutter, der eigenen Unfähigkeit zum Glück. Ein Flamingo ziert auch das Buchcover, das auf TikTok oft gelobt wird, was Prizkau fast zu stören scheint. Denn sie will Inhalt statt Oberfläche, Tiefe statt Small Talk. Deswegen reden wir, während wir an diesem Montagmorgen im Oktober durch den Berliner Zoo gehen, auch direkt über den Nahen Osten. Erst am Vortag ist Prizkau aus Tel Aviv zurückgekommen. Die Kleidung, die sie trägt, ist noch feucht vom Waschen nach der Reise. Sie hat dort Freunde besucht und war am Strand. Ständig habe jemand dabei die Bombenwarnungen auf dem Handy geprüft. Während sie das erzählt, sucht sie in ihrem Portemonnaie nach Kleingeld für Futter im Streichelzoo und wühlt durch Euros, Schekel und Münzen der ukrainischen Währung Hrywnja. Gleich, so versichert sie, könnten wir intellektuelle Sachen besprechen. "Literatur und so, versprochen!" Anna Prizkau springt zwischen den Welten hin und her. Da sind der Journalismus und die Literatur, für die sie nach zwölf Jahren im Feuilleton der FAS ihre Stelle gekündigt hat. Da sind die Orte, die sie prägen: Russland, wo sie 1986 geboren wurde. Deutschland, wohin sie mit ihrer Familie 1994 zog. Die Ukraine und Israel, wo sie Freunde hat. Für die FAS berichtete sie regelmäßig aus der Ukraine. Den Begriff "Kriegsreporterin" mag sie sich dennoch nicht anmaßen. Genauso wenig wie das Leid, das dieser Krieg auslöst: "Es ist nicht mein Schmerz, sondern jener der Menschen, die dort leben und um deren Land es geht." Es sei eine Frage der Haltung, des Respekts. Mitgefühl ist, das stellt Anna Prizkau hier klar, nicht das Gleiche wie Erlebtes. Sie zitiert Vitali Klitschko, den Bürgermeister von Kyjiw, der einmal zu ihr gesagt habe: "Wenn du beide Arme hast und beide Beine, dann geht es dir gut." Daran hält sie sich. Als sie im Streichelzoo versucht, eine Ziege anzulocken, spricht sie Russisch, die Sprache ihrer Eltern. Der Migrationshintergrund ist in ihrem Roman, ganz im Wortsinne, ein Hintergrund, vor dem sich ihre Figuren bewegen. Im Zentrum stehen drei Frauen in einer psychiatrischen Klinik: Elif, Marija und die Erzählerin Anna. Tatsächlich, sagt Anna Prizkau, sei sie so einfallslos gewesen und habe der Erzählerin einfach ihren eigenen Vornamen gegeben. Die Anna im Roman kommt mit sieben Jahren nach Deutschland, sie wiederholt die erste Klasse und wird flüssiger in der neuen Sprache als die Eltern. Bis dahin gleicht ihre Geschichte jener der realen Anna Prizkau. So fließen Erlebtes und Erfundenes in der Geschichte ineinander, bis sie nicht mehr auseinandergehalten werden können. Viele Details belässt Prizkau auch bewusst uneindeutig. Die Diagnosen der Figuren zum Beispiel werden nicht genannt. Statt sie als Kranke zu zeichnen, zeigt Prizkau ihre Figuren in präziser Sprache als ernst zu nehmende und komplexe Individuen. Sie benennt nicht die Länder, aus denen sie nach Deutschland gekommen sind. Im Gespräch erklärt sie: "Am Ende ist es egal, wo wir herkommen, wir sind trotzdem alle krank." Auch der Bezug zur Klinik als Schauplatz, die sie im Buch "Sanatorium" und im Gespräch meist "Einrichtung" nennt, ist biografisch geprägt. Ihre Mutter sei oft krank gewesen, habe sich aber immer wieder helfen lassen. Sie sei damit groß geworden, sie bei ihren Aufenthalten zu besuchen. Das habe ihre Faszination für diese Orte geweckt. In einer der Einrichtungen, sagt sie, hätten tatsächlich Flamingos in einem Teich im Garten gestanden. Genau wie in ihrem Buch. "So gut war meine Fantasie nicht." Sie lacht. Bei unserem Spaziergang durch den Berliner Zoo finden wir die Flamingos nicht, die Prizkau beim Schreiben studiert hat. Nach eineinhalb Stunden geben wir auf, rufen ein Taxi und fahren, auf Prizkaus Vorschlag, zur Paris Bar in der Kantstraße. Im Taxi setzt Prizkau ihre große Gucci-Sonnenbrille ab, die sie gerade erst aufgesetzt hat, und sagt: "Die habe ich gekauft, als ich beim Bachmann-Preis verloren habe." 2021 nahm sie dort teil und ging leer aus. Die Geschichte, die sie las, wurde jedoch später der Anfang ihres Romans. Wieder einer dieser Brüche, die Anna Prizkau als Person vereint. So lebt und arbeitet sie in einer Einzimmerwohnung in Berlin-Mitte, gönnt sich jedoch Kleider von Luxuslabels. Sie raucht Kette und trainiert regelmäßig im Fitnessstudio. Sie geht genauso gerne in die Berliner Gemäldegalerie wie ins Kino, um sich Blockbusterfilme wie Superman anzusehen. Letzteres allein, denn ihre Freunde ließen sich "nicht unter ihrem Niveau unterhalten". In der Paris Bar bestellt Prizkau für uns zwei Gläser Champagner, acht Austern und Pommes. Dazu sprechen wir über die Liebe. In ihrem Roman verlieben sich die Frauen und leiden daran. Für sie ist die Liebe genauso zerstörerisch wie notwendig. Die Erzählerin Anna zum Beispiel geht eine Beziehung zu ihrem Mitpatienten David ein, um sich in der abgeschlossenen Klinikwelt ein Stück Normalität zu schaffen, und scheitert. "Liebe ist das Schlimmste auf der Welt", sagt Anna Prizkau. Weil niemand fehlerlos sei, würden wir alle enttäuscht. "Mich interessieren Schmerzerfahrungen, weil ich selbst welche gemacht habe." Für den Roman suchte sie jedoch nach einem größeren als dem eigenen Schmerz. Schließlich, erzählt sie, habe sie den Eindruck, in der Literatur wie in der Politik werde zu oft bei den eigenen Erfahrungen verweilt. "Vielleicht haben die Leute aufgehört, sich für andere zu interessieren." Anna Prizkau mag sich die Erfahrungen von anderen nicht zu eigen machen, will aber genau hinsehen. Das gilt für den Krieg wie für die Kunst. Darum hat sie sich im Jahr 2021, finanziert durch einen mit 10.000 Euro dotierten Literaturpreis der Stadt Hannover, in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen. Nach drei Wochen war ihr Geld aufgebraucht. "Ich weiß, was Depressionen sind, aber ich dachte, dass ich den Alltag da mitmachen muss, wenn ich darüber schreiben will", erklärt sie. Sie legte offen, dass sie Schriftstellerin ist. Ebenso, dass sie von dieser Arbeit "fertig" sei. "Vielleicht sind wir alle auf die eine oder andere Weise krank. Jeder Mensch leidet irgendwie, wirklich jeder", sagt sie und bietet noch mal eine Auster an, als wäre dies kein Gegensatz. Hat sie neben der Recherche aus diesen drei Wochen Klinik etwas mitgenommen? "Ich glaube nicht an Therapie", sagt Prizkau darauf. Auch im Roman kann der Psychiater kaum helfen. Ihre eigene Mutter sei schon lange krank, erzählt Prizkau. Sie habe oft gesehen, dass es ihr nach Aufenthalten in "Einrichtungen" für eine Weile besser ging. "Dann aber immer wieder schlechter." Darum glaube sie selbst bloß noch an Zopiclon, ein Schlafmittel, sagt Prizkau. Das nimmt sie, wenn sie aus der Ukraine zurück nach Berlin kommt. Vor Ort dagegen könne sie immer gut schlafen, behauptet Prizkau. Trotz des Bombenalarms und der russischen Drohnenangriffe. Nun ist der Champagner alle, und Prizkau bestellt zwei Wodka Soda. Die Rechnung für Austern und Getränke wird sie später, statt sie als Spesen der ZEIT zu überlassen, beim Gang zur Toilette selbst bezahlen. Kurz vor Ende des Gesprächs beginnt Anna Prizkau von Sascha zu erzählen. Er ist ein Kommandant der ukrainischen Armee und heißt in Wirklichkeit anders. Prizkau erzählt von ihm, als sei seine Geschichte eigentlich jene, die wir hören sollten, nicht ihre eigene. Auf ihrem Handy zeigt sie Fotos von Sascha, einem großen Mann. "Einen Bär", nennt ihn Prizkau und "einen meiner besten Freunde." Im Verteidigungskrieg gegen Russland habe er bisher erst zweimal wirklich schießen müssen, erzählt sie. Er sei es gewesen, der sie mit zur Front nahm, als sie für das Feuilleton der FAS aus der Ukraine berichtete. Vor zwei Jahren sei er für ein Nato-Training nach Deutschland gekommen und habe an seinem freien Tag den Gerichtshof der Nürnberger Prozesse sehen wollen. Damals sei Sascha noch überzeugt gewesen, dass auch Putin irgendwann vor Gericht stehe. Heute glaube Sascha nicht mehr an einen Prozess gegen Putin, sagt Prizkau. Und sie selbst? "Ich glaube, Putin wird sterben wie Lenin, wie Stalin, wie alle großen russischen Diktatoren: in seinem Bett." Anna Prizkau: Frauen im Sanatorium. Roman; Rowohlt, Hamburg 2025; 304 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €