Zeit 20.01.2026
03:40 Uhr

Andalusien: Was über das Zugunglück in Spanien bekannt ist


Eine sanierte Strecke, ein so gut wie neuer Zug: Noch ist unklar, was zum schweren Zugunglück in Andalusien führte. Die Ermittlungen dauern an. Was wir derzeit wissen.

Andalusien: Was über das Zugunglück in Spanien bekannt ist
In einem der schwersten Zugunglücke Spaniens der letzten Jahre sind mindestens 40 Menschen gestorben. Im spanischen Andalusien kollidierten am Sonntagabend zwei Züge. Wie genau kam es zu dem Unfall? Gibt es Angaben zur Ursache des Unglücks? Was wir wissen Was ist passiert? Am Sonntagabend waren im Süden Spaniens zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidiert . Dabei wurden nach derzeitigen Informationen mindestens 40 Menschen getötet und mehr als 170 verletzt. Laut dem spanischen Verkehrsminister Óscar Puente kann die Zahl der Toten noch steigen. Unter den Getöteten soll auch der Lokführer eines Zuges sein. Nach Angaben der Behörden Andalusiens werden derzeit 41 Menschen im Krankenhaus behandelt, davon zwölf auf der Intensivstation. Die spanischen Behörden teilten mit, dass 43 Vermisstenmeldungen eingegangen seien. Insgesamt befanden sich in den beiden Zügen mehr als 500 Passagiere. Wie kam es zu dem Unglück? Gegen 19.45 Uhr am Sonntagabend entgleisten die hinteren zwei Waggons eines Zuges der Zuggesellschaft Iryo (die zur italienischen Eisenbahngesellschaft Trenitalia gehört). Der Zug war mit einer Geschwindigkeit von rund 210 Kilometern pro Stunde auf dem Weg von Málaga nach Madrid. Die Waggons ragten daraufhin in den gegenüberliegenden Streckenabschnitt hinein, wie eine Rekonstruktion des Unglücks von El País zeigt. Auf dieser Seite kam ungefähr zwanzig Sekunden später ein Zug des spanischen Betreibers Refne mit etwa 205 Kilometern pro Stunde angefahren. Die kurze Zeit reichte nicht, um den Zug durch das automatische Bremssystem zum Stehen zu bringen: Die Spitze des Zuges prallte gegen die entgleisten Waggons, welche daraufhin aus den Schienen geschleudert wurden und eine vier Meter tiefe Böschung hinunterstürzten. Aufgrund des unwegsamen Geländes gestalteten sich die Rettungsarbeiten schwierig, teilte ein örtlicher Feuerwehrleiter mit: "Das Ausmaß der Zerstörung ist groß." Juanma Moreno, Regierungschef der Region Andalusien, sagte, die Waggons seien stark beschädigt und ineinander verkeilt. Gibt es schon Angaben zur Ursache? Die tatsächliche Unfallursache ist noch nicht bekannt. Das Unglück wirft jedoch viele Fragen auf. So lag die Unfallstelle auf einer geraden Strecke, die erst vor acht Monaten für rund 700 Millionen Euro grundsaniert worden war. Zudem war der Iryo-Zug vor gerade einmal vier Tagen gewartet worden und "praktisch neu", wie Verkehrsminister Puente schrieb. Auch wurden keine besonderen Wetterereignisse in der Region gemeldet. Beide Züge fuhren zudem klar unter der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde. Puente sprach dementsprechend von einem "unglaublich seltsamen" Unfall. Wenn der zweite Zug nicht gewesen wäre, hätte es vermutlich keine Toten gegeben, fügte er hinzu. Zur genauen Unfallursache äußerte er sich jedoch nicht. Der Renfe-Präsident Álvaro Fernandez Heredia hingegen schloss menschliches Versagen "quasi aus" und sagte, es müsse sich "um eine Art Fehler im Rollmaterial oder in der Infrastruktur gehandelt haben". Das Intervall von zwanzig Sekunden sei zu kurz gewesen, um das Bremssystem vollständig zu aktivieren. Der Bahn-Experte Joan Carlos Salmerón betonte im spanischen Fernsehen, es könne einen Schaden am Gleis, einen Gegenstand auf den Schienen oder einen Fehler beim Zug selbst gegeben haben. Der Ingenieur Jorge Trigueros sagte zudem, die bisherige Informationslage deute auf einen Ausfall des Fahrwerks am hinteren Teil des Iryo-Zuges hin. Allerdings berichtete die Nachrichtenagentur Reuters auch über einen Brief, den die Lokführergewerkschaft Semaf im letzten August an den staatlichen Eisenbahninfrastrukturverwalter Adif geschickt hatte. Darin warnte die Gewerkschaft vor ernsten Abnutzungserscheinungen an der Unglücksstelle. Schlaglöcher, Unebenheiten und Ungleichgewichte in den Oberleitungen würden häufige Ausfälle verursachen und Züge beschädigen, hieß es darin. Zugleich deuten Posts auf dem X-Account des Unternehmens Adif auf wiederkehrende Probleme mit der Infrastruktur an den Gleisen in Adamuz hin, schrieb Reuters. Wenig später berichtete die Nachrichtenagentur mit Verweis auf eine anonyme Quelle, dass an der Unglücksstelle tatsächlich ein gebrochenes Schienenverbindungsstück gefunden worden sei. Techniker vor Ort hätten Abnutzungen an dem Stück festgestellt, was darauf hindeute, dass der Defekt schon seit einiger Zeit bestanden habe, sagte die Quelle. Es sei daher zu vermuten, dass das gebrochene Verbindungsstück eine wichtige Rolle bei der Ermittlung der wahren Unfallursache spielen werde. Eine offizielle Stellungnahme dazu gibt es bislang nicht. Wie geht es weiter? Die Strecke dürfte noch einige Tage gesperrt bleiben. Da es für die Schnellfahrstrecke jedoch keine Umleitungsmöglichkeiten gibt, ist der gesamte Zugverkehr zwischen Andalusien und Madrid eingestellt worden. Auf den Routen Madrid–Sevilla und Madrid–Málaga wurden zusätzliche Flüge der nationalen Airlines organisiert. Spaniens Premierminister Pedro Sanchez sagte im Anschluss seine Teilnahme am Weltwirtschaftsforum in Davos ab und versprach eine umfängliche und transparente Aufklärung des Unglücks. Er ordnete drei Tage der Staatstrauer an. "Heute ist eine Nacht tiefen Schmerzes für unser Land", schrieb er bei X. Wie groß ist das Ausmaß des Unglücks? Der Unfall ist das schwerste Zugunglück seit über zehn Jahren in Spanien. 2013 waren 80 Menschen im Nordwesten Spaniens gestorben , als ein Schnellzug mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit in einer Kurve entgleiste. Der Lokführer und ein für die Strecke zuständiger Sicherheitschef waren später zu Haftstrafen verurteilt worden . 2006 entgleiste zudem eine Metro in Valencia , als sie doppelt so schnell wie eigentlich erlaubt in eine Kurve fuhr. Dabei starben 42 Menschen, 46 wurden verletzt. Spanien verfügt über das größte Hochgeschwindigkeitsbahnnetz Europas. Spezielle Gleise mit einer Länge von insgesamt mehr als 3.600 Kilometern verbinden große Städte wie Madrid, Barcelona, Sevilla, Valencia und Málaga. Mit Material der Nachrichtenagenturen Reuters und dpa.