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11.01.2026
17:44 Uhr
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Er will mit der SPD in Rheinland-Pfalz die Wahl gewinnen. Hier spricht Ministerpräsident Alexander Schweitzer über bayerische Schmerzrhetorik und sein früheres Idol.

Im März startet das Superwahljahr 2026 . Zu den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz tritt Alexander Schweitzer erstmals als amtierender Ministerpräsident an. Das Amt hat der 52 Jahre alte Sozialdemokrat im Juli 2024 von Malu Dreyer übernommen. Seine Partei liegt in den Umfragen zurück. Dennoch gibt er sich zuversichtlich. Übersehen jedenfalls kann man ihn kaum. Schweitzer, Sohn eines Binnenschiffers, misst 2,06 Meter. DIE ZEIT: Herr Schweitzer, im März wird in ihrem Bundesland gewählt. Rheinland-Pfalz ist eine der letzten Hochburgen Ihrer Partei, der SPD. Wie groß ist gerade die Last, die auf Ihnen liegt? Alexander Schweitzer: Gar nicht groß. Ich bin sehr zuversichtlich und habe eine tiefe innere Ruhe, was Rheinland-Pfalz angeht. ZEIT: Wenn Sie verlieren, was bleibt der SPD dann noch? Schweitzer: Ich habe nicht vor, zu verlieren. Die von mir geführte Landesregierung erfreut sich hoher Anerkennung. Die Zustimmungswerte sind seit meinem Amtsantritt gewachsen. Sie sind höher als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Baden-Württemberg und weit höher als die der Bundesregierung. Wir haben eine starke Bilanz. Es gibt keine Wechselstimmung. ZEIT: Das kann man auch anders sehen. In der aktuellen Umfrage liegen Sie sechs Punkte hinter der Union und nur vier vor der AfD. Reicht es, auf persönliche Popularität zu setzen, um diese Lage noch zu drehen? Schweitzer: Ich glaube, persönliche Popularität ist ein wesentlicher Aspekt. Und die Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer wählen rheinland-pfälzisch. Bei Landtagswahlen haben viele Rheinland-Pfälzer, die sonst nicht immer die SPD wählen, ihr Kreuz bei der SPD gemacht. Damals, weil sie meine Amtsvorgänger Kurt Beck oder Malu Dreyer unterstützen wollten. Und ich wünsche mir natürlich, dass das für mich genau so gilt. Wir haben zwar keinen Rückenwind aus Berlin, aber da bin ich in guter Gesellschaft mit den meisten Konkurrenten in Rheinland-Pfalz. Denen geht es nicht anders. ZEIT: Sie haben mal gesagt, die SPD müsse "mehr mit dem Herzen argumentieren, weniger mit dem Taschenrechner". Was meinen Sie damit? Schweitzer: Wir sind in den letzten Jahren manchmal zu technokratisch geworden. Wir haben uns verliebt in die Verästelungen unserer Lösungsvorschläge. Wir haben dabei vergessen, den Menschen mit Sehnsucht nach einem besseren Leben ein sozialdemokratisches Angebot zu vermitteln. Niemand ist Sozialdemokrat geworden, weil er sich über einzelne Absätze des Einkommensteuerrechts den Kopf zerbrechen will. Wir wollen in einer gerechteren Gesellschaft leben. Dafür muss man streiten, es jeden Tag ausstrahlen. Ich bin der Erste in meiner Familie, der Abitur gemacht hat. Ich will die Durchlässigkeit der Gesellschaft mit einem positiven Leistungsprinzip. Darüber müssen wir sprechen. Das ist mir zuletzt etwas zu kurz gekommen. ZEIT: Sie, aber auch andere Führungsfiguren der SPD, verkörpern durch ihre Biografie ein gelungenes Aufstiegsversprechen. Aber kann man den Leuten als Politiker heute noch reinen Gewissens sagen, dass ihr Leben oder das ihrer Kinder besser wird? Schweitzer: Es stimmt, dass die jungen Menschen gerade die Erfahrung machen: Wir werden bei gleichem Einsatz wie unsere Eltern und Großeltern kaum denselben persönlichen Wohlstand und sozialen Aufstieg erleben. Viele müssen trotz zwei Gehältern kämpfen, um gut durchs Leben zu kommen. Da muss die Politik Sorgen des alltäglichen Lebens ansprechen. ZEIT: Welche Sorgen? Schweitzer: Ich möchte Politik aus der Lebenswirklichkeit der Menschen heraus machen. Ein Ansatz von mir ist: Ich will die komplette Lehrmittelfreiheit einführen, alle Schulbücher und Arbeitshefte für alle Klassen freistellen. Das hat mit Bildungsgerechtigkeit zu tun, aber es entlastet auch die Familie in der Mittelschicht. Viele sagen zu mir: Ich bin kein Bürgergeldempfänger, ich bin aber auch nicht Chefarzt. Ich bin dazwischen, vergesst uns nicht. Diesen Grundanspruch darf die SPD nie verlieren: Wir müssen die Mehrheit ansprechen. Wir dürfen nicht glauben, dass die Verbindung von Minderheiten Mehrheiten schafft.